Wagner 200

Wagners Premiere in Korea

© Korea National Opera

Richard Wagners Weg nach Korea dauerte ein Vierteljahrhundert. Die erste Wagner-Oper wurde 1974 gezeigt, über fünfundzwanzig Jahre nach der ersten Opernaufführung in Korea überhaupt.

Diese fand wenige Jahre nach der Befreiung Koreas von der japanischen Besetzung statt: Die bedingungslose Kapitulation Japans am 15. August 1945 beendete auch das Kolonialregime in Korea. Während sich aus der Übergangsregierung des US-amerikanischen Militärs die erste südkoreanische Regierung formierte, wurde im November 1948 im städtischen Theater von Seoul Verdis La Traviata gegeben. Der Ansturm war beispiellos. Acht Tage lang wurde deshalb fast ununterbrochen gespielt, täglich gab es zwei Aufführungen, sonntags sogar drei. Im Zuge dieses überwältigenden Erfolges wurde die Inszenierung im folgenden Jahr wieder aufgenommen. Weiterhin wurden drei der fünf Akte von Charles Gounods Oper Faust gezeigt. 1950 kam dann auch – in voller Länge – Bizets Carmen und Hyeon Je-myeongs Chunhyang-jeon auf die Bühne. Bei letzterer handelt es sich um die erste koreanische Oper, welche die Geschichte vom Mädchen Chunhyang, eine weithin bekannte traditionelle Liebesgeschichte, mit den Mitteln des westlichen Musiktheaters erzählt.

Auch während des Koreakrieges 1950-53 wurden in Südkorea Opern aufgeführt. Da die Hauptstadt Seoul hart umkämpft war, wich man auf Busan und Daegu im Süden des Landes aus. Dort bot etwa die neue Oper Kongjwi Patjwi des Komponisten Kim Dae-hyeon, eine märchenhafte Geschichte über zwei ungleiche Schwestern, die an das Aschenputtel der Gebrüder Grimm erinnert, dem Publikum zeitweilige Ablenkung von den Schrecken des Krieges. Nach der Rückeroberung von Seoul ging es dort weiter mit Prinz Hodong von Hyeon Je-myeong. Diese Oper basiert auf einer Legende aus der Zeit der drei Reiche und endet – anders als die meisten anderen traditionellen koreanischen Erzählungen – auf tragische Weise. Außerdem wurden mit Verdis Rigoletto und Puccinis La Bohème zwei weitere europäische Klassiker auf die koreanische Bühne gebracht. Gleichzeitig nahm die Zahl der Opernensembles zu.

Kurz nachdem er mit einem Staatsstreich am 16. Mai 1961 an die Macht gekommen war, beschloss Präsident Park Chung-hee den Bau eines neuen Nationaltheaters. Im Anschluss daran wurde 1962 auch eine staatliche Oper gegründet, die Korea National Opera. Mit Jang Il-nams Prinz Hodong als Auftakt, gefolgt von Mozarts Don Giovanni, Donizettis Lucia di Lammermoor und Verdis Maskenball, erarbeitete sich das bis heute aktive Ensemble ein umfangreiches Repertoire. Dabei kam es auch zu Kooperationen mit Deutschland und Japan. Neben der Korea National Opera wurde das 1968 gegründete Opernensemble von Kim Ja-gyeong zu einem der wichtigsten Impulsgeber in der Opernwelt. Inszenierungen von Puccinis Madame Butterfly, Mozarts Figaros Hochzeit und Puccinis Manon Lescaut, nicht zuletzt auch koreanische Opern wie Jang Il-nams Meister Wonhyo über den bekannten buddhistischen Gelehrten, begeisterten das Publikum. Meine eigene Karriere als Opernsängerin begann 1970 mit meiner Teilnahme an einem Casting des Kim Ja-gyeong-Ensembles. Mit viel Glück – oder war mir das Schicksal wollgesinnt? – erhielt ich die Hauptrolle in Verdis Aida und konnte mein Debüt auf der Opernbühne feiern.

