Leung Chi Wo





Leung Chi Wo ist ein Veteran der Kunstszene in Hong Kong, wo er seit den frühen 1990er Jahren tätig ist. Seine Kunst besteht aus Fotografien, Performances, Texten, Videos und Installationen, in denen er seine Heimatstadt Hong Kong thematisiert. Dabei beschäftigt er sich mit dem Stadtgebiet selbst, den Sprachen, der Erinnerungskultur, der kolonialen Vergangenheit, den bürokratischen Strukturen und den darin eingebetteten Ideologien sowie mit der Kunstszene und -geschichte der Stadt. Leung untersucht Formen und Inhalte von geschichtlichem Bewusstsein, Erinnerungskultur und Erzählformen, die in ihrem Wesen nur Konstrukte sind. Mit sicherem Blick erkennt er gleichklingende und -bedeutende Namen, Orte und Menschen und macht diese auf geniale Art und Weise zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen Erzählweise.

 

Die Arbeit Storical Affairs basiert auf einem offiziellen chinesischen Lehrbuch für Grundschulen zur Geschichte Chinas, auf das ich während eines Japanaufenthalts im Jahr 2005 stieß. Das Buch war ins Japanische übersetzt und von einem japanischen Verlag herausgegeben worden. Da die ‚Kanji‘ genannten chinesischen Schriftzeichen auch im Japanischen häufig Verwendung finden, konnte ich Teile des Buchs lesen und andere aus dem Kontext erschließen. Dann hatte ich die Idee, die Sprache (und damit auch die Vorstellung der vermittelten ‚offiziellen Geschichtsschreibung‘) auseinanderzunehmen, indem ich das Buch an die Nationalitäten anderer Leser anpasste. In einem Video werden das Buch mit durchgestrichenen ‚Kanji‘ sowie ein japanischer Mann gezeigt, der jede einzelne Silbe des übrig gebliebenen Texts liest. In dem zweiten Video sieht man eine Kopie des Buchs, in dem alle Wörter mit Ausnahme der ‚Kanji‘ durchgestrichen sind. Eine Hongkong-Chinesin trägt die Schriftzeichen laut auf Kantonesisch vor.

Auch We still need to fight hat einen realpolitischen Hintergrund. Das titelgebende Zitat – übersetzt „Es ist immer noch nötig, zu kämpfen“ – stammt von Vertretern des International Domestic Workers Network, eine Organisation für die Rechte von Hausangestellten. Diese hatten sich zu einer Kundgebung vor dem Gebäude des Legislativrats in Hongkong zusammengefunden. Die Demonstranten protestierten hier, weil der Antrag, ausländische Hausangestellte in die gesetzliche Mindestlohnregelung, die in Hongkong gilt, einzubeziehen, auf einer Ratssitzung am 15. Juli 2010 gescheitert war. Die Fotografien zeigen Nahaufnahmen von Einschusslöchern in der Fassade des Gebäudes, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Das von hinten durchscheinende Licht in der Arbeit lässt die Sichtbarkeit von Text und Bild in einem Wechselspiel changieren.

Silent Music Plane 1967 („Stilles Musikflugzeug 1967”) besteht aus einem aus dem Titelblatt des Life Magazins (Juni 1967) hergestellten Papierflugzeug, das an einer Schnur hängt, welche wiederum an einem Stab befestigt ist, der sich auf einem Stativ mit Hilfe eines Motors langsam im Kreis dreht. Ausgehend vom Rhythmus dazu eingespielter Musik erzeugt ein Mikro-Controller Signale für verschiedene Stromstärken, die das Flugzeug mit verschiedenen Geschwindigkeiten in Bewegung setzen. Titelgeschichte dieser Ausgabe des Life Magazins ist die Flucht des berühmten chinesischen Musikers Ma Sicong aus China. Im Mai 1967 hörte man viele chinesische Propagandaslogans aus den Lautsprechern des Bank Of China Gebäudes in der Innenstadt von Hong Kong, die laut durch den ganzen Innenstadtbereich schallten. Um dieser Propaganda entgegenzuwirken, ließ die Regierung von Hong Kong sechs große Militärlautsprecher auf dem Dach des Gebäudes des Government Information Services (nahe der Bank Of China) errichten, aus denen laut Jazz und westlicher Pop, etwa von den Beatles, schallte. Die Bewegungen in dieser Installation reagieren auf Tempo und Klang von zwei Songs: Long Live Chairman Mao (1966) und Yesterday (1965) von den Beatles, die beide Werkzeuge im Propagandakrieg waren.

Leung Chi Wo wurde 1968 in Hongkong (HK) geboren. Er ist Mitbegründer von „Para Site“, einem gemeinnützigen Kunstareal in Hongkong (HK). Leung studierte 1991 in Italien Fotografie mit besonderem Fokus auf der Kultur und Geschichte des Mediums. 1997 erwarb er einen Master in Bildender Kunst an der Chinseischen Universität Hongkong (Chinese University of Hong Kong, HK). Er war Teilnehmer von Residenzprogrammen der Monash University in Melbourne (AU), der Australian National University in Canberra (AU) sowie dem MuseumsQuartier Wien (AT). Mit Einzelausstellungen waren seine Werke zuletzt 2012 in der Galerie Rokeby, London (UK), 2013 am ISCP – International Studio & Curatorial Program, New York (US), und 2014 im CMC – Run Run Shaw Creative Media Centre, Hongkong (HK) präsent. Zudem war er 2012 an den Biennalen in Marrakesch (MA) sowie in Guangzhou (CN) und 2014 in Manchester (UK) beteiligt. Er ist Assistenzprofessor an der School of Creative Media, die zur Städtischen Universität Hongkong (City University of Hong Kong, HK) gehört.


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http://www.leungchiwo.com