Zum 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy – Leipzig als Mittelpunkt der Musikwelt

Wie Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) heute in der sächsischen Metropole verehrt wird.
Die Stadt Leipzig, der Eindruck entsteht bei einer Reise dorthin, ist Deutschlands stolzeste Musikstadt. Einen „musikhistorischen Rundwanderweg“ gibt es in der Innenstadt, genannt „Leipziger Notenspur“, die die Wohn- und Arbeitsstätten großer Musiker miteinander verbindet – von Telemann und Bach über Mendelssohn, Schumann bis hin zu Wagner und Mahler. Imponierende 23 Stationen. Aber Leipzig hat nicht nur Erinnerungen, Gedenkstätten, Gedenktafeln gesammelt und penibel geordnet, Leipzig besitzt auch ein vitales gegenwärtges Musikleben, dessen Motor die Bach-Tradition des Thomaner Chors, das Gewandhaus sowie das nahegelegene Opernhaus sind. Und Felix Mendelssohn Bartholdy ist der jünglingshafte Gott, der in diesem Jahr über allem schwebt.
Dass der 200. Geburtstag von Mendelssohn, dem Gewandhauskapellmeister von 1835 bis 1847, die Stadt Leipzig das Jahr über mit vielen Veranstaltungen quasi besetzt hält, kommt einer historischen Wiedergutmachung gleich. Wagners antisemitische Schmähschrift gegen Mendelssohn und seine Verfemung im Dritten Reich hatten der Person und dem Werk des Komponisten und Leipziger Konservatoriumsgründers schweren Schaden zugefügt. So wurde die Wiedererrichtung des 1936 von den Nazis zerstörten, nun akkurat rekonstruierten bronzenen Mendelssohn-Denkmals hinter der Thomaskirche – in unmittelbarer Nähe zu jenem Bach-Denkmal, das Mendelssohn selbst einst gestiftet hatte – zum Ereignis in der Frühphase des Leipziger Mendelssohn-Jahrs. Und die vierwöchigen sommerlichen Mendelssohn-Festtage 2009 wurden zum Kulminationspunkt der Leipziger Musikemphase. Aus der Vielzahl von Festlichkeiten – Symphonie- und Kammerkonzerte, Orgelstunden, Klavier-Matineen, Lesungen, Open-air-Darbietungen – ragten die Konzerte des Gewandhausorchesters unter Riccardo Chailly, dem 19. Gewandhauskapellmeister, durch ihr künstlerisches Gewicht heraus. Und zu Beginn des Mendelssohn-Festivals versammelte sich im Gewandhaus die internationale Musikforschung zum viertägigen wissenschaftlichen Mendelssohn-Kongress.
Geheilte Wunden
„Das Problem Mendelssohn“, unter diesem Titel konnte noch vor drei Jahrzehnten eine Mendelssohn-Tagung stehen. Damit war hauptsächlich die zwiespältige, die gestörte Wirkungsgeschichte des Komponisten gemeint. Nur schwer zu glauben: Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren die meisten der rund 750 Kompositionen Mendelssohns noch unveröffentlicht, nahezu unbekannt. Erst das knapp 700 Seiten starke Thematisch-systematische Verzeichnis der musikalischen Werke (MWV), das jetzt punktgenau in Leipzig präsentiert wurde, versetzt die Musikwelt in die Lage, der ungewöhnlichen Kreativität des allzu lange unterschätzten Künstlers gerecht zu werden. Mendelssohn war also „der letzte große Komponist des 19. Jahrhundert ohne vollständiges Werkverzeichnis“, vermeldet der Verlag Breitkopf und Härtel. Es umfasst immerhin 26 Werkgruppen. Der Mangel ist in emsiger, 1992 begonnener wissenschaftlicher Detailarbeit durch Ralf Wehner behoben worden – durch Sichtung von Materialien und Quellen in mehr als 1.500 Bibliotheken, Tausenden von Auktionskatalogen und Briefdokumenten. Deutlich wurde vor allem eines: Es gibt kaum einen zweiten Komponisten, bei dem die Rezeption seines musikalischen Schaffens, der historische Reflex seines Werkes und seines öffentlichen Wirkens als Komponist, Dirigent, Klavier- und Orgelvirtuose, so wichtig, so kontrovers ist wie bei diesem Komponisten.
Konzertierte Aktionen
Die Vorurteile gegenüber Felix Mendelssohn Bartholdy scheinen glücklicherweise beseitigt zu sein, das war in Leipzig zu sehen und zu hören. Christian Martin Schmidt, Projektleiter der großen Leipziger Werkausgabe, erklärte, es sei gelungen, „von den ideologischen und politischen Vor- und Fehlurteilen wegzuführen und sie zu überwinden“. Es ist das Ergebnis der intensiven Kooperation Leipziger Institutionen: Universität und Musikhochschule, Sächsische Akademie der Wissenschaften, das wieder hergestellte Mendelssohn-Haus, das Gewandhaus mit seinem Orchester. Die Mendelssohn-Tagung im Gewandhaus stabilisierte die gewandelte Einstellung.
Die ganze Bandbreite eines Lebenswerkes wurde bei der Tagung internationaler Musikwissenschaftler verhandelt, in Dutzenden von Epochen- und Detailansichten, mit neueren Forschungsergebnissen im Kleinen und Großen des Gesamtwerkes und seiner Entstehung. Hatte man gewusst, mit wie viel Zögerlichkeiten, Selbstzweifeln Mendelssohn komponierte? Fragmente, Entwürfe, Skizzen, Fassungen, Varianten, die er hin- und herschob, zeigen einen ungeheuer skrupulösen, nicht den scheinbar leichthin schaffenden Künstler. Und auch die bisher unbekannten 44 Klavierlieder, die jetzt zum ersten Mal (gesungen von Ruth Ziesak und Carsten Süß, begleitet von Gerold Huber) im Konzertsaal erklangen, sind Ausdruck dieses Zweifelns gewesen, da Mendelssohn sie für zu privat hielt und der Öffentlichkeit, dem Druck, vorenthalten wollte. Dass Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly nicht nur Mendelssohns Symphonik dirigierte, sondern auch Sorge trug, dass drei Uraufführungen lebender Komponisten bestellt wurden, gereicht der Musikstand Leipzig zur Ehre. Nicht die neuen Stücke von Detlev Glanert und Peter Maxwell Davies, aber immerhin das große Orchesterwerk Traum in des Sommers Nacht des Österreichers Georg Friedrich Haas dirigierte Chailly selbst. Und Mendelssohns berühmte Italienische Symphonie erklang hier erstmals in der von ihm revidierten, bisher kaum bekannten Fassung, die einmal mehr den ungeheuer breiten Ideen- und Musikreichtum Felix Mendelssohn Bartholdys bewies.
ist Musikkritiker und Autor. Er schreibt regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung, verschiedene Musikfachzeitschriften und macht Hörfunksendungen.
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Oktober 2009
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