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Typisch München!

Foto: Marija DrėmaitėTagebuch einer Stipendiatin des Goethe-Instituts

Montag, 11. Januar

„Eine Metropole mit Herz“: So stellt sich das moderne München vor. Mit einem Stipendium des Goethe-Instituts werde ich hier ganze vier Wochen verbringen, um meine Deutschkenntnisse zu verbessern.

Ich kann es kaum erwarten. Ehrlich gesagt, reizt es mich vor allem, die reiche kulturelle Tradition Münchens kennenzulernen und den Alltag einer in jeder Hinsicht europäischen Stadt zu genießen. Schließlich hat München noch einen anderen Wahlspruch: „Stadt des Bieres und der Kunst“.

Donnerstag, 14. Januar

Foto: Marija DrėmaitėNach dem Unterricht schließe ich mich dem Kulturprogramm des Goethe-Instituts an. Teil 1: Exkursion ins Haus der Kunst. Hier findet derzeit die Ausstellung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei mit dem Titel so sorry... statt. Normalerweise bin ich für moderne Kunst nicht so zu haben, aber dieser Chinese lässt mich nicht los, er ist wie ein Dämon derer, die von der Vergangenheit besessen sind. Er variiert das künstlerische Prinzip des ready made von Marcel Duchamp, des Klassikers der Moderne, Kunst aus vorhandenen Dingen zu machen. Allerdings konstruiert Ai Weiwei seine Werke nicht aus Industrieprodukten (wie das berühmte Urinal Fountain von Duchamp), sondern aus holzgeschnitzten Möbeln oder Konstruktionsteilen von Tempeln des 14. bis 16. Jahrhunderts, die er zerschneidet und zu neuen Formen zusammenfügt – ein Alptraum für das von alten Dingen, von Antiquität besessene westliche Verständnis. Im Osten, wo man sich eher an die Form bindet als an die Materie, sieht niemand etwas Verwerfliches darin. „Bei uns gibt es so viele davon,“ sagt Ai Weiwei und lässt eine tönerne Urne aus der Han-Dynastie auf den Boden fallen, deren Scherben er fein zermahlen und in ein Glas gefüllt – also mit einer von ihm gegebenen neuen Form – ausstellen wird. Ich persönlich bin von ihm (von seinen Werken) restlos begeistert. Aber nun ist es Zeit, eine Münchener Spezialität zu probieren: das helle Paulaner-Bier.

Freitag, 15. Januar

Das Kulturprogramm geht weiter. Die Münchener Alte Pinakothek, eine Schatzkammer der alten Zeit, muss man einfach besuchen. Mitreißend erzählt die Museumsführerin über die hervorragendsten Werke aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock. Ich erinnere mich an die Jahre meines Studiums, das Blättern in den grauenhaften russischen Bildbänden mit Kunstreproduktionen in Schwarz-Weiß, und ich denke, ach, wenn wir damals doch Material in dieser Qualität gehabt hätten... Es gibt nichts Interaktives in diesem Museum, keine Laser, keine digitalen Attraktionen als Versuche, die Aufmerksamkeit des gelangweilten und übersättigten westlichen Besuchers zu wecken. Nur die Kunstwerke (und vielleicht ein Museumsführer) und man selbst. Ich bin darüber froh. Und zum Abschluss des Abends gibt es ein dunkles Paulaner.

Samstag/Sonntag, 16./17. Januar

Mein erstes Wochenende widme ich dem Studium der Münchener Stadtgeschichte im Stadtmuseum. Typisch München! heißt die ständige Ausstellung. Unbedingt dazu gehört der Ausflug zu den beiden berühmten Schlössern Ludwigs II. in der Münchener Umgebung, Neuschwanstein und Linderhof. Es würde zu weit führen, wollte ich hier das Schicksal dieses Ritters von der traurigen Gestalt und seine historischen Einsamkeitsfantasien ausführlich zu beschreiben versuchen, die ihren Ausdruck in den Meisterwerken der Künstler seiner Zeit gefunden haben. Das muss man selbst gesehen haben. Ludwig II und seine Tragik hinterlassen einen tiefen Eindruck. Aus gegebenem Anlass probieren meine neuen Studienfreunde und ich das Bier König Ludwig.

