Chen Chieh-Jen





Chen Chieh-Jen hat sich schon immer für gesellschaftliche Gruppierungen eingesetzt, die Gewalt erfahren haben und damit in Taiwan ein deutliches Zeichen des Widerstands gezeigt. Diese Arbeit war für die Entwicklung seiner kreativen Konzepte und Videoprojekte von zentraler Bedeutung. Zunächst einmal hat er seine eigene Geschichte mit der seines Vaters in Verbindung gebracht und beide vor einem politischen Hintergrund beleuchtet. Zudem waren die Menschen, die an diesem Projekt beteiligt waren, allesamt durch ihre politische und wirtschaftliche Stellung eng mit dem historischen Kontext verbunden, den der Künstler darstellen wollte. Einige Mitglieder der Produktion waren sogar einfache Arbeiter und damit Stellvertreter der Unterprivilegierten. Drittens kann das Nachempfinden der historischen Kulisse und Landschaft für den Videodreh einerseits als Antwort auf die tatsächlichen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse gesehen werden, andererseits hat sich diese provisorische Gemeinschaft damit auch gewissermaßen ein eigenes Archiv geschaffen. Western Enterprises, Inc., ist eine eindrucksvolle Wiederaufarbeitung der Politik der Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges, die offiziell im Namen des freien Handels agierte, in Wahrheit jedoch die politische, wirtschaftliche und militärische Entwicklung in Taiwan kontrollieren wollte. Das Video zu Western Enterprises, Inc. zeigt eine riesige Ruinenlandschaft, und genau in diesen Ruinen der Geschichte finden wir in einem archivarischen Vakuum heute noch viele politisch Verfolgte, Arbeitslose, vertriebene Arbeiter und Protestierende, die wie Geister einsam und verlassen in Zeit und Raum herumirren. Der Künstler hat es dabei geschafft, die künstlerische Produktion von der systemischen Professionalität zu befreien und eine individuelle Arbeit vorgelegt, die sich vor allem durch das Beziehungsgeflecht innerhalb der Projektteilnehmer auszeichnet.

 

Empireʼs Borders II – Western Enterprises, Inc. beruht auf den Erfahrungen von Chen Chieh-Jens Vater, der Mitglied der antikommunistischen National Salvation Army (NSA) in Taiwan war. Als er 2006 starb, hinterließ er eine in Teilen fiktive Autobiografie, eine Liste mit Namen von NSA-Soldaten, die bei einem Angriff auf Festlandchina auf See verschollen waren, eine alte Militäruniform sowie ein leeres Fotoalbum. Darin hatten sich einst Aufnahmen von Chens Vater und anderen NSA-Soldaten befunden, die alle von einer „Western Enterprises“ genannten paramilitärischen Einheit der CIA ausgebildet worden waren. Später hatte sein Vater diese Fotografien verbrannt.
In seinem Video bedient sich Chen poetischer Dialektik: Das von imperialistischer Atmosphäre geprägte Gebäude der „Western Enterprises“ verwandelt er in ein symbolisches Labyrinth, das 60 Jahre der Nachkriegsgeschichte Taiwans verkörpert. Demgegenüber steht eine Brachefläche für das kollektive Vergessen des taiwanischen Volkes. Obwohl sich die Existenz der „Western Enterprises“ historisch belegen lässt, ist das einstmals zentrale Gebäude der Organisation nicht fotografisch dokumentiert. Das Bauwerk, das im Video zu sehen ist, ist eine ehemalige Chemiefabrik aus den 1950er-Jahren, in denen die USA das Land unterstützten. In den Szenen des Films, die verschiedene Perioden in der Geschichte Taiwans symbolisieren, wurden von Chen sowie den beteiligten Schauspielern und Arbeitern auch Gegenstände verwendet, die in dem leer stehenden Gebäude zurückgelassen worden waren.

Chen Chieh-Jen wurde 1960 in Taoyuan (TW) geboren und lebt und arbeitet derzeit in Taipeh (TW). Während der Jahre 1950 bis 1987 war Chengs Schaffen vor allem von den Umständen des Kalten Krieges, antikommunistischer Propaganda und dem in seinem Land verhängten Kriegsrecht geprägt. Er opponierte gegen die politischen Beschränkungen in Taiwan mit Untergrundausstellungen und Performances im Guerillastil, die sich abseits des Kunstestablishments bewegten. Nach der Aufhebung des Kriegsrechts ließ Chen seine künstlerischen Aktivitäten für acht Jahre ruhen. 1996 wandte er sich erneut der Kunst zu und fand die Protagonisten seiner neuen Werke in den Bewohnern der Stadt: Arbeitslose, Tagelöhner, Gastarbeiter, Ehefrauen aus Festlandchina, die mit taiwanischen Staatsbürgern verheiratet sind, arbeitslose Jugendliche und Gesellschaftsaktiviste. Gemeinsam und im Rahmen seiner küntlerischen Interventionen und Aktionen okkupierten sie u. a. kapitalistische Fabriken und behördlich gesperrte Gebiete und errichteten aus Abfallmaterialien die Kulissen für Chens Videoproduktionen. Mit dem Ziel, die Realität im Taiwan der Moderne und die durch den Neoliberalismus schöngefärbte Geschichtsschreibung des taiwanesischen Volkes aufzuarbeiten, begann Chen eine Reihe von Videoprojekten. In ihnen wendet er Strategien an, die er selbst als „neu ersinnen, neu erzählen, neu schreiben und neu verbinden“ bezeichnet.