Unter den bis dahin in Korea aufgeführten Opern dominierten die bekannten italienischen Werke. Dass keine einzige russische Oper zur Aufführung gelangte, dürfte mit der damaligen politischen Situation, dem strikten Anti-Kommunismus des Park Chung-hee-Regimes, zusammenhängen. Zwar wurden auch einige Opern aus Deutschland und Frankreich sowie neu verfasste koreanische Werke gezeigt, doch selbst von den zahlreichen deutschen Opern war bis jetzt ausschließlich Mozart gespielt worden. Wagners Musikdramen stellten Sänger, Musiker und Produzenten vor unlösbare Aufgaben – sogar in Japan hatte die Wagner-Rezeption erst seit Mitte der 1960er-Jahre begonnen. Eine Wagner-Inszenierung in Korea erschien vielen noch undenkbar. Vor diesem Hintergrund sorgte die Entscheidung der Korea National Opera, Wagners Der fliegende Holländer in sein Repertoire aufzunehmen, für viel Hoffnung unter Musikfreunden und ließ auf ein beispielloses musikalisches Ereignis hoffen.

Wie ich die Rolle der Senta erhielt

Für die Wagner-Premiere führte die Korea National Opera erstmals ein landesweites Casting für die Hauptrollen durch. Bisher waren in den Aufführungen des Ensembles nur Opernsänger der ersten Generation aufgetreten – unerreichbare Stars für uns junge Sänger. Doch nun waren es nicht nur die Nebenrollen, sondern sogar die Hauptrollen, über die öffentlich entschieden wurde. Und das für Wagners Premiere in Korea! Ich habe dieses Casting als noch nervenaufreibender in Erinnerung als das Vorsingen für Aida. In der Jury saß auch der Dirigent Hong Yeon-taek. Er war unter dem Spitznamen „der grimmige Hong“ bekannt, denn seine Wutausbrüche, für die häufig schon Kleinigkeiten Anlass boten, waren legendär. Da Hong bereits die Aida dirigiert hatte, war er für mich kein Unbekannter. Damals hatte er bei den Sängern für Gänsehaut gesorgt, weil er bei den Proben gern die Noten einsammelte und uns dann zwang, auswendig zu singen. Wer den grimmigen Hong nicht selbst erlebt hat, kann meine Nervosität während des Wagner-Castings nicht einmal im Ansatz erahnen. Um so mehr wurde ich vom Ergebnis überrascht. Wie war ich glücklich!

Senta… So heißt die weibliche Hauptfigur im Fliegenden Holländer. Schon der Klang ihres Namens brachte mein Herz zum Rasen – das war also meine neue Rolle! Mit der Musik von Verdi und Puccini war ich gut vertraut, aber Wagner stellte mich vor neue Herausforderungen. Voller Freude stürzte ich mich vom ersten Tag an in die anstrengende Probenarbeit. Bei meinem Abschlusskonzert an der Universität hatte ich bereits ein Lied von Wagner gesungen, aber seine Opernmusik erwies sich als vollkommen anders als alles, was ich bisher gesungen hatte. Aller Anfang ist schwer – das galt auch hier, denn viele Stellen klangen von der Stimmführung her geradezu „unmusikalisch“. Auch erwiesen sich Wagners Melodien als ungewohnt „zäh“. Aber ich übte beharrlich weiter, bis ich irgendwann seiner Musik völlig verfiel. Durch die Musik Wagners erlebte ich mich aus einer ganz neuen Perspektive.

