Werbung für Deutsch als Fremdsprache

Deutsch nur als zweite oder dritte Fremdsprache? – ein Interview mit Hans-Jürgen Krumm

Professor Dr. Hans-Jürgen Krumm,
Foto: Kalepu Laxmi Sekhar, Trivandrum 24.07.2008Deutsch wird weltweit zunehmend als zweite oder dritte Fremdsprache gelehrt und gelernt. Professor Dr. Hans-Jürgen Krumm erläutert im Gespräch, warum die Forderung nach Deutsch als erster Fremdsprache lernpsychologisch durchaus sinnvoll ist.

Herr Krumm, hat die Forderung nach Deutsch als erster Fremdsprache angesichts der Bedeutung des Englischen überhaupt noch eine Berechtigung?

Ganz entschieden: ja! Ich würde es für falsch halten, jetzt nur noch auf Deutsch nach Englisch zu setzen. Für die Motivation ist wichtig, dass zum Beispiel Kinder zuallererst eine der Nachbarschafts-, Begegnungs- oder Umgebungssprachen lernen. Sonst liegt der Schluss nahe: Aha, im Kindergarten und in der Schule lernt man Dinge, die man außerhalb nicht braucht. Das wäre eine ganz fatale Weichenstellung. Deshalb ist Englisch als erste Sprache oft eine relativ schlechte Wahl.

Gerade in den Ländern, wo es Grenzkontakte zu den deutschsprachigen Ländern gibt, wo man deutschsprachiges Fernsehen empfangen kann, haben wir für Deutsch als erste Fremdsprache sehr gute Argumente.

Und es wäre sehr sinnvoll, erst dann mit Englisch zu beginnen, wenn die englische Sprache in das Lebensumfeld der Kinder tritt – etwa wenn sie mit acht oder neun Jahren anfangen, sich für Popmusik zu interessieren.

Inwiefern profitiert DaF von Englisch?

In mehrerer Hinsicht. Man kann beklagen, dass der Fremdsprachen-Boom der letzten Jahre vor allem ein Englisch-Boom war. Aber generell hat er eine neue politische Aufmerksamkeit für Sprachen bewirkt – die Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ ist dafür ein gutes Beispiel.

Und konkreter: Wer schon Englisch gelernt hat, der hat es viel leichter mit dem Deutschen. Aber das gilt natürlich auch umgekehrt.

Wie viele Fremdsprachen kann man denn Schulkindern zumuten?

Deutschunterricht,
Copyright: Goethe-Institut/Foto: Amac GarbeDa kennen wir keine Obergrenze. Entscheidend sind die Motivation und die Sprachkontakte. Eine ganz wichtige Rolle spielt natürlich auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Umwelt Mehrsprachigkeit für etwas Positives hält. Wenn wir Mehrsprachigkeit hingegen exotisch finden oder – wie es bei uns vielfach bei den Migrantensprachen geschieht – offiziell eher diskreditieren, schränken wir unser Sprachlernvermögen selbst deutlich ein.

Oft werden die zweiten und dritten Fremdsprachen in den Schulen nur mit sehr wenigen Wochenstunden unterrichtet …

Das ist eine Katastrophe. Richtig wäre es, bei der ersten Sprache sehr schnell auf den Fachunterricht in der Fremdsprache überzugehen, um Zeit für die anderen Sprachen zu gewinnen. Man sollte also zum Beispiel nach drei Jahren Englisch nur noch eine Stunde Sprachunterricht und dafür ein und zwei Fächer auf Englisch anbieten.

Für jede Sprache ist es wichtig, dass man am Anfang mit vielen Stunden beginnt. Zum einen muss man sich einhören und eingewöhnen. Zum anderen ist es für die Motivation wichtig zu erfahren, dass man die Sprache gebrauchen kann. Bei einer Stunde in der Woche dauert es ewig, bis ich den Gebrauchswert der Sprache überhaupt realisieren kann.

Sie plädieren für eine „curriculare Mehrsprachigkeit“, also die durchdachte Planung einer Sprachenfolge in allen Bildungssystemen. Welche Merkmale hat sie?

Das erste Kennzeichen: Man legt den Eltern und Lernern offen, wann sie welche Sprache wie gut lernen. Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind nicht gut genug Englisch lernt. Ich muss ihnen erklären, dass auch Kinder, die erst mit zehn Jahren anfangen, ein hohes Niveau erreichen. Das nimmt den Druck, Englisch unbedingt als erste Sprache zu wählen.

