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Lesben in Litauen – Frauen unter dem Schleier der Unsichtbarkeit

Vilma Gabrieliūtė | © DELFI (Foto T.Vinickus)
Vilma Gabrieliūtė | © DELFI (Foto T.Vinickus)
Lesben in Litauen leben jede auf ihre Art, haben Kinder, doch die Gesellschaft scheint sie zu übersehen. So die Bildungsexpertin, Initiatorin und Gründerin der öffentlichen Einrichtung Haus der Vielfalt und der Bildung Vilma Gabrieliūtė im Gespräch mit DELFI. Im Interview spricht sie über den Sexismus in unserer Gesellschaft und widerlegt die Klischees von „männlichen“ und „weiblichen“ Lesben. Das Leben der Homosexuellen in Litauen vergleicht sie mit dem Schicksal von Sklaven.

Sie halten öffentliche Vorträge über Lesbophobie. Was bedeutet dieser Begriff? Ist es ein Synonym für Homophobie?

Ja, Homophobie und noch mehr. Die Lesbophobie bezieht sich auf zwei Aspekte: außer der sexuellen Orientierung auch das Geschlecht. Kurz erklärt: Lesbophobie ist Homophobie plus Sexismus.

In Litauen macht sich eine enorme Welle von Sexismus in der Werbung, der Presse und in öffentlichen Diskussionen bemerkbar. So werden zum Beispiel „Männertage“ organisiert, wo Männer auf aufblasbaren Frauen schwimmen, oder Bierwerbung, die sagt, dass Männer die Welt regieren und dergleichen. Als ob ein einfacher Litauer keine Information verstehen könnte, die nicht in der Sprache der „Geschlechter“ herübergebracht wird. Ähnlich verhält es sich auch mit Kommentaren über Geschlechterrollen wie: „Frauen fliegen in der Regel nicht mit Segelfliegern...“ oder „obwohl Männer sich in der Regel nicht für so etwas interessieren...“.

Daher ist es wichtig, sowohl das Bewusstsein und die Fähigkeit zur Erkennung der Merkmale einer patriarchalischen Gesellschaft zu schärfen als auch auf diese zu reagieren. Frauen brauchen Kompetenzen, um sich selbst verwirklichen zu können, statt die Bedürfnisse anderer zu befriedigen. Diese eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten muss man jedoch erkennen und als nicht weniger wichtig akzeptieren können.

Lesben und bisexuelle Frauen sind außer mit Sexismus auch mit der in der Gesellschaft herrschenden Homophobie konfrontiert, daher ist es wichtig, zu sprechen, um die Sichtbarkeit dieser Frauen und ihrer Probleme zu erhöhen.

Spricht man von Homosexualität, werden meist nur die Männer erwähnt und die Frauen „vergessen“. Warum? Die Gesellschaft nimmt Anstoß an Händchen haltenden oder sich küssenden Männern, während Frauen, die sich an Händen halten, normal erscheinen. Wie erklären Sie das? Sind die Litauer Lesben gegenüber positiver eingestellt als Schwulen?

Viele vermuten hinter den Händchen haltenden Frauen einfache Freundinnen | © colourbox.comDie Behauptung, Lesben würden weniger diskriminiert als Schwule, ist trügerisch. Es sieht nur so aus, als könnten sie Hand in Hand herumlaufen oder sich im öffentlichen Raum küssen, ohne einen Skandal zu verursachen. Aber die meisten der darauf angesprochenen Leute vermuten hinter den Händchen haltenden Frauen einfach harmlose Freundinnen oder Verwandte. Dieses Nichtwahrhabenwollen basiert auf der Annahme, dass die Homosexualität etwas Ungutes oder „Schuldbeladenes“ ist.

Andere erklären, dass ihnen Lesben sogar gefallen. Aber was gefällt ihnen so an den Lesben? Oft kommt dabei heraus, dass dies nur eine Folge von übermäßigem Pornografiegenuss ist – eine konsumistische Gruppensexfantasie. Dabei ist die imaginäre Lesbe sexy, wobei der endgültige Zweck ihrer Sexualität auf die Lust des Mannes hinausläuft.

Die Lesben in Litauen sind Frauen unter Schleiern der Unsichtbarkeit. Sie sind hier, sie leben unter uns, allerdings mit einem von der Umgebung übergeworfenen unsichtbar machenden Tuch.

Sie sprechen von einer Diskriminierung der Lesben. Wie äußert sich diese?

Lesbische Frauen erfahren eine mehrfache Diskriminierung: sowohl wegen ihres Geschlechts als auch wegen ihrer Sexualität. Die Sexualität einer Frau wird in einer sexistischen Gesellschaft immer noch nicht als frei und als Eigentum der Frauen verstanden. Man betrachtet sie (die Sexualität) als passiv (vom Mann initiiert) und sieht sie nur aus dem männlichen Blickwinkel – sie wird also nur so weit anerkannt, wie sie der Lust des Mannes dient. Das wird uns jeden Tag ganz klar vermittelt: von den Titelseiten der Zeitschriften, der Werbung, bei sexueller Belästigung auf der Straße und durch Filme, in denen lesbische Liebesgeschichten als heterosexuelle Männerfantasien erzählt werden.

