Theater und Tanz

„Ganz Berlin ist ein Theater!“ – Ein Überblick der Berliner Bühnenlandschaft

© Marcela, Wikimedia Commons© Marcela, Wikimedia Commons

Der koreanische Regisseur und Autor Charlo Park nennt Berlin die „Stadt der tausend Bühnen“. Und tatsächlich bietet sich dem Berlinbesucher eine riesige Auswahl an Aufführungen, jeden Abend aufs Neue, an über fünfzig verschiedenen Spielstätten.

Anders als am Broadway oder im Londoner Westend wird die Berliner Theaterlandschaft nicht von kommerziellen Inszenierungen dominiert. Zwar haben sich in den letzten Jahren rund um den Potsdamer Platz auch internationale Musicals und Shows wie Tanz der Vampire oder Blue Man Group etablieren können, geprägt wird Berlin jedoch von den großen staatlich geförderten Häusern, die in jeweils sehr unterschiedlichen Traditionen stehen.

Deutsches Theater, © Beek100, Wikimedia Commons Das ehrwürdige Deutsche Theater kann auf eine lange Geschichte zurückblicken: Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut und mehrere Jahrzehnte als Unterhaltungstheater geführt, wurde es unter der Federführung des legendären Theatermachers Max Reinhardt, der das Gebäude 1906 kaufte und um die Kammerspiele erweiterte, zum Synonym für anspruchsvolles Regietheater. Heute beheimatet es einige der der renommiertesten Schauspieler Deutschlands, u.a. Nina Hoss, Ulrich Matthes und Corinna Harfouch, und bietet Hausregisseuren wie Michael Thalheimer, Jürgen Gosch und zur Zeit Andreas Kriegenburg eine Bühne für ihre innovativen Inszenierungen von Klassikern und neuer Dramatik.

Berliner Ensemble, © Rittershaus, Wikimedia Commons Auch das Berliner Ensemble, zusammen mit dem Deutschen Theater sicherlich die bekannteste Bühne Berlins, steht für große Namen und bekannte Stücke. Das Ensemble, das seit über fünfzig Jahren im Theater am Schiffsbauerdamm residiert, verwaltet das Erbe seines Gründers Bertolt Brecht, der nach der Rückkehr aus dem Exil hier als inoffizieller Staatsdichter der jungen DDR seine letzte Wirkungsstätte fand. Darüber hinaus dominieren auch zahlreiche andere Klassiker der Moderne (Max Frisch, Samuel Beckett, Heiner Müller) das Programm. Insbesondere zum Werk Thomas Bernhards, der dem langjährigen Intendanten das Dauerbrenner-Dramolett Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen widmete, pflegt das Haus ein besonders enges Verhältnis, aber auch Stücke von Peter Handke, Botho Strauß oder Elfriede Jelinek haben einen festen Platz auf dem Spielplan.

Volksbühne am Roxa-Luxemburg-Platz © Beek100, Wikimedia Commons Die Volksbühne genießt einen zwiespältigen Ruf: einerseits gefeiert als innovative Ideenschmiede und Zentrum für wegweisende „postdramatische“ Theaterinszenierungen, in denen Frank Castorf, seit der Wende Intendant des Hauses, altbekannte Theaterstücke und Romane dekonstruiert und den zeitgenössischen Ansprüchen gemäß, oft mithilfe elaborierter Videotechnik, neu erschafft; andererseits als Hort von „Stückezertrümmerern“, denen kein Drama heilig ist. Aber nicht nur die Inszenierungen im Haupthaus am Rosa-Luxemburg-Platz bieten intellektuell untermauertes Avantgarde-Vergnügen, auch die Maschinengewehrfeuer-artigen Sprachstücke von Stammregisseur René Pollesch und die Performances anderer häufiger Gäste wie Gob Squad, Forced Entertainment oder She She Pop locken regelmäßig ein Stammpublikum in die Nebenspielstätte „Prater“ im Bezirk Prenzlauer Berg.

Maxim Gorki Theater © Hiptruss, Wikimedia Commons Das Maxim-Gorki-Theater ist mit 440 Plätzen das kleinste unter den großen Schauspielhäusern Berlins. Ursprünglich eine Singakademie, wurde das Haus 1952 als Vorzeigestätte für Dramen des russischen Formalismus eröffnet. Heute steht es für eine kritische Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit und zeigt – neben Werken des dramatischen Kanons und Romanadaptionen – insbesondere auch neuere Stücke aus Berlin und Brandenburg.

