Die deutsche Geschichte – modern gedeutet

Eine illustrierte Fibel über Kaiser, Könige und KanzlerHagen Schulze: „Kleine deutsche Geschichte“. C.H.Beck, 276 S.
Dieser „Kleinen deutschen Geschichte“ des Berliner Historikers Hagen Schulze sind recht viele Leser zu wünschen. Denn für das Geschichtsverständnis der Deutschen kann dieses schmale, leicht lesbare und interessant illustrierte Band unschätzbare Dienste leisten. Zwar wissen oder ahnen wir zumindest, daß das überkommene Geschichtsbild, das eine gerade Linie von dem heldischen Hermann dem Cherusker über die imposanten deutschen Kaiser des Mittelalters und die Preußenkönige bis zur bismarckschen Reichsgründung zieht, seit langem unhaltbar geworden ist. Aber was sinnvoll an seine Stelle treten kann – diese Frage läßt uns fast alle ratlos. Schulze bietet eine ebenso wohlfundierte wie einleuchtende Antwort. Es wäre ein Segen, wenn sich seine moderne Deutung der deutschen Geschichte durchsetzte.
Zusammenfassung der Diskussion über die deutsche Vergangenheit
Dabei geht der Verfasser ganz unaufgeregt, unpolemisch, geradezu gelassen an seine Aufgabe. Er behauptet auch nicht, über neue, sensationelle Erkenntnisse zu verfügen. Was er in diesem Buch festgehalten hat, ist vielmehr über weite Strecken eine Zusammenfassung der Diskussion, die sich in den letzten Jahrzehnten unter deutschen und ausländischen Historikern über die deutsche Vergangenheit abgespielt hat. Man befindet sich beim Lesen also durchaus auf solidem Boden. Daß man über einzelne Urteile um so mehr streiten kann, je mehr sich die Darstellung der Gegenwart nähert, ist eine Selbstverständlichkeit und tut der Qualität des Buchs keinen Abbruch.
Schon der erste Satz zeigt das Programm: „Nicht in den germanischen Urwäldern hat die deutsche Geschichte ihren Ursprung, sondern in Rom.“ Es war eine Geschichtskonstruktion des 19. Jahrhunderts, daß der Anfang der deutschen Geschichte in der „Varusschlacht“ im Teutoburger Wald zu suchen sei, also im erfolgreichen Kampf gegen Rom. In Wahrheit gilt für alle Nationen Europas, aber besonders für uns Deutsche, daß „Grundlagen von Staat und Recht, städtische Lebensweise, Sprachen und Denkformen, Baukunst, Schrift und Buch ohne die Zivilisation Roms … nicht denkbar“ sind.
Deutsche Möglichkeiten – eine Abschweifung
Ein anderes Beispiel: Nach der Darstellung der bekannten Entwicklungen bis zur Reichsgründung von 1871 schiebt Hagen Schulze ein Kapitelchen von wenigen Seiten ein, das er „Deutsche Möglichkeiten – eine Abschweifung“ betitelt. Angesichts der Tatsache, daß manche heute im Bismarck-Staat schon wegen seiner fragwürdigen inneren Verfassung nicht mehr eine historische Notwendigkeit anerkennen wollen, geht er der Frage nach, ob es denn eine Alternative gegeben hätte. Seine Antwort wirkt ernüchternd: Die anderen Modelle, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diskutiert wurden, waren samt und sonders unrealistisch und nicht zu verwirklichen. Auch das „Zweite Deutsche Reich“ konnte nur dank einer kurzen, besonders günstigen internationalen Konstellation nach dem Krimkrieg zustande kommen.
Die Darstellung läuft immer wieder darauf hinaus, daß das alte Geschichtsbild, wonach die Deutschen die staatliche Einheit ihrer Nation in einem jahrhundertelangen Ringen mit einer feindselig gesinnten Umwelt erkämpfen mußten, einer viel zu engen nationalen Sicht entspringt. Es ging vielmehr stets um eine für alle Europäer erträgliche politische Ordnung dieses schwierigen Kontinents. Wenn man dieses Geschichtsverständnis zugrunde legt, erscheinen auch die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, rund um die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands, in einem anderen Licht. Es ist dann nicht mehr so absonderlich, daß von den Siegern des Zweiten Weltkriegs nur die Amerikaner vom ersten Augenblick an die Wiedervereinigung unterstützten, während Frankreich, England und vor allem die Sowjetunion sich lange dagegen sträubten.
Ein großer Vorzug des Bands liegt auch darin, daß der Verfasser sich durchaus nicht auf die politische Geschichte beschränkt. Wie es sich für einen modernen Historiker gehört, bettet er das politische Geschehen ein in demographische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, auch kulturelle Entwicklungen. Man findet an wichtigen Stellen auch einmal einen Ausflug in die Statistik. Zum Lesegenuß tragen außerdem das vorzügliche Bildmaterial aus dem Deutschen Historischen Museum (mit vielen Abbildungen, die bisher unbekannt waren) und die gefällige Gestaltung bei.
Erstveröffentlichung der Rezension in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“, 24.10.1996. Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgesellschaft Madsack.











