Gut wie lange nicht – zwei Perspektiven auf den aktuellen deutschen Film

Regisseur Wim Wenders bei den Dreharbeiten zu „Pina“ | © Neue Road Movies GmbH; Foto: Donata Wenders
Über den aktuellen Zustand des deutschen Films gehen die Meinungen stark auseinander. Gesund wie selten, sagen die einen, kurz vor dem Abgrund sehen ihn die anderen. Oliver Baumgarten schlüpft in beide Perspektiven. Teil eins: Dem deutschen Film geht es so gut wie lange nicht.
Gerade im Moment, da sich das Oberhausener Manifest und damit die Erneuerung des deutschen Films in den 1960er-Jahren 2012 zum 50. Mal jährt, ist in der Presse viel über diese Strukturen zu lesen. Zugespitzt formuliert kristallisieren sich in der Bewertung der derzeitigen Situation zwei Haltungen heraus. „Dem deutschen Film geht es so gut wie lange nicht“ und: „Dem deutschen Film geht es so schlecht wie lange nicht.“ Nimmt man nacheinander beide Perspektiven ein, lassen sich die jeweiligen Haltungen sehr anschaulich vermitteln.
Dem deutschen Film geht es so gut wie lange nicht
Wer aus dieser euphorischen Perspektive heraus argumentiert, dem bleibt zunächst festzustellen: Die deutsche Filmlandschaft ist von einer Vielfalt und einem Reichtum gesegnet wie seit vielen Dekaden nicht mehr. Den jüngsten Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) für 2011 zufolge sind in diesem Jahr insgesamt 212 deutsche Filme ins Kino gekommen, inklusive internationaler Koproduktionen. Darunter waren 132 Spiel- und 80 Dokumentarfilme. Der deutsche Marktanteil betrug 21,8 Prozent – ein guter Mittelwert der letzten sechs bis sieben Jahre.
Vor allem aber ist eine enorme Vielfalt an Genres und Stilen zu erkennen, was zweifellos auf den hervorragenden Zustand des deutschen Films schließen lässt. Für einen Überblick über diese Vielfalt lässt sich das Angebot des deutschen Films im Kinojahr 2011 in fünf grobe Bereiche unterteilen.
Mainstreamfilm
Aus der Perspektive des Euphorischen kann konstatiert werden: Das beste Zeichen für eine gesunde Filmlandschaft ist funktionierender Mainstream. Und im Moment gibt es in Deutschland tatsächlich sowohl tragende Stars als auch inhaltliche Muster für erfolgreichen Mainstream. Da sind zum Beispiel Til Schweiger und Matthias Schweighöfer, die mit Fug und Recht als populäre Stars bezeichnet werden können: In den Top Ten der deutschen Filme 2011 befinden sich allein vier Schweiger-/Schweighöfer-Filme. So wird die Top Ten von Til Schweigers Kokowäh angeführt (4,3 Millionen Besucher), gefolgt von Schweighöfers What a Man (1,8 Millionen Besucher). Auf den Plätzen folgen mit jeweils mehr als einer Million Besuchern Männerherzen 2 (mit Til Schweiger) und Rubbeldiekatz (mit Matthias Schweighöfer).
Bei all diesen Filmen handelt es sich um Komödien, die klassische Geschlechterrollen und ihre zunehmende Auflösung diskutieren. So verhandeln sie Reste althergebrachter männlicher Attribute und beziehen ihren Witz daraus, wie diese Attribute sich an der modernen Welt reiben. Damit übrigens stehen diese Komödien im deutlichen Gegensatz zur Beziehungskomödie, wie sie noch in den 1990er-Jahren so erfolgreich waren. Jene nämlich behandelten das Zusammengehen von scheinbar Unvereinbarem: Mann und Frau. Damit war die Beziehungskomödie der Neunziger vor allem eine Reaktion auf die Vereinigung von DDR und Bundesrepublik. In den heute erfolgreichen Komödien aber geht es nicht mehr um die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, sondern um Schwierigkeiten mit dem Selbst.
Ein weiterer Beleg für funktionierenden Mainstream findet sich außerdem im sehr erfolgreichen deutschen Kinderfilm. So gab es 2011 etwa Lauras Stern, Hexe Lilli, Prinzessin Lillifee, Tom Sawyer oder Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel, die allesamt sehr passabel im Kino liefen.
Arthousefilm etablierter Filmemacher
Der Arthousefilm bildet nicht zuletzt dank der internationalen Wahrnehmung zur Zeit das Herz des deutschen Films. Dieser nämlich kann heute auf eine große Breite an preisgekrönten, international anerkannten Filmemachern blicken, deren persönlich geprägte und kontinuierlich produzierte Filme zum Aushängeschild der Branche geworden sind. Filmemacher wie Andreas Dresen, Wim Wenders, Tom Tykwer, Hans-Christian Schmid, Christian Petzold, Dominik Graf, Oskar Roehler, Matthias Glasner oder Fatih Akin haben allesamt ihre individuelle Form und Sprache gefunden, entwickeln sie weiter, laufen auf den wichtigsten Festivals der Welt und werden mit den bedeutendsten Preisen ausgezeichnet.
