Musik

Du dödl di – ein Besuch beim Jodelkurs

Es sind seltsame Klänge, die durch das Münchner Kranz-Theater schallen, hohe und tiefe Töne, gebrummt, gequietscht und gesungen. Ein Besuch beim Jodel-Kurs.

Traudi Silferlinger, Thomas Höhenleitner und ihre Jodelschüler | Foto: Sabine Pusch
Traudi Silferlinger, Thomas Höhenleitner und ihre Jodelschüler

Während sich der Tag seinem Ende zuneigt und die Schatten der Häuser im Münchner Glockenbachviertel immer länger werden, füllt sich der Proberaum des Kranz-Theaters. Ein Kursteilnehmer nach dem anderen kommt an. Sie alle wollen die Kunst des Jodelns erlernen. Die Vorhänge sind zugezogen, die Luft ist stickig. Man habe die Lüftung zu spät eingeschaltet, sagt der Kellner zu seiner Kollegin und deutet zu den zwei grauen Ventilatoren an der Decke.

Die Leute, die nach und nach ankommen und sich nach einem freien Stuhl umsehen, sind nicht die, die man erwartet hätte. Niemand trägt Tracht, die wenigsten sind über 50. Sie sind sehr unterschiedlich. Da sind die beiden älteren Damen, die den Gesichtszügen nach Schwestern sind und lachend in der Getränkekarte lesen. Da ist der braungebrannte Mittvierziger, der wirkt, als ob er gerade aus dem Fitnessstudio käme. Der schlaksige, große Mann mit Hosenträgern und einer Brezel auf dem Shirt. Die Studentin, die mit bunten Textmarkern hantiert, in ihren Unterlagen blättert und immer wieder den Kopf schüttelt, und eine beige-gekleidete Frau, die alleine dasitzt und Zeitung liest.

Wenige haben schon einmal gejodelt

Dann geht es los. Die Jodel-Lehrer Traudi Siferlinger und Thomas Höhenleitner stimmen das erste Gstanzl, ein vierzeiliges Lied, an. „Wer von euch hat denn schon mal gejodelt?“, möchte Traudi Siferlinger wissen. Zwölf Hände gehen nach oben, die 58 anderen Jodel-Schüler sind Neulinge. „Singa is unsa Freud, singa dan mehra Leut“ (dt. Singen ist unsere Freude, singen tun viele Leute), stimmen die beiden Vor-Jodler an. Erst zaghaft, dann immer lauter setzen die Schüler ein.

Dann werden die Kursteilnehmer nach Stimmfarben aufgeteilt. „Sopran bitte nach rechts, Alt nach links und die Männer auf die Bühne“, sagt Thomas Höhenleitner. Da stehen sie dann, aufgereiht wie im Schulchor, angestrahlt vom Scheinwerferlicht und überrumpelt vom plötzlichen Ruhm. Tenöre auf der einen Seite, Bässe auf der anderen.

Eine große Frau wirft sich ihren Schal über die Schulter und fragt nach Noten. „Hier gibt es keine Noten. Ihr sollt ja auch auf der Alm singen können, und da gibt es auch keine Noten“, sagt Jodel-Lehrer Höhenleitner. „Es muss noch nicht mal schön sein, Spaß muss es machen.“ Getreu diesem Motto wird weiter gejodelt. Die Bässe brummen, die Tenöre quietschen, der Alt trällert die Hauptstimme, und die Soprane machen irgendetwas – Hauptsache höher. „Stopp, Stopp! So geht das nicht.“ Traudi Siferlinger schreitet ein. „Wir machen jetzt jede Stimme einzeln.“ Alt, Sopran, Bass und Tenor.

Sopran in Aktion | Foto: Sabine Pusch
Sopran in Aktion

Hohe Intervallsprünge zeichnen das Jodeln aus

„Irgendwie klingt das bei mir nicht nach Jodeln“, sagt eine der Teilnehmerinnen. „Da fehlt etwas.“ Traudi Siferlinger legt sich die Hand aufs Brustbein. „Wenn ihr in der Bruststimme singt, spürt ihr hier ein leichtes Vibrieren. Wechselt man in die Kopfstimme, spürt man nichts mehr. Der Jodler lebt von großen Intervallsprüngen, vom Umschlagen von der Brust- in die Falsettstimme. Es muss einfach umschnackln“, erklärt sie mit bayerischen Wörtern. Umschnackln (= Wechsel von der Brust- in die Falsettstimme)? Ein junger Mann in der ersten Reihe sieht sich ratlos um.

Man hatte ihm gesagt, dass Jodeln zwar sehr traditionell, sehr bayerisch sei, man aber auch ohne eingehende Vorkenntnisse des Dialekts im Kurs glänzen könnte. „Ich komme aus Sachsen und wollte einfach einmal etwas sehr Bayerisches machen“, sagt Yves Falke, Mitte Zwanzig. „Gesungen habe ich eigentlich nie. Höchstens mal in der Dusche oder im Bierzelt. Aber da grölt man ja eher“, sagt er. Seine neu erlernten Fähigkeiten möchte er gleich beim nächsten Oktoberfest zeigen.

Yves Falke, jodelnder Sachse | Foto: Sabine Pusch
Yves Falke (Mitte), jodelnder Sachse

Jodeln kann wie Meditation sein

Der Abschluss-Jodler ist vierstimmig und klingt: harmonisch. Den letzten Ton halten alle besonders lange. Die Bässe brummen ihn, die Tenöre konzentrieren sich, der Alt hält die Hauptstimme und die Soprane singen die Quinte dazu – keine Reibung, nur ein wunderbarer Vierklang. Als auch dem letzten Jodler der Atem ausgegangen ist, herrscht Stille. „Jodeln hat etwas Befreiendes, manchmal sogar Meditatives“, sagt Traudi Siferlinger.


Informationen zum Jodeln:

Auf der ganzen Welt kommunizieren Menschen durch Jodler, im Kaukasus ebenso wie in Schweden und den USA.

Jodeln ist Singen ohne Text auf Lautsilben bei häufigem schnellen Umschlagen zwischen Brust- und Falsettstimme (Registerwechsel).

Kennzeichnende Merkmale des Jodelns sind unter anderem große Intervallsprünge und ein weiter Tonumfang.

Der Komiker Loriot karikierte in seinem Sketch „Die Jodelschule“ den Hang mancher Deutscher, auch spaßigste Dinge noch ernst zu nehmen und systematische Regeln dafür aufzustellen.
Sabine Pusch
ist Schülerin der Deutschen Journalistenschule und studiert Journalismus an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Unter @SabinePusch ist sie bei Twitter aktiv.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2013

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