„Digital Concert Hall“: Beethoven auf der Datenautobahn

Mit ihrer „Digital Concert Hall“ haben die Berliner Philharmoniker ein neues Kapitel in der Mediengeschichte aufgeschlagen: Seit Januar 2009 kann man jedes ihrer Konzertprogramme live über das Internet empfangen.Für Simon Rattle liegt in dem Projekt die Zukunft der Klassik: Die Menschen würden immer mehr erwarten, Musik ebenso selbstverständlich daheim zur Verfügung zu haben wie fließendes Wasser, erklärt der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in einem Interview auf der neu gestalteten Website des Orchesters. Und mit der „Digital Concert Hall“ hätten sich die Berliner Philharmoniker jetzt an die Spitze dieses Trends gesetzt.
Vorbild für andere Orchester
Tatsächlich steht das Thema Internet derzeit bei vielen großen Klassik-Institutionen ganz oben auf der Agenda. Dank der rapiden Verbesserung der Übertragungsgeschwindigkeiten für große Datenpakete ist jetzt möglich, was vor fünf Jahren noch eine Vision war: Konzerte und Opernaufführungen in HiFi-Qualität und optischer Detailschärfe auf dem heimischen PC zu verfolgen. Im vergangenen Sommer boten die Bayreuther Festspiele erstmals eine Opernproduktion, die Meistersinger-Inszenierung Katharina Wagners, als Liveübertragung im Internet an. Doch während Live-Oper im Internet aufgrund des erheblich größeren Aufwands noch immer die Ausnahme ist, wird der Konzertbesuch via DSL wohl bald zum Alltag gehören. Der Internet-Auftritt der Philharmoniker sei nicht nur beim Publikum, sondern auch bei der Konkurrenz auf großes Interesse gestoßen, berichtet Tobias Möller, der Marketing-Chef des Orchesters: „Das Concertgebouw-Orchester aus Amsterdam beispielsweise hat uns gratuliert, dass wir ihnen zuvor gekommen sind. Und auch Los Angeles Philharmonic plant, ins Netz zu gehen, und hat sich bei uns schon intensiv nach den Details erkundigt.“
Drei Jahre Entwicklungsarbeit
Damit die Vision Wirklichkeit werden konnte, war jedoch eine Menge Entwicklungsarbeit nötig. Denn das Projekt sollte sich schließlich auch finanziell tragen. Deshalb galt es, den Aufwand der Übertragung so gering zu halten wie möglich. Von Anfang an war klar, dass es keine Kamerateams im Saal geben und dass die Schaltzentrale für die Übertragung nicht viel Platz beanspruchen durfte. Probleme, die die Philharmoniker in drei Jahren mühseliger Kleinarbeit lösten: Wenn Sir Simon jetzt den Taktstock hebt, reichen drei Techniker in einem kleinen Raum hinter der Orgelempore der Philharmonie aus, um das Ergebnis über fünf diskret im Saal angebrachte Kameras einzufangen, den Ton abzumischen und das Ergebnis via DSL-Datenautobahn in drei verschiedenen, auf die PC-Kapazität abgestimmten Versionen in alle Welt zu verschicken.Ab 6.000 Zuschauern pro Konzert käme die „Digital Concert Hall“ in die Gewinnzone, schätzt Möller. Die Chancen dafür, dass das bald der Fall sein wird, stehen nicht schlecht: Schon bei der Premiere am 6. Januar 2009 saßen mehr Zuschauer am PC als in der Philharmonie. Und Ende Januar lag die Zahl der Internet-Konzertbesucher bei durchschnittlich 1.700 – vierzig Prozent davon aus Deutschland, die übrigen vor allem aus Japan, den USA und Spanien. Viele nutzten die Möglichkeit, das Konzert innerhalb eines Zeitkorridors von 48 Stunden abzurufen. Die meisten erstanden gleich das mit 149 Euro relativ kostengünstige Saison-Abonnement, das zugleich den Zugriff auf ein Archiv mit allen Konzerten ermöglicht, die seit Anfang der Saison aufgezeichnet wurden.
Gute Figur machen
Die Vorlieben des Internet-Publikums seien dabei die gleichen wie die der Berliner Konzertbesucher, erklärt Möller: „Gefragt sind natürlich vor allem die Konzerte mit Simon Rattle – vor allem dann, wenn er die Stücke des Kernrepertoires dirigiert.“ Die Neugier auf Raritäten wie Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri halte sich dagegen eher in Grenzen.Für die Berliner Philharmoniker hat sich mit der „Digital Concert Hall“ übrigens noch etwas geändert: Weil ihnen ab jetzt fünf ferngesteuerte Kameras in Nahaufnahme auf den Leib rücken, sollen die Musiker verstärkt auf ihr Äußeres achten: „Wir müssen uns jetzt noch sorgfältiger rasieren und unsere roten Nasen pudern“, ermahnte der Chef. Im Wohnzimmer fremder Leute will man schließlich eine gute Figur machen.
Jörg Königsdorf
lebt als freier Musikjournalist in Berlin und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Tagesspiegel und die Opernwelt.
lebt als freier Musikjournalist in Berlin und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Tagesspiegel und die Opernwelt.
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März 2009
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