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Sagen wir wir sind die Zukunft - Das Berliner Theater an der Parkaue

Logo Copyright: Theater an der ParkaueDas Theater an der Parkaue in Berlin, Deutschlands einziges staatliches Kinder- und Jugendtheater, engagiert sich für Kinder und Jugendliche auch außerhalb der Bühne.

"Mann, ist das hoch!" raunt der 11-jährige Valentin. Seinen Freund Towa hingegen beeindruckt es wenig, ganz oben auf dem höchsten Plattenbau in Berlin-Lichtenberg zu stehen: "Ich hab mir das viel höher vorgestellt!" Aber gemeinsam stellen sie fest, dass der Wind sich plötzlich anders anhört und die Autos trotz der Ferne doch so nah klingen. Oder ist das nur ihr eigener Atem, den sie hier oben viel stärker durch den Hall hören? Okay, noch mal auspegeln, Sound checken, Mikro positionieren und lieber noch eine zweite Aufnahme machen.

Innerhalb einer Woche haben sich die beiden Jungs zu Experten für den Sound des Stadtteils entwickelt. Ein schwieriger Prozess, mussten sie doch erst lernen und erfahren, dass man nicht einfach ohne Konzept Leute auf der Straße befragen kann, sondern sich auf Interviews vorbereiten muss, dass die Aufnahme nur den geringsten Teil der Sache darstellt und das Schneiden der Aufnahmen eigentlich viel zeitintensiver ist.

Bildungsfunktionen in einem sozial benachteiligten Bezirk

Teilnehmer von Labor 1 befragen Besucher der Hörinstallation nach ihren Eindrücken. Foto/Copyright: Kerstin FritzscheValentin und Towa waren Teilnehmer des Labors Schließe die Augen Berlin im Rahmen der ersten Winterakademie für Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren, die vom Theater an der Parkaue, Deutschlands einzigem staatlichen Kinder- und Jugendtheater, veranstaltet wurde. Um Theater ging es aber nur am Rande. Unter der Leitung externer Künstlerinnen, Journalisten, Filmemacher oder Bühnenbildner konnten die 65 Teilnehmer in neun Laboren verschiedenste künstlerische Darstellungsformen erproben: von Performance über eine Schreibwerkstatt bis hin zu Video, Raum-Installationen und Soundcollagen.

Einige erforschten Bewegungen von Bewohnern, um damit einen Kiez-Tanz zu erstellen oder kleine Lichtenberg-Geschichten zu schreiben. Nachwuchs-Kriminalisten erforschten anhand eines inszenierten Falls die Geschichte einer leer stehenden Kindertagesstätte, wieder andere erbauten sich in einer Performance ihr Einkaufscenter der Zukunft. Mit seinem Projekt übernimmt das Kinder- und Jugendtheater wichtige Bildungsfunktionen in dem sozial benachteiligten Bezirk Lichtenberg.

Hier wurde einst der Prototyp aller Plattenbauten, der WBS 70, erfunden, sowie der Eierschneider und Perlon. Doch von dem einstigen Erfindergeist zu DDR-Zeiten ist jetzt nichts mehr zu spüren. Und mit der Hippness anderer Berliner Ost-Bezirke wie Friedrichshain kann es Lichtenberg nun wirklich nicht aufnehmen. Szenige Cafés und künstlerisches Flair: Fehlanzeige. Ehemals Vorzeige-Wohngebiet der DDR, können heute nur das ehemalige Staatssicherheits-Gefängnis Hohenschönhausen und der Tierpark Friedrichsfelde als Touristenattraktionen durchgehen. Mittlerweile wird schon das dritte Einkaufscenter in U-Bahn-Nähe gebaut, während kleinere Cafés und Kneipen, und damit auch eine Mitte, fehlen. Die Jugend des Bezirks ist weitgehend ortlos; einer aktiven rechten Szene stehen vielen ausländische Kulturvereine gegenüber.

Alle Teilnehmer und Laborleiter der ersten Winterakademie. Foto: Christian Brachwitz Copyright: Theater an der Parkaue

"Es geht nicht darum, dass die Kinder das sehen, was wir wollen"

Die Winterakademie stand unter dem Motto Sagen wir wir sind die Zukunft. Und das könnte auch genauso gut das Motto des Theaters an der Parkaue sein. Denn unter den beschriebenen schwierigen Bedingungen versucht das Theater bereits in seiner 56. Spielzeit die Lichtenberger, aber auch alle anderen kleinen Berliner für Theater zu begeistern – seit August 2005 mit dem neuen Intendanten Kay Wuschek, Oberspielleiter Sascha Bunge und der Leitenden Theaterpädagogin und Dramaturgin Karola Marsch.

Labor 1 - Schließe die Augen, Berlin - präsentiert seine Hörstationen. Copyright: Kerstin Fritzsche
Hörprobe Labor 1
WMA-Datei, 3:27 Min.
Theaterpädagogik ist ohnehin eine typisch deutsche Angelegenheit. Dabei geht es darum, Inszenierungen und Stoffe für die jungen Besucher, aber auch ihre Lehrer, Eltern und andere Multiplikatoren aufzubereiten und zusätzliche spielerische Informationsangebote zu machen, um Kindern und Jugendlichen Theater lebensnah näher zu bringen. Doch normalerweise ist die Theaterpädagogik an den Theatern ein eigenständiger Bereich, der mal mehr, mal weniger innovativ die Spielzeiten begleitet. Dem Leitungstrio am Theater an der Parkaue ist das zu wenig. So haben sie die sonst getrennten Bereiche Dramaturgie und Theaterpädagogik zusammengefasst, um eine bessere Verbindung zwischen Inszenierungen und Vermittlung zu bekommen. Und neben dem normalen Spielbetrieb spartenübergreifende Angebote eingeführt wie die Winterakademie. Natürlich kam dort auch Theater vor. Aber es sollte auch um eine Ergänzung durch andere performative Ausdrucksformen gehen. Während es in den anderen Sparten des Theaters normal sei, Darstellungsformen weiter zu fassen, so Karola Marsch, gäbe es das bei der Theaterpädagogik bisher nicht: "Was passiert, wenn man keine Theaterstoffe nimmt, sondern mittels einer Methode auf Recherche geht und sich dann mit den Fundstücken eine theatrale Form erarbeitet? Wie ändert sich dann die Wahrnehmung, und wie kann man das künstlerisch ausdrücken? In der klassischen Theaterpädagogik gibt es solche Angebote nur für Multiplikatoren, nicht für die Kinder. Wir wollen diesen Paradigmenwechsel auch in der Theaterpädagogik. Es geht nicht darum, dass die Kinder das sehen, was wir wollen, sondern sie sollen die Experten werden."

Für die 11-jährige Pauline hat sich durch die Winterakademie nicht nur ihre Wahrnehmung der Stadt verändert: "Ich weiß jetzt, dass ich Radiomoderatorin werden will!" Die Chancen stehen nicht schlecht: Pauline wurde mit Towa und Valentin bei der Präsentation ihrer Hörstationen am letzten Tag von zwei Moderatorinnen eines Internetradios zum Aufbau einer Kinderredaktion geworben. In der Tat, diese Jung-Lichtenberger sind die Zukunft.

 Zu Besuch bei Lady Lichtenberg - Texte des Schreiblabors
(Word-Datei, 32 KB)
 Sprachflagge

Kerstin Fritzsche
leitete das Labor 'Schließe die Augen Berlin' und hat zuvor in Marseille selbst getestet, welchen Sound Stadt und Bewohner täglich "abmischen".

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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März 2006

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