Philosophie und Religion

Der „Buddenbrooks-Effekt“ – die Finanzkrise aus soziologischer Sicht

Die New Yorker Börse; © ColourboxDie New Yorker Börse; © ColourboxDie gegenwärtige Weltwirtschaftkrise, deren Ursachen und deren Überwindung, interessiert natürlich auch die Soziologie. Schließlich sind geplatzte Hypothekenkreditblasen, „intelligente Finanzprodukte“ und gigantische Fehlspekulationen letztlich Folge einer Sinn- und Orientierungskrise der Gesellschaft.

Die Wirtschaftskrise ist auch, vielleicht sogar vor allem, eine gesellschaftliche Krise. Nicht nur, dass die Krise gesellschaftliche Auswirkungen hat – auch ihre Ursachen sind in gesellschaftlichen (Fehl-)Entwicklungen zu suchen. Von einem „kollektiven Buddenbrooks-Effekt“, spricht Christoph Deutschmann, der an der Universität Tübingen Soziologie lehrt und sich unter soziologischen Aspekten mit dem Thema Geld auseinandersetzt.

Genauso wie die Lübecker Familie in Thomas Manns Roman Die Buddenbrooks aus dem Mittelstand in die städtische Oberschicht aufgestiegen und schließlich untergegangen ist, genauso sind breite Teile der Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland zu Geld gekommen. „Mit der strukturellen Aufwärtsmobilität in der Gesellschaft kommt es zu einem wachsenden Ungleichgewicht an den Vermögensmärkten derart, dass einem überproportionalen Wachstum der Anlage suchenden Finanzvermögen eine sinkende Zahl potenziell solventer Schuldner gegenübersteht“, sagt Deutschmann.

Auf dem 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der im Herbst 2008 in Jena stattfand, beschrieb Deutschmann ein gemeinsames Muster der von 1618 bis 1998 stattfindenden 38 Krisen und berief sich dabei auf eine Studie von Charles P. Kindleberger und Robert Aliber mit dem bezeichnenden Titel Manias, Panics and Crashes. Die allen untersuchten Wirtschaftskrisen gemeinsamen Merkmale sind demnach:

1. Instabile Finanzmärkte, die die Krisensymptome nicht durch Ausgleich bearbeiten, sondern durch Verstärkung;

2. Das Kreditwesen heizt diese Bewegung, nach oben oder nach unten, zusätzlich an;

3. Die Finanzmarktkrisen verteilen das vorhandene Kapital neu zu Lasten breiter Gesellschaftsschichten;

4. Die an den Finanzmärkten tätigen Akteure erweisen sich als lernunfähig.

„Recht auf Rendite“

Börsenmakler; © ColourboxIst die gegenwärtige Krise also eine von vielen? Deutschmann verneint: „Neu ist nicht nur das Ausmaß und die globale Dimension der Krise“, sagt er und erwähnt die Zunahme des Finanzvermögens in Teilen der Mittelschicht seit den 1980er-Jahren. Dieses freie Kapital habe zu einer Überliquidität geführt. Hinzu kam das Bewusstsein, dass es möglich ist, ohne Arbeit, also durch reinen Kapitaleinsatz, durch Zinsen und Dividenden, Einkommen zu erzielen. Das wiederum hat die Nachfrage nach einer professionellen Anlageberatung und schließlich zum Aufstieg der Fond-Industrie geführt.

Deutschmann sieht die Ursache der aktuellen Finanzkrise denn auch weniger in den kriminellen Machenschaften einzelner Betrüger und Spekulanten. „Geht nicht der in Mittelschichtskreisen so gern beklagte ‚Terror der Ökonomie‘ zu einem guten Teil auf die gut entwickelten finanziellen Instinkte der gleichen Mittelstandsbürger selbst zurück?“ fragt er und macht ein weit verbreitetes Bewusstsein von einem „Recht auf Rendite“ ausfindig.

„Verfall einer Familie“

Den Aufstieg der Buddenbrooks folgte der „Verfall einer Familie“ so der Untertitels des Romans von Thomas Mann. So weit will Deutschmann nicht gehen: „Die deutsche Gesellschaft ist zwar von dem Endstadium des kollektiven Buddenbrooks-Effektes noch weit entfernt, hat aber auf dem Weg zu ihm durchaus schon ein gutes Stück zurückgelegt“, sagt er und diagnostiziert, dass es seit den 1990er-Jahren deutlich schwieriger geworden ist, gesellschaftlich aufzusteigen. Die Häufigkeit der sozialen Abstiege aus den Mittelschichten hätte hingegen seit dem Jahr 2002 deutlich zugenommen.

Wirtschaftskrisen sind vor allem Vertrauenskrisen

Cover der Erstausgabe des Romans „Die Buddenbrooks“ von Thomas MannEinem anderen soziologischen Phänomen ist Guido Möllering vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung auf der Spur. Der promovierte Betriebswirt erforscht seit mehr als einem Jahrzehnt, welche Rolle Vertrauen in der Wirtschaft allgemein und insbesondere zwischen Unternehmen spielt. „Nicht jede Wirtschaftskrise ist auch eine Vertrauenskrise, doch man braucht Vertrauen, um die Krise zu meistern. Die derzeitige Entwicklung hat auch sehr viel mit Täuschung und mangelndem Misstrauen zu tun. Denn das Vertrauen in eine ständig sich nach oben entwickelnde Wirtschaft und das Vertrauen in die beteiligten Akteure ist gefährlich hoch gewesen und musste früher oder später enttäuscht werden.“

Vertrauen oder Kontrolle

Den massiven Vertrauensverlusten folgt der Ruf nach mehr Kontrolle. Ein Irrweg, meint Möllering. „Bei jedem Vertrauensmissbrauch wird immer gleich nach mehr Kontrolle gerufen. Das ist ein Reflex, der wenig bringt. Wer kontrolliert die Kontrolleure? Das führt nur zu einer Spirale des Misstrauens. Kontrolle bremst und wirkt wie Sand im Getriebe, Vertrauen hingegen wirkt wie ein Schmiermittel“, sagt er und plädiert dafür, die derzeitige Krise auch als Chance zu sehen.

Das Wiederherstellen von Vertrauen ist für Möllering ein Schlüssel zur Überwindung der Krise. „Jetzt sind grundlegende Entscheidungen notwendig, aus denen auch eine bessere Zukunft erwachsen kann“. Doch welche grundlegenden Entscheidungen sollen dies sein? Am Ende, so will es scheinen, ist es auch diesmal wie meist: Die Diagnose fällt sehr viel leichter als die Therapie.

Richard Lamers, M.A.
studierte Geschichte und Germanistik und arbeitet als freier Journalist mit den Schwerpunkten (Zeit-)Geschichte, Wirtschaft, Religion und Philosophie in Köln.

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März 2009

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