Kasachisch-Deutsche Gedichte

„Es gibt eine internationale Sprache der Poesie“ (G. Heidenreich)

Keiner von Beiden spricht die Sprache des Anderen. Keiner von Beiden kennt das Land des Anderen. Wo das Verständnis der Semantik einer Fremdsprache fehlt, können andere Fertigkeiten an die Stelle treten: die Neugierde an dem Land des Anderen und die Entdeckung, dass andere faszinierende Gemeinsamkeiten zwei eigentlich sprachlos gegenüber stehende Menschen verbinden können. Lesen Sie die spannenden Ergebnisse künstlerischer Auseinandersetzung des deutschen Dichters Gert Heidenreich und seines kasachischen Kollegen Iran Gaiyp.
Dichtung auf Deutsch und auf Kasachisch – der Nationalsprache des jungen unabhängigen Staates Kasachstan - und ihre Nachdichtungen: ein Projekt des Goethe-Instituts Almaty.

Das Projekt

Mit der Einladung Gert Heidenreichs im Mai 2001 zu einer Lesereise durch Kasachstan (Pawlodar, Astana, Almaty) verband das Goethe-Institut Almaty das Ziel, einen namhaften deutschen Schriftsteller mit zeitgenössischen Autoren des jungen Staates Kasachstan zusammenzubringen. Zwischen Gert Heidenreich und Iran-Gaiyp (Iranbek Orazbajew) entwickelte sich in Almaty besonders schnell ein einvernehmliches Verhältnis. Dieses beruhte u.a. auf der Verwendung einer ähnlichen Lyriksprache, aber auch auf einer gemeinsamen Trauer angesichts der Tatsache, dass jeder von ihnen beinahe zeitgleich einen Sohn durch Unfall verloren hatte.

Nach mehreren Besuchen und Gegenbesuchen in Kasachstan und Deutschland entschlossen sich beide Dichter, auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Überzeugung, dass es eine internationale Sprache der Poesie gebe, das beinahe Unmögliche zu wagen: Mittels Interlinear-Übersetzungen ihrer in Kasachstan und in Deutschland entstandenen Gedichte ein gegenseitiges Gespür für Art und Inhalt ihres Mitteilungsbedürfnisses sowie für Farbe und Klang ihrer Ausdrucksformen zu ermöglichen. Die durch Schyryngul Suchai erstellten Roh-Übersetzungen ermöglichten es beiden Schriftstellerkollegen, erste Einblicke in das feinere Gewebe ihrer Gedichte zu gewinnen. Erst daraus konnten sie sich in die Lage versetzen, in ihren jeweils eigenen Sprach- und Denkformen mit dem Verfassen von Nachdichtungen zu beginnen: dem eigentlichen kreativen Prozess im Verlauf dieses Projekts.

Nach vier Jahren war das Projektziel erreicht: nämlich die erstmalige direkte Übertragung deutscher und kasachischer Lyrik in die jeweils andere Sprache - ohne den Umweg über die russische Sprache.