Dienstag, 19. Januar

Foto: Marija DrėmaitėWie eine Lawine überrollt mich die zeitgenössische Kunst im Museum Brandhorst, einem der neuesten seiner Art. Die Münchener sind besonders stolz auf das neuzeitliche Gebäude. Aber diese spätmoderne Kunst (Warhol, Baselitz, Koon, einige Abfall- und Installationskünstler und der New Yorker Cy Twombly) – am Verstehen hapert es nicht, aber ob ich sie wirklich mag, ist noch eine andere Frage. In der wahnsinnig teuren, eindrucksvollen architektonischen Hülle wirken die Kunstwerke auf mich eher jämmerlich. Später entdecke ich in der Buchhandlung des Museums einen heruntergesetzten Band über den litauischstämmigen Künstler George Mačiūnas (gerechterweise muss ich sagen, dass er nicht als einziger zum Ausverkauf steht). Und schon zieht die Gruppe los, um ein Hacker-Pschorr zu trinken...

Mittwoch, 20. Januar

Nach all der Moderne habe ich jetzt richtig Bock auf Barock! Das katholische Bayern, besonders München, hat reichlich davon zu bieten. Allerdings sehen die barocken Bauten hier anders aus als in Vilnius – gedrungener, dunkler. Das Nymphenburger Schloss ist mit seiner Architektur und seiner Grandezza allenfalls mit Nesvyž (heute Nesvish in Weißrussland) zu vergleichen.

Donnerstag, 21. Januar

Abendessen mit Sprachkurskollegen (in der Gruppe sind wir 16). Mit bescheidenen Deutschkenntnissen und großem Enthusiasmus machen wir uns näher miteinander bekannt. Die Jüngeren kommen aus gutem Hause und verfügen über eine solide Allgemeinbildung, da braucht man über Litauen nicht viel Worte zu verlieren; sie kennen sich auf der Europakarte recht gut aus und haben schon das eine oder andere gehört. Es sind junge Leute im studentischen Alter, die sich auf ein Universitätsstudium in Deutschland vorbereiten. Ihre gutsituierten Eltern möchten, dass ihre Kinder Ärzte werden (zum Beispiel Athanasios aus Griechenland und Mohammed aus Saudi-Arabien) oder den Familienbetrieb übernehmen (Luiz aus Brasilien). Die Älteren lernen ebenfalls Deutsch, und zwar meist aus beruflichen Gründen. Die Schweizer Emilio und Frederico arbeiten für Firmen in der Schweiz, Benito vertritt eine deutsche Autofirma in Brasilien. Der Palästinenser Fachri und Munara aus Kirgistan arbeiten an langfristigen Kulturprojekten in ihren Ländern mit deutschen Partnern, die Amerikanerin Kathleen bereitet sich auf ihren dreijährigen Einsatz in der hiesigen US-Botschaft vor, und die Chilenin Anahi und der Brasilianer Carlo schreiben in München ihre Doktorarbeit. Für die Anwältin Lisane aus Brasilien und die Argentinierin Victoria ist der Sprachkurs eine Art sinnvoll gestalteter Urlaub, und Flavio aus Paraguay verrät, die deutsche Sprache sei in Südamerika einfach in (besonders die Wohnviertel der Deutschen, in denen vor allem Deutsch gesprochen wird). Am meisten von uns „globalisiert“ ist wahrscheinlich Carlo: ein Brasilianer, der in Straßburg und München seine Jura-Dissertation schreibt, sich mit seiner aus dem Iran stammenden Frau auf Französisch unterhält und vor zwei Wochen ihretwegen zum Islam übergetreten ist. Das hindert die beiden aber nicht daran, zusammen mit dem anderen „weltlichen“ Muslim der Gruppe dem deutschen Augustiner-Bier aufs herzlichste zuzusprechen.

Samstag/Sonntag, 23./24. Januar

Ich reise zu Gesprächen über ein wissenschaftliches Projekt nach Prag. Nach der sechsstündigen Bahnfahrt von München sitzen wir in Prag an einem Tisch und diskutieren über die Herausforderungen des Projekts Making Europe: Technology and Transformations 1850–2000. Am nächsten Tag, nach einer anregenden Besprechung und einem Mittagessen, bleibt mir bis zur Abfahrt des Zuges noch etwas Zeit für einen Schnelldurchlauf der schönen Prager Altstadt. Architektonisch ist Prag für mich nach wie vor die schönste europäische Stadt. Aber alles geht so schnell und so intensiv, dass ich gar nicht mehr richtig weiß, wo ich eigentlich bin. Irgendwo in Europa.