Manchmal wird sogar behauptet, dass es zweierlei Lesben gibt: „männliche“ und „weibliche“. Das heißt, die „männliche“ Lesbe soll die Rolle des Mannes übernehmen und die Sexualität der weiblichen Lesbe initiieren. Das entspricht wieder nicht der Wirklichkeit. Wir sprechen von zwei Frauen und nicht von irgendeiner Art von Ersatzbefriedigung, die einem von den Geschlechterrollen auferlegt wird.

Es stimmt, dass viele Lesben ganz bewusst keine „Frauen“ spielen wollen. Sie können und wollen nicht in dieses Korsett der Weiblichkeit mit allen erforderlichen Attributen wie High Heels, Make-up und einem bescheidenen Kichern vor dem Hintergrund der männlichen Weisheit gepresst werden.

Unter all unserem Make-up sind wir alle Menschen, die die Rollen von Männern oder Frauen spielen, die sich jeden Morgen mit Hilfe verschiedener künstlicher – erlernter oder erworbener – Werkzeuge ein männliches oder ein weibliches Gesicht aufmalen. Da eine Lesbe nicht in dieses Korsett passt, das allen als „natürlich“ vorgestellt wird, wird sie manchmal als „männlich“ oder „eine männliche Rolle“ spielend identifiziert. Als ob es auf der Welt nur zwei Arten von Körperformen gäbe und alle Frauen von Geburt an nur von High Heels und Handtaschen träumten. Und natürlich von Männern.

Gibt es in Litauen lesbische Paare, die zusammen Kinder aufziehen?

Nahezu alle LGBT-Familien mit Kindern waren Frauenpaare mit Kindern | © colourbox.comDie Heteronormativität schreibt den Frauen sehr oft eine reproduktive Funktion zu, doch wenn Lesben Kinder haben wollen, beeilt sich die Gesellschaft, sich mit Gesetzen zur künstlichen Befruchtung abzusichern. Diese schlagen sowohl alleinstehenden als auch lesbischen Frauen die Türen zu. Die lesbischen Beziehungen werden immer wieder dem Versuch ausgesetzt, sie in den Rahmen einer heteronormativen Gesellschaft zu stellen, während Frauen liebende Frauen existieren, leben und Familien gründen.

Das Haus der Vielfalt und der Bildung hat die Situation von LGBT-Familien (Lesbian, Gay, Bisexual und Trans) in Litauen untersucht. Die Untersuchung brachte überraschende Ergebnisse: Mindestens 20 Prozent der Befragten haben Kinder. Nahezu alle (99 Prozent) Familien mit Kindern waren Frauenpaare mit Kindern. Es werden auch Fälle verzeichnet, in denen sich ein Schwuler oder ein Schwulenpaar an der Kindererziehung beteiligt, auch wenn das Kind bei der Mutter (lesbisch oder heterosexuell) oder den Müttern lebt. Es gibt auch kinderreiche lesbische Mütter, Alleinerziehende und auch harmonische Paare mit Kindern.

Lesben existieren nicht nur, sie leben auch ein vielfältiges Leben. Obwohl für Lesben in Litauen die Tür zur künstlichen Befruchtung verschlossen ist, nehmen die Frauen private Dienstleistungen sowohl in Litauen als auch im Ausland in Anspruch oder sie ziehen Kinder aus früheren heterosexuellen Beziehungen oder Ehen auf.

Paradoxerweise haben die Homosexuellen umso mehr Kinder, je homophober oder traditioneller eine Gesellschaft ist. Das liegt daran, dass es in einer Gesellschaft, in der es keine Sexualbildung gibt, für die Menschen schwieriger ist, ihre Sexualität zu verstehen. Während sich in anderen Ländern bereits Jugendliche darüber klar werden, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen und dass sie homo- oder bisexuell sind, wird in Litauen die eigene Identität erst sehr viel später wahrgenommen und akzeptiert, oft auch erst nach der Geburt mehrerer Kinder.

Man kann noch so oft behaupten, die traditionelle Familie und Kinder würden die Homosexualität schon „heilen“: Es wird trotzdem nie passieren. Natürlich können willensstarke Menschen sich zügeln und den Ausdruck ihrer Sexualität kontrollieren, innerlich bleiben sie jedoch dieselben. Und in der Regel finden sie irgendwann den Mut, das zuzugeben und ein erfülltes Leben zu leben wie jeder andere, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung.

Wie beurteilen Sie die öffentliche Debatte über die Rechte der Homosexuellen, die immer wieder aufkommenden Initiativen, die „Propaganda“ homosexueller Beziehungen zu verbieten, und die Zielsetzung, in der Verfassung ein Verbot zur Adoption für Homosexuelle zu verankern?