© Korea National Opera
Eine Szene aus „Der fliegende Holländer“ (1974)

 

Der unsterbliche Holländer befährt die Meere und geht nur einmal alle sieben Jahre an Land, um seine Geliebte zu suchen. Während ich die „Ballade vom Holländer“ übte – als die ihm vorbestimmte Senta! –, machte ich eine seltsame Erfahrung. Es war als ob ich mit dem ganzen Körper atmete, alle Luft in mir hinausstieß und von der gewaltigen Kraft dieser großartigen Arie zehrte. Ein unglaubliches Erlebnis, das ich in meiner bisherigen Sängerinnenkarriere so noch nicht gespürt hatte.

Ich musste dabei die Tonleiter Halbton für Halbton bis zum höchsten Ton hinaufsteigen. Weil dazu schwierige Gesangs- und Atemtechniken nötig sind, ist das der Alptraum eines jeden Opernsängers. Für das Finale, wenn Senta dem Holländer schließlich begegnet, hatte der Komponist den höchstmöglichen Ton überhaupt vorgesehen, den eine Sopranstimme hervorbringen kann. Weil der Weg dorthin so unfassbar anstrengend war, versagte ich bei den Proben regelmäßig an dieser Stelle. Vor lauter Sorge konnte ich nicht schlafen und weinte sogar mehrmals. Aber als es mir endlich am Tag der Premiere gelang, die Arie erfolgreich – ja, mit Bravour! – zu singen, war ich im siebten Himmel. In einer gewaltigen Umarmung mit dem Publikum erlebte ich ein Glücksgefühl, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Als ebenso schwierig wie Wagners Musik erwiesen sich jedoch auch die Regieanweisungen von Oh Hyeon-myeong. Im zweiten Aufzug darf Senta das Portrait des Holländers, das an der Hinterwand der Bühne hängt, auf keinen Fall anschauen. Die anderen Mädchen sitzen im Kreis, arbeiten an ihren Spinnrädern und erwarten ihre zur See fahrenden Liebsten. Senta aber sitzt abseits und sucht verzweifelt nach einem Weg, den unglücklichen Holländer zu erlösen. Ich musste Sentas Verzweiflung dem Publikum vermitteln – nein, noch mehr: Ich musste mich beim Singen in Sentas Gefühlswelt hineinversetzen und selbst von dem Gedanken an den Holländer besessen werden. Eine echte Herausforderung! Doch ich gab mein bestes, Sentas Gefühle nachzuvollziehen und so in ihre Haut zu schlüpfen. Die Aufführung verlief erfolgreich und wir alle hatten das Gefühl, zusammen mit der Korea National Opera einen Meilenstein erreicht zu haben. Ich erinnere mich noch genau an die Atmosphäre auf der Premierenfeier. Es herrschte ein Gefühl von Leichtigkeit und Befreiung, so wie wenn man eine lange aufgeschobene Hausaufgabe endlich erledigt hat.

Der fliegende Holländer feierte als erste Aufführung einer Wagner-Oper in Korea am 1. Mai 1974 Premiere und wurde im Nationaltheater in der folgenden Besetzung gezeigt:

Dirigent: Hong Yeon-taek
Regie: Oh Hyeon-myeong
Chordirigent: Na Yeong-su
Bühnenbild: Jo Yeong-rae
Bühnenregie: Yu Gyeong-hwan, Park In-won
Klavier: Im Heon-won, Seok Gyeong-ae
Beleuchtung: Gu Gil-ung
Maske: Jeon Ye-chul, Choe Hyo-seong, Park Su-myeon

Sänger und Sängerinnen
Der Holländer (Bariton): Kim Jun-il, Yun Chi-ho
Senta (Sopran): Jeong Yeong-ja
Daland (Bass): Kim Myeong-ji, Jin Yong-seop
Erik (Tenor): Yu Chung-yeol, Jeong Kwang
Der Steuermann (Tenor): Kim Seon-il, Kim Tae-hyeon
Mary (Alt): Lee Yeon-suk, Park Yeong-su
Chor: The National Chorus of Korea

Jeong Yeong-ja
ist ehemalige Leiterin der Korea National Opera.

Copyright: Goethe-Institut Korea
September 2013

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