Takamine Tadasu





Takamine Tadasu beschäftigt sich mit Themen wie Nationalität, ethnische Herkunft und Geschlechterrollen innerhalb der modernen Gesellschaft. Dabei hinterfragt er die diesen Bereichen zugrunde liegenden Widersprüche und legt sie in seinen Werken offen. Während er sich als Performancekünstler an der Universität noch mit Hilfe seines Körpers ausdrückte, schuf er danach interaktive Werke, die Video- und Klangelemente einbeziehen. Derzeit ist er in diverse kreative Projekte eingebunden, in denen er etwa mit Musikern zusammenarbeitet, Bühnenbilder entwickelt, in Bühnenproduktionen auftritt oder auch Regie führt. Raue körperliche Sinneseindrücke stehen dabei im Mittelpunkt seines Interesses, wobei er immer auch intuitiv vorgefertigte Meinungen hinterfragt, die gemeinhin als „Vernunft“ gelten.

 

Takamines Arbeit kreist um „Systeme“ wie Nationalität, ethnische Abstammung und Gender, die unsere modernen Gesellschaften strukturieren. Dabei fokussiert er gezielt die in solchen Modellen enthaltenen Widersprüche und lässt auf diese Weise Werke entstehen, die eine Vielzahl von Fragen aufwerfen. In den letzten Jahren schuf er eine Japan Syndrome betitelte Serie, die sich ganz unterschiedlicher Ausdrucksmittel bedient (Theater, Video, Aktionen im öffentlichen Raum). Insbesondere werden Veränderungen in Japan nach dem Reaktorunfall in Fukushima im Jahr 2011 reflektiert. Der Titel bezieht sich auf den US-amerikanischen Spielfilm Das China-Syndrom (1979, Regie: James Bridges), der sich kritisch mit der Gefahr atomarer Katastrophen auseinandersetzt. In der Ausstellung von Discordant Harmony im Frühjahr 2015 in Seoul zeigte Takamine unter dem Titel Japan Syndrome – Berlin Version (2013) die Dokumentation eines Events, das vor dem Rathaus in Kyoto (JP) stattfand. Beeinflusst durch die von Bild und Ton verstärkten Emotionen der Zuschauer gerät die öffentliche Veranstaltung zu einer Raveparty, an der sich jedermann beteiligen kann. Parallel bringen Projektionen von Twitter-Antworten auf Fragen über die Atomkraft Menschen aus aller Welt dazu, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Das Werk überschreitet bewusst die Grenzen von Begrifflichkeiten wie „Nation“ und „Nationalität“ und schafft einen neuen gemeinsamen Raum, in dem Verbindungen durch die spontane Beteiligung der Zuschauer entstehen. Zeugnis vom vielfältigen Schaffen Takamines legt zudem der großformatige Katalog zur Ausstellung Tadasu Takamine’s Cool Japan in der Contemporary Art Gallery des Art Tower Mito (JP) ab. Mit diesem Projekt hatte der Künstler nach Auswegen aus jüngsten gesellschaftlichen Konventionen gesucht, die ganz aktuell die japanische Mentalität prägen.

Das in Taiwan entwickelte Projekt Taiwan Syndrome: Food Safety („Das Taiwan-Syndrom: Lebensmittelsicherheit“) bedient sich des gleichen Formats wie die Videoarbeit Japan Syndrome („Das Japan-Syndrom”), in der Schauspieler auf der Bühne Gespräche nachspielten, in denen sich Menschen in Geschäften über Themen wie Kernkraft, die Fukushima-Katastrophe und Ähnliches unterhalten. Taiwan Syndrome: Food Safety setzt sich dagegen mit dem Thema Lebensmittelsicherheit auseinander, das die Menschen in Taiwan derzeit viel diskutieren. Das Projekt fängt spontane Reaktionen, Äußerungen und unbewusste Verhaltensweisen ein und spiegelt damit aus einer ganz alltäglichen Perspektive die soziale und politische Atmosphäre des Landes wieder. Entstanden ist das Werk in Zusammenarbeit mit Studierenden der National University Of The Arts, wo Takamine derzeit Gastprofessor ist und sich ausgiebig mit diesem Thema befasst hat.

Tadasu Takamine wurde 1968 in Kagoshima (JP) geboren und lebt derzeit in Akita (JP). Während seines Studiums der Lackmalerei an der Städtische Kunsthochschule Kyotō (Kyoto City University of Arts, JP) wurde er Mitglied der Performance-Gruppe „Dumb Type“. Später graduierte er am IAMAS – Institute of Advanced Media Arts and Sciences in Kagano, Ogaki-shi, in der Präfektur Gifu (JP) und schuf erste interaktive Installationen und Medienkunst, zu der Video- und Audioarbeiten gehörten. Seit Anfang 2000er-Jahre lotete er in zahlreichen Performances die Ausdruckskraft des menschlichen Körpers aus. In seinem facettenreichen, genreübergreifenden Schaffen arbeitet er zudem mit Musikern zusammen und führt Regie bei Bühnenproduktionen. Zu seinen jüngsten Einzelausstellungen zählen u. a. 2011/12 Too Far to See im Yokohama Museum of Art (JP), Solopräsentationen im Hiroshima City Museum of Contemporary Art (JP) und im Kirishima Open-Air Museum (JP) sowie 2012 Tadasu Takamine‘s Cool Japan in der Contemporary Art Gallery im Art Tower Mito (JP). 2013 war er Stipendiat des Berliner Künstler-Residency-Programms des DAAD – Deutscher Akademischer Austauschdienst (DE). 2014 beteiligte sich Takamine am Festival Japan Syndrome – Kunst und Politik nach Fukushima am HAU – Hebbel am Ufer, Berlin (DE). Er publizierte u. a. A Lover from Korea (Kawade Shobo Shinsha, Tokio 2008).