Chiba Masaya





Chiba Masayas fiktionale Inszenierungen muten gleichermaßen kurios wie chaotisch an, tauchen darin nicht nur handgefertigte Objekte oder Fotos auf, sondern manchmal auch Haustiere. Die Szenen dienen als Allegorien und verdeutlichen durch echte Sinneseindrücke, die stets die eigentümliche Handschrift des Künstlers tragen, jenes in unserer Gegenwart vorherrschende Gefühl von Angst und dem Bewusstsein einer bevorstehenden Krise. Zunächst macht Chiba menschliche Figuren aus Pappmaché, Holzschnitzen und anderen alltäglichen Materialien. Manchmal bohrt er auch mit Hilfe eines Assistenten Löcher und lässt so aus Formen, mit denen er sich vorher bereits beschäftigt bzw. diese erschaffen hat, temporäre Landschaften entstehen, die er dann auch in seinen Bildern darstellt. Die fertigen Arbeiten werden auf einfachen, selbstgemachten Holzständern gezeigt, die einen erweiterten Raum bilden, in dem die Grenzen zwischen Gemälde und Skulptur verwischen.
In dem A Turtle’s Life betitelten Gemäldezyklus stellte Chiba eine Schildkröte an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Kulissen dar. Dabei lässt er das Tier wie ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft erscheinen. Diese fiktiven Situationen, in denen die Schildkröte die Rolle eines Mädchens in einem Film übernimmt, das von einem bösen Geist oder Löwen (dem „König der Tiere“) verfolgt wird, sind drastische Metaphern einer geschlossenen Gesellschaft. In einer 2008 begonnenen Serie mit dem Titel Crying Face fließen aus Löchern in einem Kopf an Tränen oder Nahrung erinnernde Rinnsale. Zugleich wirken diese jedoch wie Erbrochenes. Der gestaltlose weiße Kopf ist eine Anspielung auf die verängstigte Atmosphäre, die heutige Gesellschaften beherrscht. Ebenso ist dieses Motiv aber auch als Ausdruck für das Gefühl sich anstauender Emotionen lesbar. In der Discordant-Harmony-Ausstellung in Seoul im Frühjahr 2015 war Chiba zudem mit einer Reihe Performances vertreten, die jeweils den Titel Selbstporträt trugen. Hierbei ließ er sich von einem Freiwilligen aus dem Publikum spielen. Anstatt sich selbst auf der Leinwand abzubilden, wurde so das jeweilige Gesicht des Darstellers, der auf die Anweisungen von außen reagierte, zum „Selbstporträt“ des Künstlers. Chiba widmet sich in seinem Schaffen einer anspruchsvollen und zugleich erweiterten Form der Malerei. Die von ihm künstlerisch abgebildete Welt überschreitet die Zweidimensionalität einer Leinwand.

 

Chiba Masaya wurde 1980 in Kanagawa (JP) geboren, wo er derzeit auch lebt. 2005 beendete er sein Studium der Ölmalerei an der Kunsthochschule Tama (Tama Art University, JP). Seine Werke und ortsspezifischen Interventionen entstehen gleichsam als Materialisation seiner eigenen körperlichen Arbeit, indem er beispielsweise in Gruppenaktionen Löcher in die Erde gräbt oder Formen sowie menschliche Figuren aus Pappmaché und Holz bildet. Zudem erschafft er Assemblagen aus einer Vielzahl alltäglicher Materialien wie Gips, Stein, Stoff sowie Zeichnungen und Fotografien. Diese so kreiierten „temporären Landschaften“ überträgt er anschließend in seine Gemälde. Eine weitere Ebene eröffnet Chiba, wenn er diese Schöpfungen auf schlichten, selbstgebauten Holzgestellen präsentiert und so eine völlige Harmonie zwischen den Gemälden und seinen dazu arrangierten Skulpturen erreicht. In jüngster Zeit beteiligte er sich an verschiedenen Gruppenausstellungen innerhalb und außerhalb Japans, u. a. 2013 an Roppongi Crossing im Mori-Kunstmuseum in Tokio (Mori Art Museum, JP), 2013/14 an Mono No Aware: Beauty of Things in der Eremitage in St. Petersburg (RU), 2013 an der California-Pacific Triennial im Orange County Museum of Art in Newport Beach, Kalifornien (US), 2012 am Kunisaki Art Project (JP) sowie 2009 an Winter Garden im Hara-Museum für Zeitgenössische Kunst in Tokio (Hara Museum of Contemporary Art, Tokyo, JP).