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„Den Durchschnittsvater gibt es nicht“ – die Vaterrolle in Litauen

Lina Radžiūnienė | © Privatarchiv
Lina Radžiūnienė | © Privatarchiv
Lina Radžiūnienė vom Gender-Zentrum der Universität Vilnius beschäftigt sich mit einigen der wichtigsten soziologischen Fragen unserer Zeit: Welche Rolle haben Väter in der Erziehung? Was bedeutet Familie eigentlich noch? Die Doktorandin berichtet im Interview über ihre Forschungsergebnisse, wie die Familie in Litauen gesehen wird und vor allem, welche Aufgaben und Rollen Väter in Litauen einnehmen.

Frau Radžiūnienė, wie sieht die Vaterrolle in Litauen aus? Gibt es so etwas wie „den Durchschnittsvater“?

Das ist schwierig. Es gibt natürlich Tendenzen, zum Beispiel, dass viele Väter immer noch die Ernährer der Familie sein wollen, aber generell ist die heutige Generation im Wandel. Sie wollen anders sein als ihre Eltern und stärker in die Erziehung der Kinder einbezogen sein.

Gibt es irgendwelche Besonderheiten an der Vaterrolle in Litauen, vielleicht aus einer kulturellen oder sozialen Perspektive?

Auffällig ist in Litauen vor allem die relativ späte Entwicklung hin zur Modernisierung des Familienmodells. Das hängt zum einen mit der sowjetischen Geschichte des Landes und seinen katholischen Traditionen zusammen, zum anderen aber auch mit der aktuellen Wirtschaftslage. Wer den Job hat, Mann oder Frau, ernährt die Familie. Und wenn die Väter arbeitslos sind, sind sie praktisch automatisch für die Kindererziehung verantwortlich, weil sie zu Hause sind.

Können Sie uns Unterschiede beschreiben, die bei verschiedenen Familienmodellen gravierend sind?

| © colourbox.comIch habe in meiner Forschung vier Vatermodelle erstellt, die die Unterscheidungsmerkmale genau aufzeigen. Die erste Gruppe sind Väter, die sehr engagiert sind, viel soziales Kapital haben und sehr selbstreflektiert sind. Sie haben konkrete Werte, Ziele und Strategien, nach denen sie ihre Kinder erziehen. Die zweite Gruppe sind Väter, die eher als „Helfer der Mutter“ zu bezeichnen sind: Sie nehmen aktiv am Leben der Kinder teil, verfolgen dabei aber keine eigene Strategie oder ein eigenes Familienmodell. Drittens sind da die „Ernährer“: Sie arbeiten viel und haben Schwierigkeiten, sich in die Erziehung einzubringen, weil sie dafür keine Zeit haben. Dennoch werden sie von den Eltern oft als treibende Kraft und Haushaltsautorität dargestellt. Die letzte und kleinste Gruppe sind die „Lernenden Väter“. Sie sind oft geschieden und haben eine sehr gute Beziehung zu ihren Kindern. Sie haben jedoch keine Erfahrungen in der Erziehung und lernen von den Kindern.

Welche Werte und Pflichten werden heute noch mit der Familie aber auch mit der Vaterrolle verbunden? Was verbinden die Befragten mit Ihrer Rolle?

Das kommt auf die Rolle an, in der die Väter sich sehen. Besonders die engagierte Gruppe der Väter will sich unbedingt in vielerlei freiwillige Arbeiten einfügen. Sie sind oft auch von religiösen Werten bestimmt und arbeiten viel in Gemeinden. Die „Helfer“ und „Ernährer“ sehen sich nicht als zentralen Teil der Erziehung, hier hat die Mutter die primäre Rolle in der Familie. Sie sehen sich verpflichtet, für die Kinder zu sorgen, haben aber nicht das Zepter in der Hand.

