Film und Medien

Poesie und Alltag – die Rückkehr des Poesiefilms

Das ZEBRA Poetry Film Festival  Copyright: gezett - Literaturwerkstatt Berlin

Der Posiefilm als Bindeglied zwischen Posie und Alltag  Copyright: FilmwerkstattDie Lyrik hat es schwer im Land von Goethe, Schiller und Heine. Zu wenig Käufer, klagen Händler und Verleger. Doch dem Gedicht naht Hilfe: Der Poesiefilm ist zurück. Einst Ausdrucksmittel der künstlerischen Avantgarde, könnte er zukünftig zum wichtigen Bindeglied zwischen Poesie und Alltag werden.

Eine Baustelle irgendwo in Deutschland: Vier Bauarbeiter lassen sich zur Frühstückspause in die schäbigen Campingstühle fallen. Wurstbrote werden kritisch beäugt, der Kaffee dampft aus der Thermoskanne. Einer baut sich theatralisch vor den Kollegen auf. Er räuspert sich, will etwas vortragen, doch die Männer aus seiner Schicht ignorieren ihn. Verletzt und doch voller Überzeugung zieht er sich ins Toilettenhäuschen zurück und trägt dort, für alle hörbar, sein neuestes Gedicht vor. Doch Schicht, Engelbertstraße floppt vor den Kollegen und auch die alte Frau, die zufällig Ohrenzeugin der Rezitation wird, reagiert abfällig. Lyrik und Alltag gehen eben nur selten Hand in Hand.

Poesie im täglichen Leben

Szene aus Schicht, Engelbertstraße  Copyright: Olaf HeldÜberspitzt stellte der Filmemacher Olaf Held diesen Fakt mit Hilfe eines Gedichts des Leipziger Lyrikers Norbert Lange in einem Poesiefilm dar. Wie bekommt man die Poesie zurück in das tägliche Leben der Menschen? Diese Frage beschäftigt auch die Mannschaft der Berliner Literaturwerkstatt. Mit öffentlichkeitswirksamen Formaten wie dem Literaturwettbewerb Open Mike, einem Poesiefestival oder dem Webportal lyrikline.org docken sie seit Jahren erfolgreich an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen an. Das Zurückgreifen auf zeitgemäße Hör- und Sehgewohnheiten ist dabei Teil des Erfolgskonzepts der Literaturwerkstatt.


The Dead (Juan Delcan, USA, Preis für den besten Poesiefilm beim Zebra Poetry Film Festival 2008)

Genau dort setzt ihr international erfolgreichstes Projekt an. Alle zwei Jahre ist Berlin Schauplatz des weltweit größten Festivals für Poesiefilme. Das Zebra Poetry Film Festival hat seit dem Start 2002 eine beachtliche Entwicklung gemacht. Thomas Wohlfahrt, der das Festival aus der Taufe gehoben hat, erinnert sich gern an die Anfänge: „Ich habe meinen ersten Poetryfilm Anfang der Neunziger in New York gesehen, und seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Als später die Poetryfilm-Szene auch in Deutschland aktiver wurde, kam in der Literaturwerkstatt die Idee eines eigenen Filmfestivals auf.“ 2001 schickte er die Bitte um Beiträge für ein solches Festival um die Welt. „Die Resonanz war unglaublich. Bereits beim ersten Zebra-Festival hatten wir über 650 Beiträge aus 40 Ländern im Programm.“ Mittlerweile erreichen mehr als 1.000 Poesiefilme aus über 50 Ländern die Festivalleitung. Rund 4.000 Zuschauer sahen die Filme in den beteiligten Berliner Kinos.

Szene aus dem Film: Schicht, Engelbertstrasse  Copyright: Olaf Held
TV SymbolDiashow: Die Rueckkehr des Poesiefilms

Perfektes Kino im Kopf

Eine, die es 2008 in das Programm geschafft hat, ist Beate Kunath. Die in Berlin und Chemnitz lebende Filmemacherin beschäftigt sich seit 2005 mit Gedichten als Grundlage für ihre Filme. Mittlerweile hat Kunath mehrere eigene Poesiefilme gedreht. Der dritte und mit einer Laufzeit von 23 Minuten längste, Im Sommer sitzen die Alten, verbindet Spiel- und Poesiefilm. Das dazu gehörende Gedicht stammt von der Leipziger Autorin Ulrike Almut Sandig. Beate Kunath hatte sich beim ersten Hören sofort in das Gedicht verliebt. „Ich denke bei meinen Filmen zuerst an die Bilder. Ein Stoff, der mich anspricht, erzeugt Bilder in meinem Kopf.“ Damit beschreibt sie einen der wesentlichen Vorteile für Poesiefilmer: Lyrik ist perfektes Kino im Kopf. Und das Beste: Jeder sieht einen anderen Film. Gerade für Filmemacher, die eher visuell arbeiten und gerne auf das Schreiben von Texten oder Dialogen verzichten, ist diese fertige Textvorlage ein großes Geschenk.


