Film in Deutschland und Lettland

Filmemachen in Deutschland

© Bernhard Weber - Fotolia© Bernhard Weber - FotoliaProduktionen „Made in Germany“ bekommen international Anerkennung und höchste Auszeichnungen. Der Weg dahin war lang. Dass sich die Branche über Jahrzehnte so schwer tat, erklärt sich auch aus der deutschen Geschichte.

Als um 1900 die Bilder laufen lernten, und sich die Filmpioniere weltweit ein Kopf an Kopf-Rennen um die technische und ästhetische Entwicklung des neuen Mediums lieferten, lagen deutsche Produzenten weit vorn. In den legendären, 1912 entstandenen Studios Babelsberg, dem ersten Großfilmatelier Europas, schrieben Regisseure wie Fritz Lang oder Friedrich Wilhelm Murnau Filmgeschichte. Dann kam die Nazizeit. Die Emigrationswelle vieler Kreativer, der Krieg, die Teilung Deutschlands sorgten für eine harte Zäsur. Davon erholte sich das Filmgeschehen in Deutschland über Jahrzehnte nicht. Zwar ging die Filmproduktion auch nach 1945 im geteilten Deutschland weiter. Aber deutsche Filme spielten im internationalen Kontext des Kinogeschehens, das inzwischen von den Majors in Hollywood beherrscht wurde, keine Rolle mehr. Größere Aufmerksamkeit konnten nur die westdeutschen Autorenfilmer der 1960er- und 1970er-Jahre wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders oder Volker Schlöndorff für sich verzeichnen.

Aufbruch nach der Wiedervereinigung

© Micky75 - FotoliaNach der Wiedervereinigung ging ein Ruck durch die Branche. Das zeigte sich inhaltlich und strukturell. Zeitnahe Themen, wie die veränderte politische Situation, das Aufeinanderprallen von Ost- und Westkultur, zogen das Publikum in die Kinos und weckten auch international Interesse. 2003 wurde die Deutsche Filmakademie gegründet. Zeitgleich wandte man sich dem Filmnachwuchs zu. Debütanten erhielten mit dem „First Steps Award“ einen eigenen Preis und mit der „Perspektive deutsches Kino“ eine eigene Sektion bei der Berlinale. Die Besucherzahlen für deutsche Filme und Koproduktionen stiegen kontinuierlich. 2009 jubelte die Branche: über 212 deutsche Neustarts, darunter 14 Besuchermillionäre. Es gab internationale Preise, wie die Goldene Palme in Cannes für Das Weiße Band, den Golden Globe für Waltz with Bashir, den Goldenen Löwen von Venedig für Lebanon, den Spezialpreis der Jury für Soul Kitchen und einen Silbernen Bären bei der Berlinale für Alle Anderen. Vier Oscar-Nominierungen für den besten nicht englisch-sprachigen Film hatte es in den letzten Jahren gegeben. Zwei Mal war man als Sieger hervorgegangen (Die Fälscher, 2008, Das Leben der anderen, 2007).

Kino, Fernsehen und Filmförderung

© drx - FotoliaDas Filmjahr 2010 mit 180 Starts deutscher (KO-)Produktionen lief nicht ganz so erfreulich. Das mag natürlichen Schwankungen der Branche geschuldet sein, löste aber sofort die alte, immer wieder aufkeimende Diskussion über die Verquickung zwischen Kinofilm und Fernsehen aus. Seit etwa 40 Jahren entsteht in Deutschland kaum ein Kinofilm ohne finanzielle Beteiligung durch Fernsehsender. Genauso alt ist die Debatte, ob das Fernsehen zu viel Einfluss auf Dramaturgie oder Ästhetik nimmt, also Filme entstehen, die zu klein für die große Leinwand sind. TV-Redakteure, die wissen, dass Großproduktionen wie etwa Das Boot ohne ihr Zutun nie entstanden wären, stellen das in Abrede. Auch erfolgreiche Produzenten wie Stefan Arndt (Good bye, Lenin!) äußern Zweifel an der These, das Fernsehen sei schlecht für den Kinofilm und ein Grund für Misserfolge im Kino. „Ich meine, Teile des deutschen Kinofilms sind dann vielleicht auch einfach nicht gut genug“, sagte Stefan Arndt in einer Diskussion an der Deutschen Filmakademie. „Die Filme sind nicht Unikat genug, sie sind nicht aufregend genug, sie sind einfach nicht irre genug.“

