Privatschulen: Geschäft oder soziale Mission?

Nichtstaatliche Schulen spielen bisher keine große Rolle im litauischen Bildungssystem. Obwohl sie flexibler sind und eine Ganztagsbetreuung anbieten, garantieren sie nicht unbedingt eine bessere Bildung. Der Motor solcher Schulen sind der Enthusiasmus der Lehrkräfte und die Interessen religiöser Organisationen.„Eine Privatschule ist ein Mittel zur Umsetzung eigener Lehrideen, ein Mittel zur größeren Freiheit“, sagt Regina Kontautienė. Sie ist Direktorin und Mitinhaberin der Privatschule „Universa Via“ in Klaipėda. Ihre Schule fing mit zwei Klassen an, heute ist sie eine der großen Privatschulen in Litauen. So wie sie sind die meisten Privatschulen des Landes mit ihren Schülern gewachsen: Das heutige Privatgymnasium in Vilnius etwa ging aus einer Grundschule hervor, die Waldorfschule in Kaunas entwickelte sich aus einigen Klassen einer staatlichen Schule.
Die meisten privaten Schulen finanzieren sich aus den Schulgebühren der Eltern, aus Spenden sowie den staatlichen Zuschüssen, die pro Jahr und Schüler umgerechnet 960 Euro betragen. Zusammengerechnet decken diese Einnahmen zwar die laufenden Kosten, aber Investitionsmittel aufzutreiben ist schwer. Die Banken sind bei Kreditvergabe sehr zurückhaltend, da die Schulen meistens nicht über Sicherheiten verfügen und eine konstante Rückzahlung nicht garantiert werden kann. Manche Schulen stellen deshalb Anträge auf Fördermittel der EU. Dafür müssen sie mindestens 15 Prozent Eigenkapital aufbringen und einen langfristigen Mietvertrag vorweisen können. Zu den wohl aktivsten Nutzern dieser Gelder gehören daher katholische Schulen. „Eine Privatschule zu gründen, ist nur etwas für Enthusiasten, nicht für Geschäftsleute“, sagt Irena Baranauskienė, Direktorin des privaten Gymnasiums „Saulė“.
Privat, aber nicht elitär
„Private Schulen gibt es in Litauen erst seit knapp zwanzig Jahren“, sagt Austėja Landsbergienė. Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin ist Gründerin und Inhaberin mehrerer Bildungseinrichtungen. Es sei deshalb nur natürlich, dass die Vorstellungen von einem privaten Bildungswesen in Litauen gänzlich anders seien als etwa in den USA oder in Großbritannien, wo dieser Zweig eine langjährige Tradition hat: „Dort garantiert eine private Schule den Zugang zu einer renommierten höheren Schule. Bei uns jedoch hat die Schülerzahl Priorität vor guten Ergebnissen.“ Nach Aussage des stellvertretenden Bildungsministers Vaidas Bacys erzielten auch Schüler an privaten Einrichtungen gute Resultate, allerdings überträfen sie nicht die besten staatlichen Schulen. Die Inhaber privater Schulen wenden ein, dass sie nicht annähernd so gut aus öffentlichen Mitteln gefördert würden wie die staatlichen oder katholischen Schulen.„Die litauischen Privatschulen sind mehr auf wohlhabende Familien ausgerichtet. Ausschließlich begabte und intelligente Schüler zu wählen, können wir uns nicht leisten“, sagt Irena Baranauskienė vom privaten „Saulė“-Gymnasium: „Die Schule muss ja irgendwie überleben.“ Als Schule für Reiche wolle man aber auch nicht abgestempelt werden. Die privaten Betreiber betonen deshalb, dass bessere Ergebnisse nicht käuflich seien. „Wenn wir Geld für gute Noten nehmen, werden wir uns nicht lange halten können“, argumentiert die Direktorin von „Universa Via“. Bessere Schulen verabschiedeten sich deshalb radikal von schwachen und unmotivierten Schülern – vor allem, weil die Wartelisten ohnehin lang sind: Das Vilniusser Privatgymnasium zum Beispiel hat schon jetzt für die nächsten Jahre keine Plätze mehr in der ersten Klasse frei, andere Schulen haben sogar schon Anmeldungen für das Schuljahr 2018-2019.
Ein Ohr für die Wünsche der Kunden
Die privaten Schulen sind vor allem deshalb so beliebt, weil sie versuchen, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen und die Schüler umfassend auf das weitere Leben vorzubereiten. So haben die Klassen meist nicht mehr als 18 Schüler, Fremdsprachen und andere schwierige Fächer werden in noch kleineren Gruppen unterrichtet. Diese Schulen haben Sicherheitspersonal und bieten viele Aktivitäten am Nachmittag: Auf dem privaten Gymnasium in Vilnius werden die Kinder ganze zehn Stunden am Tag betreut. Noch vor Abschluss der Schule lernen die Schüler verschiedene Berufe und Studiengänge kennen oder besuchen Altersheime. Es gibt in Litauen auch Privatschulen mit besonderen Lehrmethoden. Die Waldorf- und die Montessori-Schulen basieren auf im Ausland gut bekannten Bildungssystemen.
Die Organisation des Bildungsprozesses muss auch bei Privatschulen den allgemeinen Lehrplänen entsprechen. Wie diese Pläne zu interpretieren sind, entscheiden allerdings die Schuleigentümer und die Lehrer – gewisse Freiheiten in der Ausgestaltung des Unterrichts haben sie also. Die Ausbildung der Schüler hängt deshalb in erster Linie von der Qualifikatin der Lehrer ab. Nach Meinung des Leiters einer privaten Schule sind erfahrene Lehrkräfte aus staatlichen Einrichtungen besonders geeignet, die Schüler auf Prüfungen vorzubereiten, doch für die Umsetzung unkonventioneller Lehrmethoden seien geeignete Fachkräfte nicht so einfach zu finden. Viele Schulen locken gute Lehrer mit hohen Gehältern, die weit über dem Landesdurchschnitt liegen können.
Aus dem Litauischen übersetzt von Daiva Petereit
Der Beitrag ist zuerst im litauischen Magazin IQ erschienen
Oktober 2011









