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„Homophobie findet am Schreibtisch statt“ – Wieland Speck im Gespräch

Wieland Speck (Foto: berlinale.de) Wieland Speck, Jahrgang 1951, ist Filmemacher und seit 1992 Leiter der Sektion „Panorama“ der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Essenzieller Bestandteil der Sektion waren von Anfang an schwul-lesbische Filme. Im Interview spricht er über das queere Kino in Deutschland.

Herr Speck, im queeren deutschen Film stehen Legenden wie Ulrike Ottinger und Underground-Regisseure wie Lothar Lambert neben jüngeren, experimentellen Filmemachern wie Jan Krüger oder Benjamin Cantu, die sich erst in den letzten Jahren etabliert haben. Kann man überhaupt von einer queeren Filmszene in Deutschland sprechen oder sind das alles Einzelpositionen?

Eher Letzteres. Ich sehe es als eine Folge zunehmender Emanzipation, dass sich queere deutsche Produktionen nicht mehr unter einem einheitlichen LGBT-Regenschirm [LGBT: Lesbian, Gay, Bisexual und Trans] zusammenfassen lassen: Ihre Ansätze sind zu verschieden. Von den alten Hasen mal abgesehen, gibt es zudem relativ wenig Kontinuität, da die jungen Filmemacher Probleme haben, neue Projekte finanziert zu bekommen. Doch selbst Rosa von Praunheim kann jeden neuen Film nur stemmen, weil er sich ein Netz von Leuten erarbeitet hat, das ihn unterstützt.

Subkulturen bleiben Minderheiten

Werden queere Filme hauptsächlich in Berlin gedreht, das ja als schwule Hauptstadt gilt?

Nein. Auch München, Köln und Hamburg sind wichtige queere Orte. Das hat den Vorteil, dass sich lokale Eigenheiten herausbilden konnten. Und als Filmemacher kann man sich in einer lokalen Subkultur leichter positionieren, als wenn man gegen alles antreten muss, was das Land zu bieten hat.

Wie hat sich die Szene in Deutschland im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Als ich Anfang der 1980er-Jahre im Panorama der Berlinale anfing, war für queere Filme fast keine Infrastruktur vorhanden. Wir waren der Hauptanlaufpunkt für Filmschaffende aus der ganzen Welt. Heute dagegen haben wir ein Volumen an queeren Filmen, das deutlich größer ist als das, was wir zeigen können.

Queer-Filme laufen auf der Berlinale heute sogar in der Jugendreihe „Generation“. Braucht das „Panorama“ den queeren Schwerpunkt noch?

Den bräuchten wir erst dann nicht mehr, wenn die schwul-lesbische Emanzipation abgeschlossen wäre – wovon wir weit entfernt sind. Der Widerstand der normativen Kultur auf der ganzen Welt ist trotz schwuler Bürgermeister nach wie vor extrem. Außerdem bleiben Subkulturen Minderheiten – und die brauchen immer ein eigenes Fenster. Das Thema des letzten Panorama-Programms lautete übrigens: What film can do. Die Frage war, wie man mit Filmen politisch so arbeiten kann, dass nicht nur individuelle Probleme beleuchtet werden. Wir im Westen befinden uns momentan ein wenig in einer Art Befindlichkeitssuppe: Das „Ich“ steht in vielen Filmen im Mittelpunkt – was andererseits aber auch gut ist, weil es zeigt, dass die Emanzipation doch so weit vorangeschritten ist, dass man sich inzwischen nicht mehr ständig am Gesamtgesellschaftlichen reiben muss.

Schwulsein ist nicht das Hauptproblem

Sie selbst haben mit der West-Ost-Lovestory „Westler“ 1985 einen der wichtigsten deutschen queeren Filme gedreht. Sehen Sie sich als Vorreiter?

„Westler“, Trailer, Wieland Speck, Deutschland 1985 (Youtube.com)

Mit Filmen hat man manchmal das Glück, im richtigen Moment eine Generation zu erwischen, die gerade die Augen aufmacht. Das war so mit Westler. Das ist ein absolut schwuler Film, in dem das Schwulsein aber nicht das Hauptproblem ist. Das hat damals viel bewirkt. Leute, die noch nie einen schwulen Film gesehen hatten, wollten plötzlich unbedingt, dass die beiden Jungs im Film zusammenkommen. Ich bewahre heute noch Briefe auf von jungen Leuten, die nach diesem Film ihr Coming Out hatten.

Sabine Bernardis Transgender-Jugendfilm „Romeos“ von 2011 hingegen wurde von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zunächst erst ab 16 Jahren freigegeben, weil man eine „Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung“ befürchtete …

Wie bitte? Das hatte ich gar nicht mitgekriegt. Nun, Homophobie findet heute generell eher am Schreibtisch statt, das kriegt man öffentlich oft gar nicht mit. Deshalb brauchen wir noch immer eine stärkere Verankerung in gesellschaftlichen Gruppierungen, die dieses Thema dann rausholen, wenn es unter den Tisch zu fallen droht.

„Mit Speck fängt man Filme“

Sie haben Filme ausgesucht für die Reihe „Schwul-lesbische Filme von der Berlinale“ des Goethe-Instituts in Paris. Standen Sie vor der Qual der Wahl?

Das hat vor allem großen Spaß gemacht. Wir Deutsche sehen ja sehr viele französische Filme, die Franzosen aber wenig deutsche. Seit den Sechzigern war der französische Film für uns extrem inspirativ, weshalb es eine Freude ist, jetzt umgekehrt Filme vorzuschlagen, von denen ich denke, dass die in Frankreich interessiert angenommen werden könnten. Paris ist schließlich die Kinohauptstadt überhaupt!

Rosa von Praunheim schenkt der Welt zu seinem 70. Geburtstag 70 Filme. Darunter ist auch eine Doku über Sie. Der Film heißt „Mit Speck fängt man Filme“ …

Was, so hat er den genannt?

Schauen Sie mal auf seine Website!

Er ist einfach unstoppable! (lacht) Er hat mich – wie er das mit allen Porträtierten getan hat – zu sich nach Hause eingeladen und mir vorab den Film gezeigt. Ich habe ja mal zur Safer-Sex-Promotion eine Pornografie-Reihe gedreht, und daraus hatte er viel für seinen Film benutzt. Da habe ich ihm gesagt: Das ist ja schon ein bisschen genitallastig! Das hat er dann wohl beherzigt und den einen oder anderen Hintern wieder rausgeschnitten. Aber sonst hab ich ihm da wirklich alle Freiheiten gelassen, ist ja klar.

Gian-Philip Andreas
stellte die Fragen. Er ist freier Filmjournalist in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2012

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