Zum Teufel mit Darwin? Kreationismus in Deutschland

Laut einer aktuellen Umfrage glaubt jeder fünfte Deutsche, dass der Mensch von Gott erschaffen wurde. Zu den radikalsten Gegnern der Darwinschen Evolutionslehre gehören auch in Deutschland die Kreationisten. Sie nehmen die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich oder begreifen das Leben zumindest als zielgerichtetes Intelligent Design einer höheren Macht.
Sphärische Klänge, Fanfaren und Choräle. Der Blick schweift über eine sterile Landschaft, in der sich märchenhafte Gebäude erheben. Ein überdimensionales Schneckenhaus symbolisiert die Schöpfung, ein monströser Kubus das feurige Endzeitgericht. Im Zentrum liegt wie ein Flugzeugträger der kolossale Leib einer hölzernen Arche. Hinter allerlei Palästen und Tempeln ragt der Rohbau des Turms zu Babel in den Himmel. Rechts und links ein glasüberdachter Garten Eden und ein römisches Amphitheater, dazwischen Kinos, die Altstadt von Jerusalem, Park- und Wasserlandschaften mit Himmel- und Höllebahn. „Genesis-Land“ prangt in gemeißelten Lettern auf dem steinernen Portal, über das sich ein bunter Regenbogen spannt.
Schöpfungsgeschichte als Erlebnispark
Noch ist das biblische Disneyland von Gian-Luca Carigiet lediglich als 3D-Animation im Internet zu bewundern. Doch für den frommen Schweizer Unternehmensberater ist die Realisierung nur noch eine Frage der Zeit. Die Finanzierung des rund 200 Millionen Euro teuren Projekts, hinter dem der kreationistische Verein ProGenesis steht, scheint gesichert. Was noch fehlt, ist ein geeignetes Areal für den 500.000 Quadratmeter großen Erlebnispark. Seit sich die ursprünglichen Pläne zur Errichtung im Rhein-Neckar-Raum zerschlagen haben, stehen die Großräume Berlin und München im Fokus der Genesis-Land AG.
Gescheitert ist Carigiets „Zeitreise von der Schöpfung bis zur Vollendung“, die den „Plan Gottes mit den Menschen“ erlebbar machen will, am massiven Widerstand der evangelischen Landeskirche von Baden-Württemberg. „Ein solches Projekt steht uns bei der Vermittlung des Glaubens nur im Weg“, meint ihr Weltanschauungsbeauftragter Hansjörg Hemminger. Er beruft sich auf eine „Orientierungshilfe“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die im April 2008 klare Grenzen zum Kreationismus gezogen hatte. Gemeinsam mit dem „neuen Atheismus“, der den biblischen Schöpfungsglauben bekämpfe, wird er als „Irrweg“ verdammt.
Deutungsrahmen der Bibel
Die Haltung deutscher Protestanten zum Kreationismus ist ambivalent. Das macht eine Erklärung der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) deutlich, zu der 14 von der Staatskirche unabhängige reformatorische Gemeinschaften mit rund 260.000 Gläubigen gehören. Ihr Beauftragter am Sitz der Bundesregierung, Peter Jörgensen, distanziert sich zwar klar vom Fundamentalismus der US-amerikanischen Evangelikalen, der zunehmend auch hierzulande greift, nicht aber von dem aus den USA stammenden kreationistischen Gedankengut und seinen bildungspolitischen Forderungen.
„Vertreter der Evolutionstheorie, aber auch des Intelligent Design und des Kreationismus haben ihren Platz in den Freikirchen“, heißt es bei Jörgensen. „Als VEF sind wir der Meinung, dass es unangemessen ist, aus religiöser Haltung heraus die Wissenschaften zu diskreditieren. Jedoch reklamieren wir auch, dass es umgekehrt ebenso unangemessen ist, für wissenschaftliche Überzeugungen eine areligiöse Haltung zur Vorbedingung zu machen.“
Dass die Freikirchen kreationistische Ideen zumindest für beachtenswert halten, belegt die Website des Verbandes Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS), dem bundesweit 70 Schulen angehören. Derzeit unterrichten sie 25.000 Schüler und finden dabei auch bei vielen unreligiösen Familien aus der Mittelschicht Anklang. Ihre Lehrer sind angehalten, den zu vermittelnden Unterrichtsstoff „ganzheitlich am Deutungsrahmen der Bibel“ zu orientieren. Im Schweizer „prochristlichen Magazin“ Factum äußerte VEBS-Generalsekretär Berthold Meier seine Überzeugung, dass eine Schule, deren Bekenntnis sich am Glauben an das Wort Gottes orientiert, geradezu verpflichtet sei, auch schöpfungstheoretische Alternativen zu diskutieren.
Hilfe aus der Wissenschaft
Stammautor der Zeitschrift Factum ist auch Werner Gitt, Direktor im Ruhestand des Fachbereichs Informationstechnologie der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Als eifriger Streiter für den Kreationismus engagiert sich der ehrenamtliche Älteste der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde „Braunschweiger Friedenskirche“ unter anderem für die sogenannte Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“, die als Forum für Anhänger des Intelligent Design gilt, einer wissenschaftlich argumentierenden Variante des Kreationismus.
Attraktiv macht diese Organisation, dass ihre prominentesten Vertreter aus Naturwissenschaften, Medizin und Technik stammen. Dazu gehört Siegfried Scherer, Professor für Mikrobielle Ökologie am Wissenschaftszentrum der Technischen Universität München in Freising-Weihenstephan. Zusammen mit dem Biologielehrer Reinhard Junker hat Scherer Evolution – ein kritisches Lehrbuch geschrieben. Wie Creatio – das Lehrbuch zur Schöpfungslehre aus der Feder des Diplombiologen Alexander vom Stein gehört es zur Unterrichtslektüre in Bekenntnisschulen.
„Ideologischer Evolutionismus“?
Scherer hat nie einen Hehl aus seiner religiösen Gesinnung und seiner kritischen Einstellung zum Darwinismus gemacht. „Als Biologe bin ich der Überzeugung, dass Kernprobleme der Evolutionstheorie bisher nicht gelöst wurden“, so der mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftler mit Forschungsschwerpunkten in Taxonomie und Evolution. „Ich finde es einigermaßen verblüffend, dass es Evolutionsbiologen gibt, die eine grundlegende naturwissenschaftliche Kritik an der Evolutionstheorie kategorisch ablehnen.“
Scherers Ansicht nach trägt „diese, wie auch immer motivierte Ausblendung von Argumenten ideologische Züge. Die Evolutionstheorie wird in diesem Fall zum Evolutionismus und wird faktisch nicht nur in den Rang der Unfehlbarkeit, sondern auch in den Status der Unantastbarkeit erhoben.“
Die kreationismuskritische AG Evolutionsbiologie im Verband Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin (VBio) reagiert auf derlei Vorwürfe mit dem Argument, dass Naturwissenschaft alle übersinnlichen Erklärungsversuche solange ausschließt, wie diese nicht empirisch bewiesen sind. „Nur wenn man konsequent davon ausgeht, dass es in diesem Universum keine ‚kausalen Löcher‘ gibt, in denen sich Götter, Geister oder sonstige außerweltliche Entitäten tummeln, ist es möglich, ein Netzwerk aus erklärungsmächtigen, sich gegenseitig erhellenden Theorien zu konstruieren, das uns ein über die Einzeldisziplin hinausreichendes Weltverständnis vermittelt“, sagt der geschäftsführende Biologiehistoriker Martin Neukamm.arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de