One Person/Lucy (Taatske Pieterson, Niederlande, Preis für experimentelle Filmpoesie beim Zebra Poetry Film Festival 2006, verliehen durch das Goethe-Institut)

Das ZEBRA Poetry Film Festival  Copyright: gezett - Literaturwerkstatt BerlinSo entdeckt man bei vielen Poesiefilmen auch die nahe Verwandtschaft zum Musikvideo. In Kürze und Interpretationsbreite ähneln sich beide Genres. Die Verbindung von Text, Bild und häufig auch Musik bilden beim einen wie beim anderen die Grundzutaten. Natürlich ist längst nicht alles, was als Poesie- oder Poetryfilm produziert wird, hohe Kunst. Die Qualitätspyramide sei recht breit aufgestellt, so Thomas Wohlfahrt, und wie in jeder Kunstrichtung ist die Spitze sehr schmal. Großbritannien, Australien, Niederlande, Neuseeland, seit neuerem die baltischen Staaten und natürlich die USA drücken dem Genre ästhetisch ihren Stempel auf. In vielen dieser Länder gaben konkrete Förderprogramme dem Genre einen Schub nach vorn, weiß Thomas Wohlfahrt. Für den deutschsprachigen Raum hingegen konstatiert er aktuell „eine Delle“.

Delle in Deutschland

Droht das Land der Dichter und Denker etwa den Anschluss zu verpassen? Nein, findet Thomas Wohlfahrt. „Der deutsche Poetryfilm lebt, entwickelt sich und wir hoffen ihn zu stimulieren, indem wir an Hochschulen und Universitäten gehen und dort konkrete Projekte anbieten.“ Ein Grund für die „Delle“ mag die schwierige und gerade für ambitionierte Filmemacher unbefriedigende Möglichkeit der Verbreitung von Poesiefilmen sein. Kino und Fernsehen halten sich dezent zurück, nur im Internet blüht das verfilmte Gedicht. Es ist aber ein ungepflegter Wildwuchs, der da wuchert. Wer prächtige Blüten sucht, muss vorher genau wissen, wo er sie finden kann.


Der Conny ihr Pony (Robert Pohle/Martin Hentze, Deutschland, Preis für den besten Poesiefilm beim Zebra Poetry Film Festival 2010)

Diesen Missstand wollen die Mitarbeiter der Literaturwerkstatt beheben. „Wir arbeiten an einem eigenständigen Webportal ausschließlich für Poetryfilme“, verrät Thomas Wohlfahrt. Dort soll ähnlich wie beim Literaturwerkstatt-Projekt lyrikline.org, wo Gedichte verschiedener Sprachen zu lesen und zu hören sind, eine ordnende Hand die Filme vorab auswählen. Beate Kunath zeigt sich von dieser Idee begeistert. „Damit würde sich die Wertschätzung für Poesiefilme wesentlich erhöhen“, glaubt sie und wünscht sich prinzipiell eine Aufwertung des Genres. Ihrer Meinung nach deckt der Poesiefilm ein so spannendes Spektrum ab, dass er als eigene Kategorie auf Filmfesten seinen Platz bekommen sollte.

Der deutsche Poetryfilm lebt  Copyright: gezett - Literaturwerkstatt BerlinEinen weiter gehenden Ansatz verfolgen die Zebra-Macher: Für sie lässt sich der Poesiefilm wunderbar in den Sprachunterricht einbauen. „Aktuell bereiten wir mit dem Duden-Verlag eine DVD für den Deutschunterricht vor“, verkündet Thomas Wohlfahrt stolz. „Wir erhoffen uns davon, die Lust zu wecken. Lust auf mehr Gedichte.“ Das sollte gelingen, denn nichts scheint einfacher, als schöne Gedichte in ein Format zu bringen, welches sich an den videoclipgeschulten Seh- und Hörgewohnheiten eines jungen Publikums orientiert. Wenn dieses im Anschluss selbst zum Buch greift, ist schon viel gewonnen. Spätestens dann sollten spontane Lyrikrezitationen auf Baustellen oder in Toilettenhäuschen das Publikum von morgen nicht mehr sonderlich irritieren.

Lars Neuenfeld
ist Redakteur beim Chemnitzer Stadtmagazin 371. Von 2002 bis 2008 war er Mitherausgeber des Literaturmagazins „Comma“. 2007 erschien dort die Poetryfilm-Ausgabe „Fische im Sand“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

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