Die Macht der Bilder und der Musik – im „Babylon“ lebt das Stummfilmkino weiter

Dieses Haus atmet den Geist der Zwanzigerjahre. Man glaubt, das von starken Projektorlampen aufgeheizte Zelluloid riechen zu können. Auf der halbrunden Bühne spannt sich ein goldgerahmter, fast quadratischer Rahmen für die Original-Stummfilmleinwand. Vor der Bühne sitzen im Halbdunkel Musiker. Wir sind im Babylon, dem letzten großen Stummfilmkino in Berlin.Kein Ort eignet sich für die Wiederentdeckung der Macht stummer Bilder so sehr wie diese Aufführungsstätte. Das Innere wurde erst kürzlich wieder rekonstruiert, außen erinnert die futuristisch anmutende Architektur an den Stil der „Neuen Sachlichkeit“. Eine eigene Besucherattraktion ist die Original-Filmorgel. Schon bei der Kino-Eröffnung im Jahre 1929 hatte sie als größte deutsche Orchesterorgel die Zeitgenossen begeistert. Der besondere Clou: bei Bedarf imitiert die Orgel täuschend echt Pferdegetrappel, aber sie hat auch Autohupen, Telefonläuten und Feueralarm im Register.
Das Babylon an dem nach der deutschen Kommunistin Rosa Luxemburg benannten Platz ist eine Berliner Institution. „Es war noch nie ein Kino allein, immer schon auch Showbühne, Konzertsaal und Theater“, sagt Timothy Grossman. Er betreibt zusammen mit Tobias Hackel seit 2005 das Babylon als Geschäftsführer. Die beiden setzen auf eine Mischung aus Kommerz und cineastischem Anspruch. „Bei uns treten Kabarettisten auf, wir veranstalten Konzerte, jeden Sonntagmorgen gehört der große Saal einer evangelischen Freikirche, die hier ihre Messe feiert“, sagt Grossmann. „Und jeden Monat gibt es einen spanischen, einen italienischen und einen französischen Filmabend. Wir hatten hier schon ein brasilianisches Filmfest, wir zeigen unter dem Motto ‚Around the world‘ Festivalfilme von überall her. Das ist eben Babylon: alle Farben, alle Sprachen, alle Töne.“
Derzeit läuft eine große Billy-Wilder-Retrospektive mit drei bis vier Aufführungen pro Tag, gefolgt von einer Woche britspotting, einem Einblick in das britische Kino. Zwischendurch stehen Buchvorstellungen auf dem Programm und eine richtige Filmpremiere (Der Uranberg). Das nächste große Projekt ist Chaplin Complett: In Zusammenarbeit mit der „Cineteca di Bologna“ hat das Babylon achtzig Chaplin-Filme zusammengesucht. Geplant sind Präsentationen der Stummfilmklassiker von Chaplin, begleitet von einem 50-Mann-Orchester, das Timothy Brock, ein Chaplin-Dirigent aus Bologna, leiten wird.
Hollywood den Rang ablaufen
Als das Babylon gebaut wurde, war Berlin das Mekka des Films in Europa. Filmhistoriker schwärmen davon, dass sich die Stadt in den 1920er-Jahren mit Hollywood auf Augenhöhe befand. Nirgendwo gab es so viele Kinos, die meisten zwar nur „Flohkinos“ oder Kneipen mit etwas „public viewing“. Aber der Film war vor der Erfindung der elektronischen Massenunterhaltung die wichtigste Kunstform für die Menschen. Die legendären Filmstudios im Vorort Babelsberg blühten, immer neue Ideen steuerte die avantgardistische Szene der Stadt bei. Hier, in der damals drittgrößten Stadt der Welt, fanden die Weltpremieren statt, über die man sprach. Hier wurde Filmgeschichte geschrieben.
Die Hauptstadt war damals unbestritten das wirtschaftliche und politische Zentrum Deutschlands und – nach Krieg, Revolution und dem Zusammenbruch der politischen Institutionen – ein brodelnder Hexenkessel, in dem die Fronten hart aufeinander prallten. Mittendrin lag das Babylon – zwischen Alexanderplatz und Scheunenviertel, wo die Ärmsten der Stadt lebten. Ganz in der Nähe hatte die Kommunistische Partei (KPD) ihre Parteizentrale. Vor dem Kino tobten die Straßenschlachten zwischen der Rotfront, der Polizei und den SA-Trupps. Kurz nach der Eröffnung des Kinos kam es zum berüchtigten „Blutmai“ mit über fünfzig Toten. Vier Jahre später machten die Nationalsozialisten der Weltgeltung Berlins nicht nur als Filmstadt brutal ein Ende.
Universale Bildsprache
Heute wird der Stummfilm als eigene Kunstform wiederentdeckt. Er hat mit seiner Nähe zu Musical und Oper mehr mit musikalischen Kunstformen zu tun als mit dem späteren Tonfilm. Statt der gesprochenen Sprache kommt es bei ihm auf die Bildsprache an, und die ist universal. Zwar hat jeder Stummfilm auch Zwischentitel, aber die Kunst liegt darin, mit so wenigen wie möglich auszukommen.
„Der Stummfilm lebt nicht von Dialogen und Soundeffekten, sondern von der Gestik und Mimik der Schauspieler – und vor allem: von der Musik. Eigentlich ist der Stummfilm ein Konzert mit Bildern“, sagt Grossmann. Dem Cineasten geht es darum, einen versunkenen Schatz zu heben. „Stummfilm ist lebendig“, sagt er. In den Archiven schlummern noch viele Tausend Meter Zelluloid, oft sind es nur kurze Streifen. Als diese Filme gedreht wurden, dachte kein Mensch daran, sie für die Nachwelt aufzuheben. Nur die wenigsten Filmbänder überlebten den Zweiten Weltkrieg, denn sie enthielten kriegswichtige Rohstoffe. Eine vergessene, aber immer noch lebendige Kunstform wird wieder entdeckt.
ist freier Journalist und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
![[Arabic]](http://www.goethe.de/bilder3/flaggen/arlb-flg.gif)









