Yoneda Tomoko





Yoneda Tomoko bedient sich der Fotografie, einem Medium, das Momente einfängt und dokumentiert. Ihre Arbeiten rufen Erinnerungen an vergangene Ereignisse wach, die sich in der Landschaft vor unseren Augen eingraviert haben.

Die nicht zu leugnende Tatsache, dass etwas Bestimmtes an einem Ort passiert ist, obwohl es in den inzwischen ruhigen Landschaften keine Anzeichen mehr dafür gibt, bleibt ein unauslöschbarer Teil der Erinnerung an das Land und an die Leute, die dort leben. Inspiriert wurde Yoneda von den Geschichten, die ihre Eltern ihr über die Kriegszeiten erzählt haben. Sie besucht Orte, die einst von Zerstörung und Verlust gekennzeichnet waren, und erstaunt uns mit ihrer Fähigkeit, die Vergangenheit und die eigentlich inzwischen davon getrennte Gegenwart in ein und demselben Bild einzufangen.

Die Bilder der Ausstellung in Hiroshima zeigen allesamt Orte, die an den Krieg erinnern: Die Zone entlang der Militärgrenzen zwischen Nord- und Südkorea; Hiroshima, die erste Stadt, über der vor 70 Jahren eine Atombombe abgeworfen wurde sowie den Yasukuni-Schrein, der an alle Opfer erinnert, die sämtliche Kriege, in die Japan involviert war, gefordert hat. Eine Arbeit zeigt eine verwüstete Hügellandschaft in Glossop in England, wo immer noch Überreste des Rumpfs eines Flugzeugs vom Typ B-29, das 1948 bei einem Unfall abgestürzt war, in Einzelteilen herumliegen. Die B-29 war ein schwerer Langstreckenbomber, der vor allem von der US-Luftwaffe während bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen in ganz Japan geflogen wurde. Aus einer solchen Maschine wurden auch die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Auch im Korea-Krieg, der 1950 im Zuge des Kalten Krieges ausbrach, kam dieses Modell zum Einsatz. Als man im Jahr 1946 nukleare Sprengversuche auf dem Bikini-Atoll machte, nutzte man die B-29, um dieses Ereignis fotografisch zu dokumentieren. Als Kontrast zeigt Yoneda dieses Flugzeug, das einstmals hoch am Himmel flog und in vielen Kriegen für verheerende Zerstörung verantwortlich war, auch als Opfer eines Flugzeugzusammensturzes, bei dem es als Wrack endete. In einer dieser Landschaften von heute, wie sie Yoneda darstellt, sind die Rollen von Täter und Opfer damit auf einmal austauschbar.

Yoneda definiert die Dinge nicht aus einem bestimmten Blickwinkel heraus, sondern ermutigt uns vielmehr, auf die Vergangenheit zu schauen und aus ihrer Perspektive heraus zu überlegen, wie Geschichte überhaupt entstanden ist – eine Perspektive, die Grenzen überschreitet und immer beide Seiten der Medaille betrachtet, und zwar in Form von kühnen, neuen, raum- und zeitübergreifenden Betrachtungsweisen.


The Parallel Lives Of Others –Encounter With Sorge Spy Ring („Das Parallelleben der anderen – eine Begegnung mit dem Sorge-Spionagering”) dokumentiert verschiedene Orte in Japan und China, an denen sich angeblich kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs internationale Spione geheim getroffen haben sollen. Das Ganze fand unter der Leitung des sowjetischen Spions Richard Sorge und seiner Informanten statt; auch der japanische Journalist, Kommunist und politische Berater Ozaki Hotsumi gehörte zu diesem Kreis. Die Szenen erscheinen in einem ganz intimen Rahmen mit Weichzeichner und einfarbig – gleichermaßen eine Anspielung auf das obskure Leben eines Spions als auch auf die Uneindeutigkeit historischer Berichte in Bezug auf vergangene Ereignisse.

Mit ihrer Kamera zeichnet Yoneda Tomoko ein ernsthaftes Bild Asiens und zeigt die Überbleibsel von Japans Modernisierungsbestrebungen. So zeigen ihre Fotografien aus Taiwan etwa im japanischen Stil erbaute Häuser in Taipeh und die Landschaften von Jingliao in Tainan. Die Serie Japanese House („Japanische Häuser“) dokumentiert nicht nur auf objektive Weise einen zur Zeit der japanischen Besatzung modernen gebräuchlichen Architekturstil, sondern zeichnet auch persönliche Erinnerungen ehemaliger Bewohner nach, etwa des Generals Wang Shu-Ming, dem Stabschef unter Chiang Kai-Shek, oder der Tochter des japanischen Premierministers Kantrao Suzuki, der das Potsdamer Abkommen unterzeichnet hat. Das Werk zeigt die Vielschichtigkeit der geheim gehaltenen Vergangenheit innerhalb des allgemeinen Geschichtsdiskurses.

Yoneda Tomoko wurde 1965 im japanischen Hyogo geboren und lebt und arbeitet in London. Mit der Fotografie bedient sie sich eines Mediums, das Momente einfängt und dokumentiert. Ihre Arbeiten rufen Erinnerungen an vergangene Ereignisse wach, die sich in der Landschaft vor unseren Augen eingraviert haben. In ihren jüngsten Arbeiten thematisiert sie die vielen Gesichter der Modernisierung und die Verworrenheit der historischen Erfahrungen in Japan und Asien. Sie hat bereits diverse Einzelausstellungen durchgeführt, etwa Beyond Memory („Mehr als nur Erinnerung”; Grimaldi Gavin, London, 2015), We Shall Meet In Place Where There Is No Darkness („Wir werden uns an einem Ort begegnen, an dem es keine Dunkelheit gibt”); Tokyo Metropolitan Photography („Tokia – Fotografien einer Großstadt”); Himeji City Museum Of Art, 2013-2014), Japanese House („Das japanische Haus“; ShugoArts, 2011) und An End Is A Beginning („Jedes Ende ist ein Anfang“; Hara Museum Of Contemporary Art, 2008). Weiterhin hat sie an vielen internationalen Veranstaltungen und Gruppenausstellungen teilgenommen, darunter Tell Me A Story („Erzähle mir eine Geschichte“; Rockbund Art Museum, Shanghai, 2016), In The Wake („Erwachen“; Museum Of Fine Art, Boston, Japan Society, New York, 2015-2016), die SeMA Biennale Mediacity Seoul (2014), die Gwangju Biennale (2014), die Aichi Triennale (2013), die Kiev Biennale (2012), die Kuandu Biennale (2010) sowie die Venice Biennale (2007).