Neue Formen der Fiktionalisierung im Dokumentarfilm
Doku-Fiktion, Doku-Fake, Doku-Soap und Reality-Show sind Begriffe, die seit den 1990ern in der Dokumentarfilmszene verwendet und heiß diskutiert werden. Mittlerweile bekommt das Cross-over der Filmgattungen eine neue Qualität.
In den letzten Jahren erschienen in Deutschland und anderswo vermehrt Filmproduktionen, die die dokumentarischen Inhalte in einer fiktionalisierten Form präsentieren. Sie benutzen Stilmittel und Dramaturgien des Spielfilms wie das Schuss-Gegenschuss-Prinzip: zum Beispiel die Auflösung eines Dialogs durch das Montieren abwechselnder Einstellungen der Protagonisten. Dies wurde von der Cutterin Inge Schneider sowohl in Andres Veiels Dokumentarfilm Die Spielwütigen (D 2004), für den sie den "Film Plus Preis" für den besten Schnitt gewann, als auch in Bettina Blümners Prinzessinnenbad (D 2007) angewendet, der wiederum den Deutschen Filmpreis 2008 als bester Dokumentarfilm gewann. Wenn bei den Spielwütigen die angehenden Theaterstudenten anscheinend mit ihren Eltern diskutieren – der zum Enfant Terrible stilisierte Schauspielschüler Antoniadis scheint sogar mit einer Pistole auf die Eltern zu zielen – dann wirkt das auf uns erstmal glaubwürdig. Pudovkin und Eisenstein lassen grüßen: Keiner dieser „Schuss-Gegenschuss-Konfrontationen“ der Protagonisten hat sich so abgespielt, sie entstanden allesamt im Schneideraum. Während die Cutterin die Schuss-Gegenschuss-Szenen bei den Spielwütigen erst in der Postproduktion inszenierte, wurde der Dreh von Prinzessinnenbad von vorn herein nach diesem Prinzip geplant. Man verfolgt drei Kreuzberger Teenager in ihrer Lebenswelt, sie unterhalten sich und die Kamera ist mittendrin, ohne das Gespräch scheinbar zu stören – wie im Spielfilm.
Bizarre und fantastische Handlung
Wendepunkte und Auflösungen zur Dramatisierung werden in einigen Fällen sogar in ähnlicher Weise angewandt, wie es der Zuschauer von Genrespielfilmen kennt:Ein amerikanischer Kameramann ist verschwunden. Ein deutscher befreundeter Regisseur, Christian Bauer, begibt sich auf Spurensuche. Gleich zu Beginn des Films Missing Allen – Wo ist Allen Ross? (D 2001) entdeckt er bei Allens Nachbarin einen Koffer seines Freundes und darin neben der obligatorischen 16-mm-Kamera seltsame esoterische Utensilien und Bücher wie Die Kunst des Verschwindens oder Der gute Samariter, sowie ein Foto von Allens Frau Linda. Damit sind in den ersten paar Minuten alle relevanten Hinweise für die weitere Entwicklung der Handlung gelegt, noch ohne dass dies dem Zuschauer bewusst ist. Linda entpuppt sich nach dem ersten Viertel des Films als Anführerin der Samaritersekte, die an Löcher im All glaubt, durch die das Böse in die Welt eindringt und im dritten Viertel des Films gar als Allens potentielle Mörderin. Nur die Leiche bleibt verschwunden, Christian Bauer will schon aufgeben, als wider Erwarten die Polizei kurz vor Ende des Films die Leiche doch noch entdeckt. Kommt Ihnen der Plot bekannt vor? Die Handlung bizarr und fantastisch? Es handelt sich nicht um einen Blockbuster, sondern um einen Dokumentarfilm, der reale Begebenheiten untersucht, aber dies sehr gekonnt in Mystery-Thriller-Machart inszeniert, mit Rätseln und überraschenden Auflösungen, Spannungsbögen und Wendepunkten. Allerdings gibt es im wahren Leben selten ein Happy End, so auch nicht in diesem Film. Dafür wurde Missing Allen für den Europäischen Filmpreis 2002 und den Grimme-Preis 2003 nominiert.
Offengelegte Lücken: der Zuschauer ergänzt
Fiktionalisierung muss nicht zwangsläufig zur emotionalen Überwältigung führen. Sie kann auch anregen, über die Konstruktion von Geschichten beziehungsweise auch der fiktiven Konstruktionen unserer eigenen Geschichtsschreibung nachzudenken. Wer erzählt über wen? Aus welcher Perspektive wird erzählt? Und was wird dabei verschwiegen? Diesen Fragen geht The Halfmoon Files (D 2007) von Philip Scheffner nach, der auf der Duisburger Filmwoche 2007 mit dem Preis des Goethe-Instituts ausgezeichnet wurde. Scheffner bezeichnet The Halfmoon Files als eine Geistergeschichte. Der Filmemacher wird zum Geistersucher, in diesem Falle forscht er nach den Menschen(-schicksalen) hinter den Stimmen verstorbener indischer Kriegsgefangener in Wünsdorf bei Berlin, die während des ersten Weltkriegs auf Schellackplatten aufgezeichnet wurden. Gleiches geschah mit der Stimme Kaiser Wilhelms, die zum ersten Weltkrieg aufruft. Scheffner entdeckt, dass diese Aufzeichnung allerdings vom Januar 1918 stammt, als der Krieg schon als verloren galt. Dieser kleine Umstand wird von den meisten Journalisten und Filmemachern, die das Material bislang benutzten, übersehen oder gar verschwiegen. Das Vertuschen der Unstimmigkeiten und Übertünchen der Lücken im dokumentarischen Material unserer Historie lassen kleine Fiktionen der Wirklichkeit in unseren Köpfen entstehen.
Scheffner dekonstruiert diese Geschichtsbausteine und Materialien und setzt sie zu einer anderen möglichen Wirklichkeit – einer Geistergeschichte – zusammen. Wo es keinen Ton gibt bleibt der Film stumm, wo es kein Bild gibt, die Leinwand schwarz. Die Lücken sind offen gelegt und müssen in unseren Köpfen ergänzt werden. So erwachen die Geister langsam wieder zum Leben und dringen in unser Bewusstsein. Der Film zeigt, dass unsere Wirklichkeit unausweichlich mit Fiktion verwoben ist, Fiktion unausweichlich einen Teil unserer Wirklichkeit und unserer Weltsicht konstituiert. Nur durch Transparenz der eigenen fiktionalen Konstruktionen gelangen wir zur Erkenntnis von uns selbst und dem Verständnis von dem Anderen. Einen höheren Anspruch kann ein Dokumentarfilm nicht erfüllen.Peter Zorn
ist freischaffender Filmemacher, Dozent und Film-/Medienkunstkurator, sowie Mitbegründer und Vorsitzender der Werkleitz Gesellschaft, dem Zentrum für Medienkunst Sachsen-Anhalt.
ist freischaffender Filmemacher, Dozent und Film-/Medienkunstkurator, sowie Mitbegründer und Vorsitzender der Werkleitz Gesellschaft, dem Zentrum für Medienkunst Sachsen-Anhalt.
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2008










