Gleiches Land, andere Kultur

„Wir lieben die Litauer, die Litauer lieben uns!“ – ein Interview mit Karina Firkavičiūte

Sie sind eine kleine Minderheit, doch gehören sie seit über 700 Jahren zur litauischen Gesellschaft: Die Karäer haben mit ihren vielseitigen Traditionen einen festen Platz in der litauischen Kultur. Karina Firkavičiūtė, Vorsitzende der „Gemeinschaft der Karäer Litauens“, gibt im Interview einen Einblick in diese vielseitige Kultur, die karäische Sprache und die Zukunft der litauischen Karäer.

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Die Geschichte der Karäer in Litauen reicht ins 14. Jahrhundert zurück. Zu dieser Zeit wurden ungefähr dreihundert Familien dieser „Krim-Karäer“ aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet nach Trakai, der Residenzstadt des Großfürsten Vytautas bei Vilnius, geholt, um dort als seine persönliche Leibwache und Beschützer zu dienen. Seitdem sind sie fester Bestandteil der Kultur und Geschichte Litauens und genießen heute wie damals Religionsfreiheit.

Ihre Religion ist der Karaismus: Sie halten sich an das geschriebene Alte Testament und beziehen sich auf keine seiner mündlichen Interpretationen. Die karäischen Gottesdienste finden in der Kenesa statt, die kein einfaches Gotteshaus ist, sondern als ein Tempel verstanden wird. Die kulturellen Traditionen der Karäer sind vor allem mit den bedeutendsten Ereignissen des Lebens verbunden: Geburt, Heirat und Tod spielen neben Festivitäten des religiösen Kalenders oder der Jahreszeiten wie Erntedank eine entscheidende Rolle.

Heute gibt es in Litauen nur noch ungefähr 250 Karäer, die jedoch weiterhin, vor allem rund um Trakai und Vilnius, aber auch in Panevėžys, ihre Religion und ihre Traditionen lebendig halten. Selbst die karäische Sprache, die zur Familie der Turksprachen gehört und die durch einen Mangel an modernen karäischen Schriftstellern und Sprechern in Vergessenheit zu geraten droht, wird in der karäischen Schule gelehrt und an Universitäten studiert. Konferenzen und Treffen der internationalen Gemeinschaft der Karäer fördern heute den Erhalt dieser reichen Kultur, die so eng mit Litauen und seiner Geschichte verknüpft ist und die man noch heute in Trakai auf der „Karaimų gatve“ hautnah erleben kann. Und ein bisschen karäische Kultur ist in ganz Litauen zu finden: Die traditionellen Teigtaschen namens „Kybynai“ gehören zu den bekanntesten Gerichten Litauens.

Dr. Karina Firkavičiūtė – Musikwissenschaftlerin, Master in Interdisziplinären Europäischen Studien, ehemalige Stipendiatin des DAAD in Deutschland, Dozentin an der Litauischen Musikakademie und Mitglied des litauischen Komponistenverbandes. Von 2001 bis 2006 war sie Direktorin am Litauischen Institut. Momentan ist sie Kulturattaché für Forschung und Erziehung an der Litauischen Ständigen Vertretung der EU. Seit 1998 ist die Vorsitzende der Kulturgesellschaft der Litauischen Karäer. Ihr Forschungsfokus liegt auf der orientalischen Musik und der Kultur von nationalen Minderheiten, vor allem auf der Kultur, Musik und Geschichte der Karäer. Sie ist Autorin von verschiedenen Artikeln über karäische Musik und hat die bilinguale Anthologie der karäischen Poesie „Į Trakus paukščiu plasnosiu” (1997) sowie den „Karäischen Kalender” (2001) editiert.
Das Interview führten Vytenė Stašaitytė, Redakteurin beim Nachrichtenportal delfi.lt, und Lisa-Maria Röhling, Studentin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Videoübersetzung: Daiva Petereit
Copyright: Goethe-Institut Litauen
November 2012
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