In der Öffentlichkeit bekommen wir immer wieder homophobe Äußerungen von Abgeordneten oder Vorschläge zur Änderung der Verfassung zu hören, die den internationalen und den EU-Rechtsvorschriften völlig widersprechen. Ich halte dies für eine Folge der tief verwurzelten Homophobie. Einige Symptome solcher Abgeordneten erinnern an Merkmale einer inneren Homophobie, die enorme destruktive Veränderungen im Innern des Menschen verursacht. Meiner Meinung nach ist das, was in den Köpfen solcher Menschen passiert, nur eine Frage der Zeit – ihre inneren Konflikte müssen früher oder später „explodieren“.

In Europa wächst allmählich das Bewusstsein, wie unmoralisch es ist, Menschen wegen ihrer Orientierung zu diskriminieren | © colourbox.comIn Europa wächst allmählich das Bewusstsein, wie unmoralisch es ist, Menschen wegen ihrer Orientierung zu diskriminieren. Das gilt sogar für die als katholisch geltenden Länder: In Spanien gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe, in Malta und in Polen wurden Entwürfe für Partnerschaftsgesetze vorgelegt. Ich denke, wir sind die Einzigen in Europa, die so stark hinterherhinken, obwohl die Litauer meiner Meinung nach das potenzielle Beispiel eines progressiven, friedlichen und intelligenten Volkes sein könnten.

Man hört oft: Wir sind nicht homophob, tut doch zu Hause, was ihr wollt, aber tragt eure „Perversionen“ nicht an die Öffentlichkeit. Was würden Sie diesen Leuten antworten?

Ähnlich argumentierten die Leute auch, als es um die Rechte der Schwarzen ging. Die Anhänger des Ku-Klux-Klans sagten: „Uns stören sie nicht, solange sie still an ihrem Platz bleiben“. Für die Gesellschaft ist es ganz praktisch, die eine oder andere Gruppe von Menschen zu versklaven. Solange die sich nicht beschweren, nicht aufbegehren und sich nicht befreien, kommt kaum einer auf die Idee, dass dies vielleicht unmoralisch sein könnte.

Homosexuelle Menschen, die nur in ihren Schlafzimmern sie selbst sein und nur unter verborgener Identität arbeiten dürfen, sind in gewisser Weise auch Sklaven. Früher schlossen die Schwarzen in den USA Ehen, die „unwichtig“ waren und nicht anerkannt wurden, denn sie waren keine Menschen, die das Privileg der Ehe beanspruchen konnten. Ihre Familien existierten zwar, wurden aber nicht anerkannt, und die Bedürfnisse der Kinder wurden ignoriert. Für die heutigen Kinder aus LGBT-Familien in Litauen interessieren sich die Politiker genauso wenig wie (damals) für die Kinder der schwarzen Sklaven.

Im Falle, dass in einer der untersuchten Familien die biologische Mutter stirbt, würde der Staat das Kind aus den Armen der anderen Mutter reißen und in ein Kinderheim stecken. Auch wenn die zweite Mutter sich um dieses Kind noch vor seiner Geburt kümmerte und ihm sein ganzes Leben lang eine Mutter war. Das ist nicht richtig und auch grausam.

Manche Leute sagen, dass die Gewährung der Rechte für Homosexuelle die Türen für alle anderen Gruppen wie Zoophile und Nekrophile öffnen würden. Was natürlich absurd ist. Dabei ist alles ganz einfach – Liebe ist die Grenze. Ich denke, dass die Menschen Liebe von Gewalt unterscheiden können. Es ist eine Sache, wenn die Menschen freiwillig und mit offenen Herzen aufeinander zugehen. Eine ganz andere, wenn ungefragt oder trotz eines Verbots die Grenzen der Privatsphäre verletzt werden. Von einer eben solcher Situation spricht man in der Geschichte von Sodom und Gomorra.

Ein Teil der Gesellschaft befürchtet, dass ihre Kinder, wenn sie Homosexuelle sehen, schwul oder lesbisch werden. Was würden Sie ihnen raten? Ab wann sollte man von Geschlechtlichkeit und Sexualität sprechen?

Achten Sie mal darauf, von der Heterosexualität reden wir ständig: wer mit wem lebt, wer sich in wen verliebt hat, wer geschieden ist oder wer mit wem auf einer Party geflirtet hat. Ich würde sagen, wir stellen die Heterosexualität zu wenig infrage, die Annahme, dass alle Menschen heterosexuell sind, und reden zu wenig über die Homosexualität.

Von der Sexualität sollte von klein auf geredet werden, dass diese nicht von Scham, sondern von Erkennen und Akzeptieren des Selbst und dem Respekt sich selbst und anderen gegenüber begleitet wird. Solange es keine Sexualerziehungsprogramme gibt, bieten wir, das „Haus für Vielfalt und Bildung“, allen informelle Bildungskurse an. Hier kann man seinen Horizont und sein Verständnis erweitern, so dass wir gemeinsam eine vielfältige und offene Gesellschaft aufbauen können, in der Platz für alle ist.

Das Interview führte Mindaugas Jackevičius,
Reporter für Bildung und Medien beim Internetportal DELFI.

Aus dem Liitauischen von Daiva Petereit
Das Interview wurde mit freundlicher Genehmigung vom Internetportal DELFI zur Verfügung gestellt.
Juli 2012
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