Film

„Titten, Techno und Trompeten“ - Berlin ruft.

Berlin Calling Ickarus ist ein Berliner DJ, der gut gebucht viel unterwegs ist um das Partyvolk auf der ganzen Welt mit seiner Musik zu beglücken. Er ist bei einer Plattenfirma unter Vertrag, arbeitet an einer neuen Platte. Seine Freundin Mathilde ist gleichzeitig seine Managerin. Geld scheint kein Problem zu sein und auch wenn er nicht in Reichtum zu schwimmt, Geld für Kokain ist immer da. Für ihn also alles super.

Wäre da nicht eine kleine Pille gewesen. Diese eine Pille, die Icke in die Psychiatrie bringt und nicht nur seine Drogenabhängigkeit offen legt, sondern auch Geschichten über das Erwachsenwerden und die Verantwortung, über die Familie und ihren Zusammenhalt und über die Grenzen der Liebe und die Einsamkeit berichtet.

Der in Leipzig geborene Paul Kalkbrenner steht in Berlin Calling zum ersten Mal als Schauspieler vor der Kamera. In den Anfangsszenen noch etwas schlaksig und ungeschickt wirkend, steigert er sich im Verlauf der Handlung zu einem DJ Ickarus, der genau das spielt, was vielen nicht so gut gelingt: Die Erschaffung einer fiktiven Filmfigur, die sich aus dem zusammensetzt, was Kalkbrenner selber ist und dem, was Hannes Stöhr, der Regisseur des Films, ihn dramaturgisch werden lässt.

Der Film Berlin Calling zeigt Techno als moderne Rebellion, denn wie manch andere Bewegung schwingt ihr Rhythmus gegen die Norm der Gesellschaft. In der Szene lassen sich Zwänge des Alltags abstreifen. Was zählt, ist die Musik, das Wir-Gefühl sich gegenüber den „Anderen“ oder „Normalen“ abgrenzen zu können. Was außerhalb der Lautstärke-Reichweite der Musik liegt, bleibt dem feiernden Volk über den Einzelnen verborgen. Keiner interessiert sich dafür, wer du bist, wenn du am Montag Morgen wieder zu Arbeit gehst. Electro erschafft einen Freiraum tanzend alle Geschichten des Lebens hinter sich zu lassen und in der Masse unterzutauchen. Electro bietet die Möglichkeit jemand anderes zu sein, nämlich der, der man sein will oder der, der man im Alltag nicht sein kann. Da das Leben in der Nacht dann stattfindet, wenn der Durchschnitt der Gesellschaft schläft oder gerade wieder aufgestanden ist, wird ein Paralleluniversum erschaffen, welches Zeit und Raum verschwinden lässt. Was zur Herausforderung wird, ist der normale Alltag. Von dem Wochenend-Tanz-Marathon in den Wochentagsrhythmus zu wechseln ist eine Wanderung zwischen zwei Welten. Viele der Partywütigen sind erst gegen Mitte der darauf folgenden Woche wieder fit. Paul Kalkbrenner sagte in einem Interview, dass ihm mit zunehmendem Alter bewusst wird, dass die Gesellschaft nur zusammenhält, weil der Großteil der Menschen nicht so wie die Technoszene und ihre Anhänger ist. Das „Anormale“ kann nur existieren, weil 99 % der Gesellschaft das „Normale“ praktizieren. Spricht aus seinen Worten eine gewisse Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die den Spielraum Techno-Szene ermöglichen?

Der Regisseur Hannes Stöhr verweist darauf ein Musikerportrait kreiert haben zu wollen, welches sich mit dem Thema „Kunst und Wahnsinn“ beschäftigt. Ein Künstler will durch die halluzinogene Wirkung von Drogen kreativ sein. Dabei verbindet er Arbeit und Drogen mit seinem privaten Leben und droht daran zu Grunde zu gehen. Ickes Problem, so seine Produzentin, liegt in seiner Selbstüberschätzung. Wodurch wird diese begünstigt? Durch seinen Erfolg? Durch die Tourneen? Durch die Massen, die Ickarus zujubeln? Oder doch durch die Drogen, die Ickarus selber nimmt? Im Film allerdings sieht man Ickarus hauptsächlich Drogen konsumieren, wenn er selber feiern geht. Eine Verbindung zwischen Drogen und einem gesteigerten Kreativitätsprozess kann also im Film zu keiner Zeit eindeutig hergestellt werden. „Kunst und Wahnsinn“ bedingt sich lediglich aus einer Kette an miteinander in Beziehung stehenden Bestandteilen, dessen Abhängigkeit voneinander zu hinterfragen ist. Könnte die Szene ohne Drogen funktionieren? Kann Ickarus ein Leben in einer solchen Szene führen, ohne sich vom chemischen Rausch der Nacht einfangen zu lassen? Dass er ohne Drogen kreativ sein kann und sogar besser und scharfsinniger produziert, beweist das in der Psychiatrischen Klinik entstandene Album „Titten, Techno und Trompeten“, später „Berlin Calling“ genannt.

