Teng Chao-Ming





Eine wacklige historische Konstruktion: Lesen und immer wieder neu kodieren, das sind die Haupttätigkeiten, die Teng Chao-Mings kreatives Projekt kennzeichnen. Wenn man sich anschaut, mit welchem enormen Enthusiasmus die asiatischen Nationen ihrer Rolle als Gastgeber der Olympischen Spiele entgegensehen, lässt sich daraus ein historisch eingeteiltes archäologisches Diagramm ableiten, das gemeinsame Erfahrungen und Werte innerhalb der asiatischen Welt herausstellt. Mit Hilfe solcher Bilder und Diagramme kann der Betrachter sich ein Stück vom unaufhaltsamen politischen Status Quo entfernen und ganz behutsam Gefühle unseres persönliches Lebens mit den temporären Strukturen und historischen Erfahrungen in Verbindung bringen, die von der Politik bewusst verschleiert wurden. Die bevorstehenden Olympischen Spiele prägen offenbar das Leben des Einzelnen in Asien. Dabei ist die Einteilung der Welt in eine Diagrammstruktur offenbar unvermeidbar, was deutliche Auswirkungen auf die individuelle Lebensgestaltung der Menschen hat.


Mein Beitrag für Discordant Harmony am Art Sonje Center in Seoul sind Plakatentwürfe für eine Geschichte, die ich für die nächste Ausgabe der Ausstellung plane. Taipei Olympics 2024 (Arbeitstitel) wird von einem Mann handeln, der in der Vorstellung lebt, Taipeh könne eines Tages Gastgeber der Olympischen Spiele sein. Diesem Gedanken widmet er ganze zehn Jahre seines Lebens. Innerhalb der eigenen vier Wände wird aus dem anfänglich zwar ernsthaft verfolgten Hobby eine Ganztagsbeschäftigung. Im Verlauf ist der Protagonist dann nahezu gänzlich besessen von der Idee, Olympische Spiele auszurichten, die der seiner Meinung nach wahren Bedeutung des Ereignisses gerecht werden: Unerschütterlich drückt sich darin sein Glaube aus, dass Harmonie und Fortschritt nebeneinander bestehen können, dass fair ausgetragene Wettkämpfe der Seele des Menschen zum Vorteil gereichen und dass Liebe über Grenzen hinweg möglich ist. – In meiner Geschichte lade ich ihn, den fiktiven Protagonisten, dazu ein, über seine Vorstellungen zu sprechen.
Diese vier Drucke, die als Markensymbole der Stadt und als Werbeplakate daherkommen, zeigen widersprüchliche Meinungen und unvollständige Botschaften. Wie bereiten wir uns am besten auf Olympia vor? Lasst uns die Konflikte akzeptieren und die Unvollkommenheit feiern!

Teng Chao-Ming bedient sich in seinen Werken oft persönlicher und neuer Interpretationen bzw. wandelt existierende Texte und Zustände um, um die dahinterliegenden Kräfte, Emotionen und Strukturen sichtbar zu machen. Für die letzte Ausgabe der Art Sonje Center Ausstellung in Seoul produzierte er fiktive Poster, die Taipeh als Gastgeberstadt der Olympischen Spiele 2024 ankündigten. Die Poster enthielten „nichts Taiwanesisches“, sondern nur Archivbilder vergangener Sommerspiele in Tokio, Seoul und Peking, was die gemeinsame Geschichte und ähnliche Mentalität dieser Länder verdeutlicht. Teng konzentriert sich dabei auf Tokio, die einzige Stadt in Asien, in der im Jahr 2020 zum zweiten Mal Olympische Spiele ausgetragen werden. Grundlage seiner Arbeit ist eine Panorama-Ansicht des Bauvorhabens für das New National Stadium. Der Entwurf der Architektin Zaha Hadid wurde im Juli von der japanischen Regierung abgelehnt, die Zukunft des Bauprojekts liegt damit im Ungewissen. Dieses temporäre Loch mitten im Herzen der Stadt ist das Ergebnis der Beziehung und des Wettbewerbs zwischen verschiedenen Institutionen, Ideologien und Wünschen, die vom Zweiten Weltkrieg an bis heute miteinander konkurrieren. Die Tatsache, dass die Stadt es nicht schafft, dieses Lücke mit einem Stück Luxusarchitektur auf Zeit zu schließen, zeigt uns, wie es hier hinter den Kulissen zugeht: Die Baustelle ist inzwischen mit hohen Zäunen von Fußgängern abgeschirmt. Für einen kurzen Moment kann man hier innehalten und über die Zukunft dieses Landes und seinen Menschen sinnieren, bevor Weiterentwicklung und Ausbeutung wohl wieder an der Tagesordnung stehen.

Teng Chao-Ming lebt und arbeitet derzeit in Taipeh (TW). Er studierte Medienkunst und Medienwissenschaft am Massachusetts Institute of Technology in Camebridge (US). Nach seinem Abschluss übersiedelte er nach New York (US) und 2012 nach Taipeh (TW). Zu jüngsten Ausstellungen gehören 2012 Queens International, Queens Museum, New York (US), 2012 Modern Monsters: Death and Life of Fiction im Rahmen der Taipei Biennial (TW), 2013 little water im Rahmen der Dojima River Biennale, Osaka (JP), 2013 Romance of NG im zeitgenössischen Kunstraum TKG+ der Tina Keng Gallery, Taipeh (TW), 2014 Altering Nativism: Sound Cultures in Post-War Taiwan im Museum of National Taipei University of Education in Taipeh (TW), 2014 die Einzelausstellung Therefore, X=X. im Project Fulfill Art Space, Taipeh (TW), sowie ebenfalls 2014 Post-movements: Nights of Café Müller im Kuandu Museum of Fine Arts der Taipei National University oft he Arts, Taipeh (TW). Im Februar 2015 war er in der Ausstellung These Stories Began Before We Arrived auf der Internationalen Buchmesse Taipeh (Taipei International Book Exhibition, TW) sowie im Mai 2015 mit einem neuen Auftragswerk in der Galerie GLUCK 50 in Mailand (IT) präsent.