Nachwuchsfilm
Der Filmnachwuchs ist eine weitere große Stärke der Branche. In Deutschland gibt es hervorragende Filmhochschulen – aber neben den großen Sechs (Hochschule für Fernsehen und Film München, Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, Filmakademie Baden-Württemberg, Kunsthochschule für Medien Köln, Internationale Filmschule Köln) längst auch viele weitere spezialisierte Ausbildungsmöglichkeiten über die gesamte Republik verteilt. Zudem existieren vom First-Steps-Award über den Studio-Hamburg-Nachwuchspreis bis hin zum Six-Pack-Programm des Westdeutschen Rundfunks und Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen zahlreiche Förderprogramme, die sich aus unterschiedlicher Richtung für die Unterstützung junger Kreativer und Produzenten engagieren, sodass bemerkenswert viele Erstlingsfilmer ihre zumeist frischen Ideen umsetzen können.
Auf dieser gewachsenen Grundlage entstehen jährlich so viele Debütfilme wie vielleicht noch nie zuvor. 2011 waren dies herausragende Filme wie Das Lied in mir (Regie: Florian Cossen), Eine Insel namens Udo (Regie: Markus Sehr) oder Über uns das All (Regie: Jan Schomburg ) – also sehr unterschiedliche Arbeiten, deren Gemeinsamkeit zumeist darin besteht, dass ihre Protagonisten nach Identität und individueller Stellung in der Gesellschaft suchen. Publikumsliebling unter den Debütfilmen 2011 war Almanya – Willkommen in Deutschland, den 1,4 Millionen Zuschauer im Kino sahen.
Internationale Koproduktionen
Ein weiteres Indiz dafür, dass es dem deutschen Film so gut wie lange nicht geht, ist die hohe Anzahl internationaler Koproduktionen, die zurzeit entstehen und die der Branche im Idealfall gleich mehrere Vorteile bieten. Entstehen internationale Koproduktionen in Deutschland, können Filmschaffende internationale Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen, und auch die hiesige Infrastruktur profitiert kräftig.Nicht zuletzt dank des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) entstehen mit deutscher Hilfe zahlreiche Beiträge des US-amerikanischen Mainstreams wie zuletzt etwa Die drei Musketiere, Unknown Identity oder Anonymous. Dazu wird auch immer mehr international erfolgreicher Arthouse in Deutschland koproduziert, der dann die Visitenkarte der deutschen Branche auf die wichtigsten Festivals der Welt trägt. 2011 waren dies beispielsweise die neuen Filme von Aki Kaurismäki (Le Havre), Lars von Trier (Melancholia) oder Roman Polanski (Der Gott des Gemetzels).
Dokumentarfilm
Einen letzten wichtigen Bereich im großen Angebot des deutschen Kinofilms stellt der Dokumentarfilm dar. Er ist zurzeit so stark wie nie. 2011 liefen 80 deutsche Dokumentarfilme in den deutschen Kinos an. Ein Grund für diese eindrucksvolle Zahl liegt sicher darin, dass es der Dokumentarfilm im Fernsehen gleichzeitig sehr schwer hat. Sendeplätze werden gestrichen beziehungsweise ersetzt durch andere Formate, die als vermeintlich „dokumentarisch“ gelten: Dokusoaps in erster Linie. Und so weicht der wahre Dokumentarfilm, begünstigt durch Förderprogramme und Verleihinitiativen, ins Kino aus.Allen voran machte 2011 natürlich Wim Wenders’ 3D-Tanzfilm Pina von sich reden, der nicht zuletzt dank der Oscar-Nominierung 500.000 Besucher erzielte. Weit vorne in der Zuschauergunst fand sich 2011 ansonsten vor allem der Naturfilm: Die Nordsee von oben hatte erstaunliche 180.000 Besucher, Serengeti sahen 160.000. Und selbst politische Dokumentarfilme wie Taste the Waste hatten eine enorme Reichweite. Valentin Thurns Film über die weltweite Lebensmittelverschwendung sahen über 100.000 Menschen in den Kinos. Weitere Titel wie Joschka und Herr Fischer (Regie: Pepe Danquart) oder Klitschko (Regie: Sebastian Dehnhardt) konnten zwischen 50.000 und 80.000 Besucher erreichen.
Zwischenfazit
Dem deutschen Film geht es so gut wie lange nicht, vielleicht sogar wie seit den Sechzigern nicht mehr. Es herrscht eine große Vielfalt und Breite im Angebot, zudem sind die Filme äußerst erfolgreich: Es existiert bei den Zuschauern große Lust, deutsche Filme zu sehen, und die für das Renommee so wichtigen Festivals und Filmpreise der Welt schätzen die Werke deutscher Filmemacher und zeichnen sie regelmäßig aus. Es lässt sich zusammenfassen, dass die Mechanismen und Maßnahmen, die in den letzten Jahren getroffen wurden, nachhaltig greifen.Nicht zuletzt die finanzielle Ausstattung, mit der die öffentliche Hand das deutsche Filmsystem fördert, dürfte an diesen Erfolgen ursächlich beteiligt sein. Mit über 350 Millionen Euro, die vier bundesweite und fast zwei Dutzend regionale Filmförderungen in unterschiedlichen Modi verwalten, wird der deutsche Film zurzeit jährlich subventioniert. Viel also wurde richtig gemacht, die Kurve des deutschen Films zeigt auch für die Zukunft steil nach oben.
Oliver Baumgarten
ist Filmwissenschaftler und lebt als Publizist, Kurator und Dozent in Köln. Dieser Text beruht auf einem Vortrag, den er während der Berlinale 2012 gehalten hat.
ist Filmwissenschaftler und lebt als Publizist, Kurator und Dozent in Köln. Dieser Text beruht auf einem Vortrag, den er während der Berlinale 2012 gehalten hat.
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Mai 2012
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