Lernen aus der Geschichte
Konstruktion der Erinnerung – Umgang mit der deutschen Diktatur-Erfahrung  
Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin; Copyright: picture-alliance/ dpaCD mit von den USA zurückgegebenen Rosenholz-Stasiakten. Copyright: picture-alliance / dpaMit der SED-Diktatur in der DDR und der Diktatur der National-sozialisten hat Deutschland im 20. Jahrhundert eine doppelte Diktatur-Erfahrung gemacht.

Der Umgang mit beiden historischen Phasen ist prägend für die Sicht der Deutschen auf ihre Geschichte, stellt aber auch im europäischen Kontext einen besonderen Fall dar.

Eines der gängigen Deutschland-Stereotypen ist das Bild von der deutschen Gründlichkeit. Es gilt als eine Art Siegel für Handwerk, Technik, Ordnungswesen – und inzwischen auch für die Auseinandersetzung mit der eigenen jüngsten Vergangenheit.

Ob es eine spezifische deutsche Gründlichkeit gibt, sei dahingestellt. Zweifelsohne aber hat die deutsche Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten sehr rege und diskursreiche Erinnerungsprozesse erlebt, in deren Verlauf die Beschäftigung mit den deutschen Diktaturen – der NS-Diktatur und dem SED-Regime – zu einer festen Größe des deutschen Geschichtsbewusstseins geworden ist.

Zwischen Verdrängung und Aufarbeitung: Umgang mit der NS-Geschichte

Der Weg dahin war keineswegs geradlinig. Die Nachkriegszeit war zunächst vom Beschweigen der Vergangenheit gekennzeichnet: Zu ungeheuerlich waren die Verbrechen und die Leidenserfahrungen. Auch in der DDR blieb – ungeachtet der Legende vom antifaschistischen, anderen Deutschland – die Aufarbeitung der NS-Zeit rudimentär. Nicht zu vergessen ist zudem die Einbindung beider Deutschlands in den so genannten Kalten Krieg, die die historische Erinnerung stets zu einem Instrument des systempolitischen Konflikts zu machen drohte.

Erst in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts erreichte die Diskussion über die NS-Verbrechen zumindest in der westdeutschen Bundesrepublik einen größeren gesellschaftlichen Raum. Ein wesentliches Charakteristikum dieser Entwicklung war das Engagement bürgerschaftlicher Initiativen, deren Beharrlichkeit sich letztlich auch auf die offizielle westdeutsche Politik entscheidend auswirkte.

DDR-Geschichte als Diktatur-Geschichte

Frühere Stasi-Haftanstalt in Erfurt. Copyright: picture-alliance/ ZB Die Erfahrungen aus dem Prozess der späten Annäherung an die NS-Geschichte haben das Tempo der Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur nach 1989/90 deutlich beschleunigt. Der Einstieg in die Aufarbeitung des SED-Unrechts erfolgte ungleich schneller und intensiver: Die Verzögerungsfehler von damals sollten nicht wiederholt werden.

Treibende Impulse kamen auch hier aus zivilgesellschaftlichen Initiativen, die an den verschiedenen ehemaligen Herrschafts-Orten Gedenk- und Dokumentationsstätten ins Leben riefen. Die Dynamik der Aufarbeitung erklärt sich zum Teil aber auch aus den anderen Rahmenbedingungen: Stand Deutschland nach 1945 vor einer selbstverschuldeten, globalen Katastrophe, die den Blick nach vorne opportun wie überlebenswichtig erscheinen ließ, so hatte die gesellschaftliche Öffentlichkeit im ausgehenden 20. Jahrhundert bereits ein wesentlich differenzierteres und (selbst)kritischeres Geschichtsverständnis verinnerlicht. Andererseits - dies soll nicht übergangen werden - spielten in der Aufarbeitung nach 1989/90 so mancher traditionelle ideologische Ost-West-Konflikt wie auch zeitgenössischer Ossi-Wessi-Gegensatz eine explosive Rolle.

Gestritten wurde und gestritten wird viel um die Reflektion und Einordnung der DDR-Geschichte. Dabei sind mehrere Kollisionsflächen erkennbar, einige wenige seien hier angesprochen.

Eingang zur Gedenkstätte ehemaliges Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg; Copyright: picture-alliance / HB Verlag

SED- und NS-Diktatur in der Gegenüberstellung

Besonders in den ersten Jahren nach dem Ende der SED-Herrschaft barg die Frage des Vergleichs beider deutscher Diktaturen erhebliche Sprengkraft. Der Terminus "Vergleich" wurde vielerorts kurzatmig als "Gleichsetzung" begriffen. Vorwürfe, man verharmlose die nationalsozialistischen Untaten oder minimiere die Menschenrechtsverstöße des SED-Staates, waren an der Tagesordnung und unverkennbar zeigte sich manches Mal die Tendenz zur Hierarchisierung der Diktaturen in schlimmere und weniger schlimme Regime. Herausgehobene Schauplätze dieser Debatten waren die Gedenkstätten mit doppelter Vergangenheit: nationalsozialistische Konzentrationslager wie Sachsenhausen oder Buchenwald, die nach dem Zweiten Weltkrieg als sowjetische Speziallager benutzt worden waren. Wiederholt kam es zu einem unwürdigen Schlagabtausch, der sich argumentativ auf die Höhe der Totenzahlen reduzierte. Zu lernen, dass die kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Diktaturerfahrungen der Anerkennung des jeweiligen Leids, der Benennung historischer Verantwortung und der sachlichen Analyse gleichermaßen bedarf, war und ist ein schwieriger Prozess.