Damit Kino, das möglichst „bigger than life“ sein sollte, wie der Geschäftsführer der Deutschen Filmakademie Alfred Holighaus meint, in Deutschland überhaupt entstehen kann, ist jedoch mehr nötig als die Mittel der Fernsehsender. Selbst erfolgreiche Produzenten wie der kürzlich verstorbene Bernd Eichinger (Das Parfüm, Der Untergang), Regina Ziegler (Henri 4), Detlef Buck (Wir können auch anders, Same Same but different) oder der langjährige Bavaria-Geschäftsführer Günter Rohrbach (Stalingrad, Anonyma – eine Frau in Berlin) waren und sind auf öffentliche Gelder angewiesen. Das bedeutet bei jedem Projekt das Ringen um die Mittel, die jährlich von Bund und Ländern vergeben werden. Auch die größten und ältesten Studios wie Babelsberg bei Berlin und Bavaria bei München könnten ohne solche Subventionen nicht existieren.

Filmnachwuchs: „Willkommen in der Realität“

© delmo07 - FotoliaDer oft langwierige Kampf um die Fördergelder, die von der Drehbuchentwicklung bis zur Vermarktung des Films zur Verfügung stehen, aber deren Vergabe je nach Institution an verschiedene Bedingungen geknüpft ist, machen die Zusammenstellung eines Budgets zu einer schwierigen Aufgabe. Gerade Nachwuchsfilmer verlieren sich leicht in diesem Dschungel. Und obwohl sich die Ausbildung in Deutschland mit seinen fünf Filmschulen und etlichen Angeboten zu Aufbau- und Schwerpunktstudiengängen an Hoch- und Fachhochschulen „sehr verbessert hat“, so Andrea Hohnen, Organisatorin des First Steps Award, schaffen es nicht viele, sich dauerhaft im Kino zu etablieren.

In jedem Jahr streben etwa 60 junge Regisseure mit Diplom von den Filmhochschulen auf den Markt. Und für sie ist es leichter, den ersten als den zweiten Film zu drehen, so Alfred Holighaus. „Beim ersten Film hat man in Deutschland noch einen Wahnsinnsbonus. Die Leute sind heiß, und als Filmemacher kann man sich selbst ausbeuten bis zum Anschlag. Auch die Schauspieler, die gesamte Produktion ist genügsam und nachsichtig, aber höchst ambitioniert.“ Dennoch werden mit so manchem Preisgeld, das mit dem First Steps Award vergeben wird, ersteinmal die Schulden beglichen, die mit dem Debütfilm entstanden. Und dann beginnt der Alltag. Nicht jeder hält dem Druck zwischen maximaler Kreativität, der Überzeugungsarbeit bei Fördergremien und TV-Anstalten sowie der immer präsenten Unsicherheit stand. Oft ist es so, wie es Axel Melzener, Absolvent des Studiengangs Drehbuch bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, erlebte: Von zehn jungen Leuten, die mit ihm das Studium abschlossen, blieben nur drei in der Branche. „Die anderen gaben auf, studierten Psychologie oder sind sogar Krankenpfleger geworden“, sagt er. „Willkommen in der Realität.“

Sabine Pahlke-Grygier
ist freie Journalistin und Buchautorin (u. a. „Kinohits für Kids – die schönsten Kinderfilme auf DVD“, 2009, „Handbuch Synchronisation – von der Übersetzung bis zum fertigen Film“, 2008.)

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Februar 2011

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