Abends im Zug lese ich den Aufsatz des litauischen Philosophen und Sozialwissenschaftlers Zenonas Norkus über Litauen und Estland, das „baltische Sizilien“ und die „baltische Lombardei“ (welches wofür steht, dürfte wohl jedem klar sein). Ich habe auch schon einmal darüber nachgedacht, aber hier weist der verehrte Professor nach der kulturwissenschaftlichen Methode jedem Ding seinen Platz zu. Ach, das protestantische Arbeitsethos. - Aber da ist noch mehr. Auch Bayern ist hier eine Ausnahme. Irgendwo habe ich den Gedanken gelesen, wenn die Sowjets nicht gewesen wären, könnte es in Litauen heute ähnlich aussehen wie in dem Land, in das ich gerade zurückkehre.

Montag, 25. Januar

Erfüllt von den Inspirationen des Wissenschaftlertreffens verbringe ich die Nachmittage dieser Woche in der Bibliothek des Deutschen Museums, ohne Zweifel ein Zentrum der technischen und historischen Literatur und Quellentexte in Europa.

Donnerstag, 28. Januar

Foto: Marija DrėmaitėEin Stammtisch – das ist eine Tradition der bayrischen Bierkneipen, bei der sich derselbe Kreis regelmäßig immer am selben Tisch in derselben Kneipe trifft. Der Stammtisch des Goethe-Instituts hat Spaß gemacht – uns jungen Frauen hat besonders das dunkle Franziskaner gefallen. Ein dunkles, bitte! Mit einem Polen aus Krakau unterhielt ich mich über den in Litauen geborenen polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz und die Bedeutung des litauisch-polnischen Staatswesens. Da kommen unsere arabischen Sprachkurskollegen und laden uns ein, gemeinsam das Halbfinalspiel des Afrika-Cups Ägypten-Algerien zu sehen. Dieses kulturelle Ereignis kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen! Auf dem Fußballplatz tobt ein echter Kampf, die Emotionen lassen sich allenfalls noch mit den legendären Basketballspielen zwischen dem Kaunasser Verein Žalgiris und der Moskauer ZSKA-Mannschaft vergleichen. Wir (das heißt Ägypten) gewinnen 4:0!

Sonntag, 31. Januar

Das Schönste am Wochenende ist das traditionelle späte bayrische Frühstück. Wir bestellen Weißwürste mit süßem Senf, Brezeln und Weißbier. Und wir begehen einen klassischen Fehler: Das „große“ Bier ist wirklich ein großes, die Maß fasst einen ganzen Liter.

Mittwoch, 3. Februar

Der Abschiedsabend des Sprachkurses findet in dem Münchener Hofbräuhaus am Platzl statt – derselben, in der sich die ersten Nazis versammelten und Hitlers Reden lauschten. Die Deutschen, vor allem die Münchener, haben diesen Zeitabschnitt schon seit langem und öffentlich aufgearbeitet. Aber im Stadtmuseum, in der Abteilung für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, begegnete ich immer wieder einem uralten Münchener mit einer hitzig vorgetragenen ganz anderen Version der Geschichte...

Freitag, 5. Februar

Am Wochenende schaffe ich es noch, zwei Heiligtümer der Kunst zu besuchen: die Neue Pinakothek und die Pinakothek der Moderne. In der Abteilung für Romantik der Neuen Pinakothek bleibt mein Blick an etwas hängen, das mir gleich vertraut vorkommt – ja, tatsächlich: es sind die Grabbretter auf dem Friedhof von Nidden, die Lovis Corinth 1893 in seinem Bild Fischerfriedhof in Nidden an der Kurischen Nehrung festgehalten hat.

Abends schwelgen wir in einem Lokal in Spinatknödeln mit Käsesoße. Ein üppiger Genuss. Uns bleibt nichts anderes übrig als das Nachspülen mit dem dunklen Andechser Bier. Und das ist ja wohl echt bayerisch. Genau...

Marija Drėmaitė
ist Kunstkritikerin und Dozentin an der Fakultät für Geschichte der Universität Vilnius
übersetzt von Saskia Drude

Copyright: Zeitschrift „Naujasis Židinys-Aidai“
Naujasis Židinys-Aidai 1-2 2010 (229-230)

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