Bewertung des Alltags in den deutschen Diktaturen

Ausstellung `Parteidiktatur und Alltag in der DDR´ im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Copyright: picture-alliance/ dpa Einen weiteren Kollisionspunkt stellt die Geschichte des Alltags in der DDR dar. Während die Geschichtsforschung zum Alltagsleben in der NS-Zeit eine primär kritische Orientierung verfolgt, steht die Darstellung des DDR-Alltags oftmals unter dem Vorbehalt der Weichzeichnerei. Nicht ganz zu Unrecht, betrachtet man gängige Meinungen und Urteile. Der DDR-Alltag wird oft als eine Nische außerhalb der Diktatur erfasst, als ein harmloses Potpourri aus Familie, Arbeitsplatz und Freizeit. SED und Stasi werden als Randerscheinung ausgeklammert, und selbst die Mangelversorgung in der DDR gerät zum Gegenstand nostalgischer Rückschau.

Natürlich hat nicht jeder Mensch in der DDR unmittelbar und bewusst die Repression des SED-Apparates erfahren und reklamiert daher womöglich für sich, in einem diktaturfreien Raum gelebt zu haben. Und selbstverständlich gibt es auch in einer Diktatur eine Alltagsnormalität. Doch genauso selbstverständlich ist dieser Alltag stets ein Teil der Diktatur – eine Erkenntnis, die sich erst allmählich ausbreitet.

Die Rolle des DDR-Staatssicherheitsdienstes

Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin; Copyright: picture-alliance/ dpa Ein Thema, das sporadisch eine erhebliche Medienpräsenz entfaltet, ist die Tätigkeit des DDR-Staatssicherheitsdienstes, der Geheimpolizei der SED. Von Zeit zu Zeit lancieren ehemalige Stasi-Offiziere öffentlichkeitswirksame Kampagnen, in denen sie zu belegen versuchen, die Staatssicherheit sei ein Geheimdienst wie jeder andere gewesen. Dass Menschrechtsverletzungen und Rechtsverstöße zum Kern der alltäglichen Stasi-Arbeit zählten (die überlieferten Stasi-Unterlagen geben hierüber zweifelsfrei Auskunft), verleugnen oder verbrämen sie. Ihre strategisch gezielt vorbereiteten Auftritte in öffentlichen Veranstaltungen erzielten zeitweilig einen unrühmlichen Bekanntheitswert. Die Hauptwirkung dieser Initiativen dürfte auf politisch einschlägige Kreise begrenzt sein. Zugleich darf man Bemühen ehemaliger Stasi-Mitarbeiter, in Schulen und Gedenkstätten aktiv zu werden, nicht übersehen. Die Notwendigkeit einer lebendigen Aufarbeitung als Korrektiv gegen die Verzerrung und Instrumentalisierung von Geschichte unterstreicht es allemal.

Deutsche Geschichte im europäischen Kontext

Die hier skizzierten Debatten zur zeithistorischen Erinnerungskultur haben ihre spezifisch deutschen Themenmotive, und sie erklären sich in vielerlei Hinsicht erst aus dem besonderen Zusammenhang der zweifachen deutschen Diktaturgeschichte und der deutsch-deutschen Doppelexistenz.

Gleichzeitig aber sind sie auch im gesamteuropäischen Kontext aussagekräftig, spiegeln sie doch im nationalen Rahmen, was Europa in transnationaler Perspektive betrifft.

Mit der EU-Osterweiterung seit 2004 hatte sich das europäische Geschichtstableau deutlich verändert. Zum historischen Fluchtpunkt der NS-Herrschaft traten die Erfahrungen durch die kommunistischen Diktaturen hinzu, oder präziser: West- und osteuropäische Geschichtswelten prallten unvermittelt aufeinander, rangen um ihren Einflussraum und lösten einige tektonische Verschiebungen im europäischen Selbstverständnis aus. Die Inhalte und Reflexe ähnelten dabei denen, die wir in der gesamtdeutschen Diktaturen-Diskussion kennen gelernt haben. Das Misstrauen gegenüber dem neuen Mitakteur, die Furcht vor Bedeutungsverlust, der Vorwurf der Verharmlosung oder Übertreibung, die Warnung vor einer Revision ausgehandelter Geschichtsbewertungen und einer damit verbundenen Schlussstrichmentalität.

Wie in Deutschland, so stehen auch in Europa der Ausgleich zwischen den verschiedenen Diktatur-Erfahrungen (vergessen wir dabei im Übrigen nicht die Diktaturen von Franco, Salazar oder Papadopoulos) und ihre Integration in ein gemeinsames Grundverständnis unweigerlich auf der Tagesordnung. Und vielleicht können die innerdeutschen Prozesse der Wahrnehmung, Annäherung und Akzeptanz zu einer produktiven Weiterentwicklung der gesamteuropäischen Diktaturendebatte beitragen. Die sicherlich nicht unwichtigste Erkenntnis wäre, dass zivilgesellschaftliches Bewusstsein und die Orientierung an Menschenrechtsfragen die alten starren Grenzen politischer Lagereinteilung zu überbrücken und angemessene neue Frageräume zu öffnen vermögen.


Dr. Gabriele Camphausen
ist seit Dezember 2002 Fachbereichsleiterin für Politische Bildung bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Seit 1998 Vorsitzende des Vereins Berliner Mauer (Trägerverein der Gedenkstätte Berliner Mauer).

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April 2007


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Schon seit den frühen Achtzigerjahren gibt es in Deutschland Debatten um zeitgemäße und angemessene Formen des Gedenkens.
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