Wider den „Bratwurst-Journalismus“ – das Heddesheim-Blog

Ein globales Medium lokal nutzen: Das „Heddesheim-Blog“ setzt das Internet zur örtlichen Berichterstattung ein – und sieht sich als journalistische Alternative zu den Tageszeitungen. Es ist ein Zukunftsprojekt mit Tücken.Der Anspruch ist hoch. „Ich mache Lokaljournalismus, aber besser als die etablierten Medien“, sagt Hardy Prothmann. Er gründete im Frühjahr 2009 das Heddesheim-Blog – eine Informations-Website für seinen 11.500 Einwohner zählenden Wohnort Heddesheim im Norden Baden-Württembergs. Anlass dafür war die Ankündigung einer Speditionsfirma, am Rand der Kleinstadt ein großes Logistik-Zentrum anzusiedeln. Geplantes Investitionsvolumen: 100 Millionen Euro.
Journalist Prothmann recherchierte und fand nach eigener Aussage heraus, dass die Regionalzeitung Mannheimer Morgen offenbar ihre Berichterstattung verändert hatte: „In rund 30 älteren Artikeln wurde das Speditionsunternehmen wegen Problemen bei der Mitarbeiterführung kritisiert, dann gab es plötzlich nur noch Lob für die geplanten Jobs.“ Die Zeitung habe dem Heddesheimer Bürgermeister nach dem Mund geredet, der von einem „bedeutenden Unternehmen“ gesprochen habe, kritisiert Prothmann. Er schrieb darüber einen Artikel, stellte ihn ins Netz und bekam große Resonanz: „Es gab so viele Seitenabrufe, dass ich auf einen anderen Server umziehen musste.“ Aufgrund dieser Nachfrage entwickelte Prothmann die Idee weiter. Seine Themenpalette reicht mittlerweile vom Vereinsleben über Feste bis zur Kommunalpolitik: „Alles, was im Ort passiert, ist interessant.“
„Subjektiver Journalismus“
Neben dem Heddesheim-Blog gibt es inzwischen zwei weitere Lokal-Blogs für die Nachbarorte Hirschberg und Ladenburg. Die beiden Gemeinden haben 9.500 und 11.500 Einwohner. Insgesamt verzeichnet Prothmann für sein Angebot täglich über 4.000 Nutzer. Den Erfolg führt er auf das Verhalten seiner Konkurrenten zurück: „Durch die Monopolstellung der Zeitung hat sich eine arrogante Berichterstattung von Besser-Wisser-Journalisten eingeschlichen.“ Prothmann wirft ihnen „Bratwurst-Journalismus“ vor, der so tue, als würde er mit aufgeblasenen Texten informieren: „Formulierungen wie ‚der Wettergott war dem Publikum gnädig, die Bratwurst lecker, das Bier floss in Strömen‘ sind keine News, die ein Tageszeitungsleser braucht.“
Prothmanns Alternative lautet „subjektiver Journalismus“. Darunter versteht der 43-Jährige, der über 20 Jahre als freier Journalist unter anderem für die Zeit, den Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und verschiedene ARD-Hörfunkprogramme gearbeitet hat, einen Gegenentwurf zum vermeintlich objektiven Journalismus. Statt zwischen den Zeilen eine Meinung zu transportieren – so sein Vorwurf –, setze er in seinen Blogs auf eine subjektive Bewertung der mit professionellem Handwerk dargestellten Fakten. Das beinhalte auch Verweise auf die Konkurrenz, so Prothmann: „Wir sehen es so – der Mannheimer Morgen schreibt es so. Das kommt bei unseren Lesern an.“
Der „gläserne Gemeinderat“
Doch nicht alle sind begeistert. „Neben überwiegender Zustimmung erfahre ich auch Ablehnung durch einen kleinen Zirkel“, sagt Prothmann. Dazu zählt er einige Gewerbetreibende und Lokalpolitiker. Insbesondere Prothmanns Verhältnis zum Heddesheimer Bürgermeister ist angespannt: „Mir wurden alle Pressekontakte zu Gemeindebediensteten verboten.“ Die beiden treffen regelmäßig im Gemeinderat aufeinander, in dem Prothmann seit Juni 2009 mit einem freien Mandat sitzt. Von dort berichtet er im Heddesheim-Blog als „gläserner Gemeinderat“ aus den öffentlichen Sitzungen des Gremiums – was Prothmann nicht als Interessenkonflikt begreift. Seine Sitzungskommentare sind teilweise spitz formuliert. Er warf dem Bürgermeister zum Beispiel vor, die Sitzungen „nervös, aggressiv und eindeutig parteiisch“ zu leiten.
Auch sonst textet Prothmann hin und wieder provokant. So warf er einer Redakteurin des Mannheimer Morgens „journalistische Prostitution“ vor, weil er sich über deren angebliche Hofberichterstattung zugunsten des Heddesheimer Bürgermeisters ärgerte. Von „journalistischen Blowjobs“ war da die Rede. „Ich habe stilistisch überzogen“, räumt Prothmann inzwischen ein. Auf die Frage, wie es ihm gelinge, sich als Lokaljournalist nicht in persönliche Auseinandersetzungen verstricken zu lassen, antwortet er: „Ich liege weder mit der Redakteurin noch mit dem Bürgermeister persönlich im Clinch.“ Es gehe ihm lediglich um deren Funktionen. Im Übrigen habe er weder in Hirschberg noch in Ladenburg ähnliche Probleme: „In diesen Gemeinden gibt es einen offenen Umgang mit unseren Blogs.“
„Wiedergeburt des Lokaljournalismus“
Trotz dieser Schwierigkeiten will Prothmann die „Wiedergeburt des lokalen Journalismus“ vorantreiben. Noch arbeitet er weitgehend als Einzelkämpfer – pro Tag durchschnittlich zehn Stunden. Unterstützt wird er dabei von seiner Frau und einem Pensionär, die ab und zu Artikel schreiben, sowie von zwei Schülerpraktikanten, die er anlernt. Leben kann Prothmann von seinem Projekt allerdings noch nicht. Nach wie vor muss er Erspartes zuschießen: „Die Werbeeinnahmen erreichen jedoch bereits ein gutes Niveau.“
Deshalb will er im Rhein-Neckar-Kreis expandieren und alle dazugehörigen zehn Gemeinden mit Lokal-Blogs versorgen. „Als Dachportal plane ich das Rhein-Neckar-Blog, das ortsübergreifend Themen der ganzen Region behandelt“, sagt Porthmann. Er zieht bisher eine positive Bilanz: „Ich habe den Spaß meines Lebens.“
ist Diplom-Soziologe und arbeitet als freier Journalist in Köln, unter anderem für die Internetredaktion des Westdeutschen Rundfunks.
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Juni 2010
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