Das zweite Kennzeichen: Ich nutze ganz systematisch alle Sprachen. Das fängt im Muttersprachenunterricht an. Dort sollte man erfahren, dass in unserer Sprache schon alle anderen Sprachen, die wir auf absehbare Zeit lernen, enthalten sind – zum Beispiel in Fremdwörtern und Internationalismen. Das bedeutet umgekehrt: Im Fremdsprachenunterricht muss bewusst werden, dass wir schon ganz viel kennen.

Drittens: Man sollte kumulativ statt additiv vorgehen. Bisher tut jede Fremdsprache so, als lerne der Mensch die Welt neu kennen. So habe ich zum Beispiel mit jeder Fremdsprache neu gelernt, zur Post zu gehen. Man muss jedoch vielmehr klären, welche Sprachen schon da sind und was mit diesen Sprachen gemacht wird. Wenn ich als Ungar schon auf Englisch gelernt habe, wie man Flugtickets bestellt, muss ich das nicht noch einmal auf Deutsch lernen – denn das geht weltweit auf Englisch. Als Lehrkraft muss ich fragen: Was kriegen wir mit Deutsch dazu? Was kann ich mit Deutsch, wofür ich Englisch nicht unbedingt brauche? Und: Was kann ich von Englisch übernehmen, weil die Sprachen verwandt sind?

In Konzepten zur Mehrsprachigkeit wird gefordert, im Unterricht die bei den Lernenden vorhandenen Sprachkenntnisse stärker einzubeziehen. Ist das möglich, wenn ich als Lehrender gar nicht die Sprachen spreche, die im Kursraum präsent sind?

Aber natürlich. Ich kann ja die Lerner dazu benutzen, mir etwas über ihre Sprache beizubringen. Es verbessert das Unterrichtsklima und es erhöht die Aufmerksamkeit der Schüler für Deutsch, wenn sie auch etwas aus ihrer Sprache zeigen und sagen dürfen.

Angenommen, Sie hätten einen sprachpolitischen Wunsch frei. Was wünschen Sie sich?

Schule mit deutsch-türkischer Klasse in Hannover,
Copyright: picture-alliance / dpaOh, da habe ich viele. Wenn Sie mir zwei gestatten: Bei DaZ (Deutsch als Zweitsprache) für Migranten wünsche ich mir, dass der Wert der Erstsprache für den Zweitsprachenerwerb nicht nur rhetorisch behauptet, sondern auch methodisch und in der Lehrerqualifikation verankert wird. Hier muss die Bildungs- und Sprachenpolitik einen Schwerpunkt in der Forschung und Entwicklung setzen. Uns fehlen Konzepte dafür, wie die mitgebrachten Sprachkenntnisse der Migrantenkinder in die Sprachförderung Deutsch eingebaut werden.

Bei DaF wünsche ich mir, dass sich die deutschsprachigen Institutionen nicht pauschal auf Deutsche als zweite Sprache nach Englisch zurückziehen. Es müsste sehr viel genauer regional und lokal untersucht werden, welche Argumente für welche Sprachenfolge sprechen. Diese Argumente müssten dann klar benannt werden. Und wo Deutsch als erste Fremdsprache infrage kommt, müsste man entsprechend investieren.

Hans-Jürgen Krumm ist seit 1993 Universitätsprofessor für Deutsch als Fremdsprache am Institut für Germanistik der Universität Wien, von 1975 bis 1993 war er ordentlicher Professor für Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind linguistische und didaktische Grammatik, Landeskunde und interkulturelle Kommunikation, Mehrsprachigkeit, Sprache und Integration/Migration, Lehrverhalten und Unterrichtsanalyse sowie Sprachenpolitik.
Das Gespräch führte Dagmar Giersberg.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Newsletter

Informationen über alles Wissenswerte rund um das Programm des Goethe-Instituts in Litauen

Dossier: DaF – Deutsch als Fremdsprache

Weltweit wird DaF gelernt, studiert und unterrichtet: Trends, Geschichte, Perspektiven, Experten-Interviews, Informationen zu DaF in Deutschland

Ausschreibungen und Stipendien

Interessante Angebote aus Deutschland und Litauen