 Schaubühne am Lehniner Platz, © Torsten Elger Etwas abseits der zentralen „Theatermeile“ in Berlin-Mitte liegt die Schaubühne im alten Westen, unweit vom Bahnhof Zoo. Sie steht in der Nachfolge der legendären Theatergruppe um Peter Stein, die sich in den 1970er-Jahren am Halleschen Ufer einen Namen machte und 1981 in ein umgebautes Kino am Lehniner Platz umzog. 1999 übernahm Thomas Ostermeier, damals gerade 31 Jahren alt, zusammen mit der Choreographin Sasha Waltz und anderen jungen Künstlern die Leitung des Hauses. Neben den international anerkannten Tanzstücken von Waltz wird auch viel neue europäische Dramatik gezeigt, u.a. Stücke von Mark Ravenhill, Sarah Kane und Marius von Mayenburg, oft in deutscher Uraufführung. Die innovative Mehrzweck-Bühnenarchitektur, bei der Sitzplätze und Zwischenwände frei bewegt werden können, bietet genügend Flexibilität für die unterschiedlichsten Theaterexperimente.

Auch das Musiktheater ist in Berlin mit drei staatlichen Opernhäusern – Staatsoper, Komische Oper und Deutsche Oper – und der kleinen experimentelleren Neuköllner Oper, die neben Klassikern im Kammerformat auch zeitgenössische Oper, Musical und Musikrevuen zeigt, sehr gut vertreten. Neben dem Staatsballett, das unter dem Intendanten und Ersten Solotänzer Vladimir Malakhov in der Deutschen Oper auftritt, haben sich in den letzten Jahren das Radialsystem, die Tanzfabrik Berlin und das Kulturhaus Dock 11 als Orte für zeitgenössische Tanzaufführungen etabliert.

Theater unterm Dach, © SpreeTom, Wikimedia Commons Während die großen Schauspiel- und Opernhäuser ihr Repertoire von oft mehreren Dutzend Stücken über Jahre hinweg zeigen und in jeder Saison erweitern, werden die zahlreichen kleinen Bühnen, in denen Theatermacher aus der freien Szene ihre Stücke zur Aufführung bringen, meist jeweils nur für einige Tage angemietet. In Häusern wie dem Theaterforum Kreuzberg, dem Theaterdiscounter, der BrotfabrikBühne oder dem Theater unterm Dach lassen sich oft interessante Entdeckungen machen. Ein besonderes Kleinod unter den freien Bühnen stellt das Garn-Theater dar, ein intimer Kellerraum, in dem der chilenische Schauspieler Adolfo Assor seit 1987 vor kleinem Publikum atemberaubende Solostücke nach Kafka, Dostojewski oder Ionesco aufführt.

Darüber hinaus bieten zahlreiche Festivals im regelmäßigen Rhythmus einen Überblick der inländischen und internationalen Theaterproduktion. Unter der Schirmherrschaft der Berliner Festspiele werden etwa beim Theatertreffen die wichtigsten Inszenierungen deutscher Stadttheater nach Berlin eingeladen, bei spielzeit’europa kommen namhafte Regisseure und Choreographen aus dem europäischen Ausland mit ihren neuen Stücken an die Spree. Das Theaterkombinat Hebbel am Ufer, dessen Spielplan einem ganzjährigen Festival gleicht, zeigt an drei Spielstätten in Berlin Kreuzberg neben Highlights der freien Theaterszene und Co-Produktionen mit anderen Theatern im In- und Ausland auch hochkarätige Gastspiele aus der ganzen Welt.

Grips-Theater, © De-okin, Wikimedia Commons Auch junge Theaterbesucher kommen in Berlin nicht zu kurz. An erster Stelle muss das Grips-Theater und sein Evergreen, das Rockmusical Linie 1, erwähnt werden, das seit mittlerweile 25 Jahren das Publikum begeistert und in vielen anderen Ländern adaptiert wurde, nicht zuletzt auch in Korea. Aber auch das Theater an der Parkaue, das Theater Rote Grütze und das Puppen-Figuren-Objekte-Theater Schaubude sind mit ihren anspruchsvollen Inszenierungen (nicht nur) für Kinder und Jugendliche immer wieder für eine Überraschung gut.

Während die Berliner Theaterszene in den Nachwendejahren vor Energie zu brodeln schien – von Castorfs Skandalstücken an der Volksbühne über den Intendantenreigen am Berliner Ensemble, der erst mit der Berufung Claus Peymanns 1999 endete, bis zur Neugründung der Schaubühne – hat sich die Lage in letzter Zeit etwas beruhigt. Der einst tobende Pressekrieg zwischen den ewigen Konkurrenten Castorf und Peymann ruht, um die „Jungen Wilden“ von der Schaubühne ist es ruhiger geworden und nach Jahren der „systematischen Überforderung“ am Hebbel am Ufer findet auch dort der erste Intendantenwechsel statt. Trotzdem – mit seiner unglaublichen Vielfalt an kleinen, großen, spektakulären und subtilen Theateraufführungen bleibt Berlin ein Paradies für Theaterfreunde. Oder, wie es einmal in der Werbung einer Tourismusagentur hieß: „Ganz Berlin ist ein Theater“!

Jan Creutzenberg
Theaterwissenschaftler, Programmassistent im Goethe-Institut Seoul

Copyright: Goethe-Institut Seoul
Januar 2012

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