Witzig und beeindruckend gespielt ist unter anderem die Szene, in der Ickarus die „schräge Abfahrt“ durch die Einnahme dieser einen „bösen Pille“ erlebt, ein Beispiel dafür, dass Stöhr in diesem Film Tragik und Witz nah beieinander legt. Obwohl der Zuschauer beim Anblick des auf dem Tisch verteilten Joghurts und des nackten, aber dennoch schwitzenden, Ickarus auf die Schenkel klopft, schwingt bei jedem Schmunzeln eine gewisse Ahnung mit, dass dieser Trip schwerwiegende Folgen haben wird. Auch die Gestalten auf der psychiatrischen Station, auf der sich auch Ickarus wieder findet, werden stark überzeichnet, witzig dargestellt, sind aber gleichzeitig traurige Gestalten, die ihren Platz in der Gesellschaft verspielt zu scheinen haben.

Der Hauptdarsteller des Films Paul Kalkbrenner ist zu 49 % DJ Ickarus. DJ Ickarus ist zu 49 % Paul Kalbrenner. Wie rum man diesen Satz auch dreht, eines wird klar: Im Film Berlin Calling vermischt sich Authenzität mit Fiktion. Die Darstellung einer fiktiven Handlung, die aber selbst auch noch mit realen Details ausgekleidet ist, wird in eine Szene projiziert, die durch echte Repräsentanten an Leben gewinnt. In Hannes Stöhrs Film grölen wirkliche Festival-Gänger mit Riesen-Horn-Brillen der Sonne entgegen. Im Maria, einem der angesagtesten electro- Clubs Berlins, bewegen sich wahre Clubbesucher zum pulsieren Bass des Live-Acts Paul Kalkbrenner, der in dieser Szene er selber ist, aber auch DJ Ickarus, den Hauptdarsteller des Films, verkörpert. Grenzen werden unklar, und es wird einmal mehr deutlich, was dieser Film vor allem sagen will: Schwarz und weiß gibt es nicht, nur einen Grauton, der in verschiedenen Stufen und Nuancen das Leben bestimmt und die Höhepunkte der Freuden und Leiden unserer Geschichte farblich charakterisiert. So betonen Paul Kalkbrenner wie auch Hannes Stöhr immer wieder keinen moralischen Zeige-Finger-Film gedreht zu haben. Jeder Mensch hat in jeder Situation die Gelegenheit sich neu zu entscheiden. Dabei wird eine Entscheidung, in welche Richtung sie auch gehen mag, im Film nicht bewertet. Was gemeint ist, scheint allgemeingültig zu sein. Entscheidungen sind mit Konsequenzen verbunden. Heißt im Sinne des Films: Der Konsum von Drogen obliegt der Verantwortung des Individuums, wenn man sich für den Konsum entscheidet, sollte man aber wissen, was man nimmt und wie es sich zusammensetzt.

Am Ende des Films scheint bildlich gesehen der Anfang des Films zu sein. Mathilde und Icke sitzen auf dem Flughafen, sie sind unterwegs zu ihrem nächsten Auftritt. Die Frage, die sich nun dem Zuschauer stellt, ist: Ist denn wirklich alles genauso wie am Anfang? Oder sehen wir zwar die gleichen Menschen, die gleichen Orte, erkennen aber parallel auch das Tragische in dieser Situation? Denn wir wissen nicht, ob Icke und Mathilde wieder zueinander gefunden haben, wir wissen nicht, ob es Ickarus schaffen wird, Kunst zu machen und den Drogen widerstehen zu können. Das Leid des Ex-Süchtigen, der sich durch die Liebe zur Musik nicht aus dem Umfeld des Drogenkonsums befreien kann, sondern akzeptieren muss, dass sie für einige seiner Bewunderer Teil der Szene sind, hinterlässt einen melancholischen Unterton im Klangkollektiv des hervorragenden Soundtracks von Kalkbrenner, der den Film in fast allen Situation trägt, untermalt, bestimmt und ihn maßgeblich zu dem macht, was er ist.

Ira Goldbecher
Goethe-Institut Korea
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