"Der Sinn von Politik ist Freiheit" - Hannah Arendt

Ihr Leben wurde entscheidend geprägt vom Totalitarismus. Auf ihn und ein Verstehen seiner Ursachen richtete sich ihr Denken in erster Linie. Eine Biographie, wie sie nur das 20. Jahrhundert hervorbringen konnte, und eine Philosophie, die ebenso notwendig mit den Katastrophen ihrer Zeit verbunden ist, wenden sich mit Hannah Arendt an die Bürger demokratischer Gesellschaften – mit eindeutiger Botschaft.
Sie wandelte sich von der zionistischen Aktivistin zur streitbaren Philosophin, von der leidenschaftlichen Journalistin zur ernsthaften Theoretikerin. Leben und Werk der Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt haben in der deutschen Öffentlichkeit nach wie vor eine singuläre Wirkung. Nach ihr werden Schulen und Straßen benannt, ihr sind ein Forschungsinstitut und ein Preis für politisches Denken gewidmet. Längst ist die einst so umstrittene Publizistin zu einer Ikone freiheitlichen Denkens und einer Art Vorzeige-Intellektuellen geworden. Die, die aus Deutschland vertrieben wurde und im "Land der Freiheit" eine neue Heimat fand, wurde gerade in Deutschland mit Preisen und Ehrungen überhäuft. Am 14. Oktober 2006 wäre Hannah Arendt hundert Jahre alt geworden.
"Ihm verdanke ich alles!"
1906 wird Johannah Arendt in Hannover geboren, ihre Familie, politisch beheimatet in einer liberalen Sozialdemokratie, übersiedelt drei Jahre später ins ostpreußische Königsberg. Der Vater stirbt früh, die Mutter heiratet ein zweites Mal und die Heranwachsende, die plötzlich mit zwei älteren Stiefschwestern und einem neuen Mann an der Seite ihrer Mutter konkurrieren muss, wendet sich früh der Welt der Bücher zu. Die Sechzehnjährige zitiert aus der Kritik der reinen Vernunft des berühmtesten Königsbergers und gründet einen Lesezirkel für antike Schriften. Mit achtzehn geht sie nach Marburg, wo sie Philosophie, Theologie und klassische Philologie studiert. Sie verliebt sich in einen verheirateten, siebzehn Jahre älteren Professor namens Martin Heidegger, der mit ihr ein Verhältnis beginnt, sie aber bald schon bedrängt, nach Heidelberg zu gehen, um dort bei Edmund Husserl zu studieren. Ihr Mentor in Heidelberg wird jedoch Karl Jaspers, bei dem sie mit einer Arbeit über Augustinus 1928 promoviert. Mit Heidegger bleibt sie ein Leben lang schicksalhaft verbunden. Als er 1933 in die NSDAP eintritt, bricht sie jeden Kontakt ab. Nach 1950 aber ergreift sie, die Jüdin, für den massiv in die Kritik geratenen Denker Partei und verteidigt ihn öffentlich. Arendt bekennt in späteren Jahren: "Wie und was ich bin, geht auf Heidegger zurück; ihm verdanke ich alles!""Ein beliebiger Hanswurst"
Der Totalitarismus der Nationalsozialisten zwingt Hannah Arendt 1933 zur Flucht; zunächst nach Frankreich, wo sie im jüdischen Untergrund aktiv ist und eine enge Freundschaft zu Walter Benjamin entwickelt, 1940 dann in die USA, wo sie ein Jahrzehnt später die Staatsbürgerschaft erhält und neben der journalistischen ihre akademische Laufbahn beginnt. Ihr Agieren ist beseelt von der Vorstellung, ein politisches Bewusstsein in der jüdischen Weltöffentlichkeit zu wecken. Bereits 1941 fordert sie eine selbstständige jüdische Armee im Verbund der Alliierten. 1955 gründet sie u.a. mit Martin Buber das "Leo Baeck Institute" in New York, eine der wichtigsten Dokumentations- und Forschungsstätten für die Geschichte der deutschsprachigen Juden. Für das Magazin The New Yorker beobachtet sie 1961 in Jerusalem den Prozess gegen Adolf Eichmann, der im NS-Regime die Deportation von Millionen Juden in die Vernichtungslager in Osteuropa verwaltete. Es entsteht ihre Schrift Eichmann in Jerusalem, für die sie heftig kritisiert wird. Arendt führt darin aus, mit dem "Durchschnittsbürokraten" Eichmann habe eben "kein Teufel in Menschengestalt", sondern "ein beliebiger Hanswurst" den Holocaust organisiert. Arendts Ausspruch von der "Banalität des Bösen" wird zur geflügelten Redewendung."Ich will verstehen."
In ihrem politikwissenschaftlichen Hauptwerk The Origins of Totalitarianism (dt. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) untersucht Arendt die beiden großen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, den Nationalsozialismus und den Stalinismus, und findet historische Wurzeln im Nationalstaat des 18. und 19. Jahrhunderts. Außerdem stellt sie Zusammenhänge mit der Entwicklung des Imperialismus und des Antisemitismus in Europa her.Ihr philosophisches Hauptwerk Vita activa oder Vom tätigen Leben wendet sich eher handlungstheoretischen Fragen zu. Arendt unterscheidet zwischen der "Arbeit" als der unmittelbar lebenserhaltenden Tätigkeit, dem "Herstellen" als der vergegenständlichenden Tätigkeit und dem "Handeln" als der echten und höchsten Tätigkeit, in der die Menschen miteinander in Interaktion treten. Dies versteht Arendt vor allem im Sinne einer politischen Praxis. Ihr ist es um ein Handeln in Verantwortung für sich und andere zu tun, um Respekt und Pluralität der Meinungen. Vor diesem Hintergrund ist ihr leidenschaftlicher Appell zu sehen, den sie 1959 bei der Entgegennahme des Lessing-Preises der Stadt Hamburg an ihr Publikum richtet: "Sie haben die Möglichkeiten – und daher auch die Verpflichtung – sich darum zu kümmern, die Welt so zu ändern, dass Verfolgung und Versklavung in ihr nicht mehr möglich sind."
Hannah Arendt starb am 04.12.1975 in New York.
| Bibliographie (Auswahl): |
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Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Piper, München 2003. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper, München 2002. Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Piper, München 1986. Karl-Heinz Breier: Hannah Arendt zur Einführung. Junius, Hamburg 1992. Ingeborg Gleichauf: Hannah Arendt. dtv, München 2005. Barbara Hahn: Hannah Arendt – Leidenschaften, Menschen, Bücher. Berlin-Verlag, Berlin 2005. Kurt Sontheimer: Hannah Arendt. Piper, München 2005. Text + Kritik: Hannah Arendt. Bd. 166/167, S.92-101 , Göttingen 2005. Joachim Fest: Begegnungen. Rowohlt, Reinbek 2004. |
arbeitet nach seinem Studium der Philosophie als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte
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Januar 2006








