Literatur

ADONIS

© AdonisIm Erfinden von Pseudonymen waren die Dichter immer schon einfallsreich. Aber manche sind dabei nicht nur einfallsreich, sondern zugleich sehr dreist. Und dreist war der 1930 in einem Dorf in Nordsyrien geborene Bauernjunge Ali Ahmad Said, als er im Alter von 17 Jahren “Adonis” zu seinem Schriftstellernamen erkor. Die Zeitungen und Zeitschriften, an die er damals seine Gedichte sandte, hatten von Ali Ahmad Said nichts wissen wollen. Als er aber in seiner Verzweiflung dieselben Gedichte unter dem spektakulären Pseudonym anbot, wurden sie sofort publiziert. Seit dieser Zeit heißt Ali Ahmad Said “Adonis”.

Dabei ist die Wahl des Namens “Adonis” keineswegs nur ein publizistischer Trick gewesen; er hat auch eine unübersehbare programmatische Dimension. Denn die Gestalt des Adonis aus der antiken Mythologie ist auch ein Fruchtbarkeitsgott gewesen, und Adonis alias Ali Ahmad Said versteht es als seine dichterische Aufgabe, zu einer neuen Blüte der in Traditionen erstarrten arabischen Kultur beizutragen. Dies ist ihm tatsächlich wie keinem zweiten arabischen Dichter gelungen.

Ende der fünfziger Jahre gründete Adonis in Beirut zusammen mit anderen jungen Dichtern die avantgardistische Literaturzeitschrift “Dichtung”, die all jenen ein Forum bot, die die formale Strenge und Monotonie der klassischen arabischen Dichtkunst aufsprengen wollten. Dabei griffen diese rebellischen Dichter auch auf die Errungenschaften der modernen abendländischen Lyrik zurück. Rimbaud, Saint-John Perse und T.S. Eliot zählten zu ihren großen Vorbildern und beeinflußten sie nachhaltig. Selbst heute noch bieten sich diese Namen an, wenn man versuchen will, das Werk von Adonis international einzuordnen. Ihre eigentliche Faszination erhält Adonis’ Dichtung jedoch dadurch, daß sie es wie keine zweite versteht, die westlichen Einflüsse mit der arabischen Tradition zu einer ganz eigenen lyrischen Sprache zu verschmelzen. Dies gelang Adonis zum ersten Mal in seinem 1961 in Beirut publizierten Gedichtband “Die Gesänge Mihyârs des Damaszeners”, der in diesem Jahr zusammen mit späteren Gedichten vom bekannten S. Fischer Verlag in der Übersetzung von Stefan Weidner neu aufgelegt wird. Die Gedichte darin sind ebenso einfühlsam wie auch auf faszinierende Weise fremdartig. Sie handeln einerseits von den ewigen Themen der Poesie wie Liebe, Tod, Gott, Natur, andererseits sind sie eine rastlose, den Leser Strophe um Strophe, Vers um Vers immer stärker involvierende Suche nach dem Ort des Menschen in der modernen, von Orientierungslosigkeit geprägten Welt.

Mit über dreißig Büchern, von denen ein Dutzend allein ins Französische übersetzt wurde, hat Adonis seine dichterische Welterkundung seit dem Erscheinen von “Die Gesänge Mihyârs des Damaszeners” unermüdlich fortgesetzt. Heute lebt er teils in Paris, teils in Beirut, wenn er nicht, wie zuletzt in Princeton, einen der ihm zahlreich angetragenen Lehraufträge an einer renommierten Universität annimmt. Daß die Dichtung dieses Weltbürgers jedoch nach wie vor im Orient verwurzelt ist, weiß jeder, der einmal das Glück hatte, Adonis beim Rezitieren seiner Gedichte live zu hören. Kaum einer der modernen arabischen Dichter beherrscht noch wie er die alte orientalische Kunst des mündlichen Gedichtvortrages. Und das Schöne daran ist: Um dies zu genießen, braucht man keineswegs Arabischkenntnisse. Adonis’ Vortrag ist so melodiös, daß er Zuhörer jeglicher Herkunft in seinen Bann schlägt. Wer die Gelegenheit hat, dies zu erleben, sollte es sich nicht entgehen lassen.