„In Vielfalt geeint“ – anders lieben, gemeinsam leben

„In Sachen Offenheit hat sich einiges getan“ – ein Interview mit Rosa von Praunheim

Rosa von Praunheim (Foto: © Markus Tiarks)
Foto: rosavonpraunheim.de
Rosa von Praunheim


Mit Selbstbewusstsein, mutigem Engagement und seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ wurde Rosa von Praunheim Anfang der 1970er-Jahre zu einem Wegbereiter der deutschen Schwulenbewegung. Der Regisseur, Autor und Ex-Filmhochschulprofessor erschütterte mit Outing-Aktionen die Republik und drehte zahlreiche, meist queere Filme.

Herr von Praunheim, eine gewisse Lust an der Provokation und am Tabubruch zieht sich durch Ihre gesamte Karriere. Mit dem Outing von Prominenten wie Hape Kerkeling und Alfred Biolek Anfang der 1990er-Jahre in einer TV-Talkshow haben Sie heftige Kontroversen ausgelöst. Würden Sie solche Aktionen nochmal machen?

Diese Outings waren damals eine große Kiste. Man kann so eine Aktion aber nicht alleine machen, sondern gemeinsam mit anderen, und das ist sehr schwierig, weil ich eigentlich ein Einzelgänger bin. Lust hätte ich allerdings schon. Ich habe ja einen Film gedreht über David Berger, der als schwuler Religionslehrer aus der Schule rausgeflogen ist, und erzählt, wie hoch der Anteil von schwulen katholischen Priestern ist. Es würde Sinn machen, Schwule in der Kirche zu outen. Aber das mache ich nicht mehr. Das müssen andere machen.

Wie beurteilen Sie diese Outings heute?

Ich glaube, dass sie den Journalismus sehr positiv verändert haben. Damals wurde über Schwule nur im Zusammenhang mit AIDS-Toten, mit Verbrechen und ich weiß nicht was berichtet. Plötzlich wurden Schwule in der Presse auch ganz normal gezeigt, ohne sie zu problematisieren. Das war ein großer Fortschritt.

In „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von 1971 zielten Sie mit Ihrer Kritik auch auf die schwule Szene, von der Sie damals mehr Engagement und Kampf forderten. Was hat sich bis heute verändert?

„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, Filmausschnitt (Youtube.com)

Eine Forderung war, dass man sich selber outen, offen zu seiner Homosexualität stehen und in seinem Freundeskreis, bei den Eltern, im Beruf darüber sprechen soll. In Sachen Offenheit hat sich einiges getan. Ich denke, dass viele selbstverständlicher mit ihrem Schwulsein aufwachsen – unterstützt durch das Internet, durch schwule Gruppierungen und so weiter. Das trifft natürlich nicht auf alle zu. Aber dadurch, dass sich das gesellschaftliche Klima verändert hat, kann ein großer Prozentsatz heute freier und offener eine Beziehung leben.

Queere Themen und starke Frauen

Anlässlich Ihres 70. Geburtstags haben Sie ein Mammutprojekt – „Rosas Welt“ – mit 70 neuen Kurzfilmen gestemmt. Viele davon kreisen um queere Themen, aber Sie widmen sich auch wieder starken Frauen. Wie kommt es, dass Sie sich im Laufe Ihrer Karriere von Lotti Huber bis Evelyn Künecke filmisch wiederholt für ältere Frauen interessiert haben?

Das fing mit meiner Tante Luzie an, die in Die Bettwurst spielte und damit berühmt wurde, weil sie mit ihrer wunderbaren Naivität, Direktheit und Ehrlichkeit einen ganz anderen Frauentypus verkörperte, als man ihn bislang aus dem Film kannte. Mich haben ältere Frauen besonders interessiert, weil es mit ihnen zwar ein erotisches, aber kein sexuelles Verhältnis ist, und es gerade zwischen schwulen Männern und älteren Frauen oft eine wunderbare Solidarität gibt. Vielleicht auch, weil man sich gegenseitig schätzt und beide zu Minderheiten gehören, die von Hetero-Männern diskriminiert werden.

Foto: rosavonpraunheim.de
„Die Bettwurst“ (1971), Szenenbild

Einen großen kommerziellen Hit konnten Sie mit Ihren Filmen bislang nicht landen. Was bedeutet Ihnen Erfolg?

Erfolg ist alles. Erfolg ist aber auch schon, wenn sich ein Mensch mit meiner Arbeit auseinandersetzt. Oder wenn mir jemand sagt, dass ihm eines der Gedichte gefällt, die ich jeden Tag schreibe. Oder wenn ein paar Zuschauer ins Kino kommen, um meine Filme zu sehen. Natürlich ist es auch wunderbar, wenn 1.000 oder 10.000 Leute einen Film von mir sehen oder Hunderttausende im Fernsehen. Aber man wird mit der Zeit sehr bescheiden, weil man weiß, wie schwierig es ist, sich in diesem Medienspektakel durchzusetzen. Es ist ein großes Glück, wenn man überhaupt etwas machen darf.

Rosa damals wie heute

Der Comiczeichner Ralf König, dem Sie kürzlich mit „König des Comics“ ein Doku-Porträt widmeten, ist auch bei einem heterosexuellen Publikum sehr erfolgreich. Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, es ist der Humor, der es auch für Heteros leichter macht, schwules Leben zu lieben. Außerdem handelt es sich nicht um Zeigefinger-Filme oder -Comics, sondern um Beobachtungen aus dem Alltag, die auch genauso für Heteros zutreffen können.

„König des Comics“, Trailer (Youtube.com)

Sie haben in der Vergangenheit mit Ihren Filmen und Ihrem Engagement einiges angestoßen. Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Mit Stolz kann ich wenig anfangen. Ich bin froh, dass ich in meinem hohen Alter die Gnade habe, arbeiten zu dürfen. Ich habe auch eher ein Bewusstsein für Gegenwart und Zukunft. Die Vergangenheit und was ich damals gemacht habe, das gehört gar nicht zu mir.

Wenn Sie den Rosa der Anfangsjahre mit dem Rosa von heute vergleichen – inwiefern hat der sich verändert und inwiefern ist er so geblieben wie damals?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich fühle mich eigentlich eher wie ein Siebenjähriger. Das merke ich auch an den Zeichnungen, die ich so mache. Da ist irgendwas, was sich in meiner Persönlichkeit sehr früh angelegt hat und wo ich mich nicht weiterentwickelt habe. Insofern bin ich da stehengeblieben. Sehr infantil. Und das ist ein wunderschönes Gefühl.

Sascha Rettig
ist freiberuflicher Filmjournalist. Er lebt und arbeitet in Berlin.

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Oktober 2012

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