Wie hat sich die Vaterrolle in den vergangenen Jahren in Litauen verändert?

| © colourbox.comIm Großen und Ganzen ist die Tendenz zur Teilnahme am auffälligsten. Das zeigt sich vor allem bei geschiedenen Vätern: Früher haben die Väter nach der Scheidung oft den Kontakt zu den Kindern verloren, was auch im Interesse der Mütter war. Heute möchten die Mütter, dass der Vater nach der Scheidung weiterhin in das Leben der Kinder involviert ist. Auch die Informationsgesellschaft hat die Vaterrolle verändert: Väter können sich im Internet über Erziehung informieren und schaffen damit eine ganz neue Erziehungsgrundlage. Außerdem sind sie heute wesentlich reflektierter über die Erfahrungen mit ihren eigenen Eltern als noch vor 20 Jahren.

Gibt es einen Wechsel zwischen den verschiedenen Geschlechterrollen oder verläuft die Erziehung immer noch sehr klassisch aufgeteilt zwischen Mann und Frau?

Trotz der Tendenz zur Teilnahme der Väter wird die Mutter immer noch ganz klassisch als die bessere Erzieherin gesehen. Das ist vor allem in Sorgerechtsverhandlungen deutlich: Väter bekommen eher selten das Sorgerecht. Auf der anderen Seite werden in einigen Modellen die Väter immer noch als die männliche Autoritätsperson dargestellt. Das spielt oft auch in der Beziehung zwischen Stiefvätern und Stiefkindern eine Rolle.

Wie bedeutend ist der klassische Familienverband noch im 21. Jahrhundert?

In Litauen ist die Familie sehr wichtig. Bei Umfragen in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Familie immer an erster Stelle steht, noch vor dem Job, den Freunden oder den Hobbies.

Wie werden neue Familienmodelle in der Gesellschaft akzeptiert?

| © colourbox.comUnverheiratete Elternpaare sind inzwischen tatsächlich mehr und mehr verbreitet, auch wenn das Thema in der Öffentlichkeit noch diskutiert wird. Bisexuelle Väter halten ihre Sexualität oft geheim, selbst vor der Partnerin und dem eigenen Kind, um ein mögliches Stigma zu vermeiden. Sie fügen sich in ein klassisches Familienbild ein, denn eine moderne Lebensweise würde nicht akzeptiert werden. Über andere Familienmodelle, zum Beispiel homosexuelle Elternpaare, weiß man wenig, weil sie sich nicht offen in der Gesellschaft zeigen, aber das Thema erscheint schon öfter in den Medien in letzter Zeit.

Wie, glauben Sie, werden sich die Familie und vor allem die Rolle des Vaters in der Zukunft weiter verändern?

Das hängt alles von der Politik ab, ob sich mehr Politiker für eine Stärkung der Vaterrolle einsetzen als zuvor. Außerdem kommen viele Jugendliche aus dem Ausland und mit neuen, liberalen Perspektiven zurück, die sicher auch einen Einfluss auf die Erziehung haben. Aber ein positiver Trend ist die Strategie, dass die Erziehung das „Beste für das Kind“ sein muss, was definitiv sehr vielversprechend ist.

Das Gender Studies Zentrum der Universität Vilnius (LSC) wurde im Jahre 1992 gegründet. Am 16. Dezember 2003 gab der Senat der Universität Vilnius dem LSC den Status einer akademischen Abteilung. Heute ist das Gender Studies Zentrum wichtiges interdisziplinäres Forschungszentrum für Geschlechterstudien und beteiligt sich auch an der Gender-Politik in Litauen. Eines der wichtigsten Ziele des Zentrums ist die Integration von Gender Studies in den gesamten Lernprozess der Universität.

Lina Radžiūnienė ist Forscherin und seit 2008 Doktorandin im Bereich Soziologie am Gender Studies Zentrum der Universität Vilnius. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit Familienmodellen und Vaterrollen in Litauen.
Lisa-Maria Röhling.
führte das Interview. Sie ist Studentin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Oktober 2012
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