Theater

Merkantile Mentalitäten – die Finanzkrise und das Theater

Philipp Löhle „supernova (wie gold entsteht)“, Uraufführung 2011, Mannheimer Nationaltheater; © Hans Jörg MichelKlassiker wie Tschechows „Der Kirschgarten“ werden derzeit häufig gespielt. Geht es um die Krise der Krisen suchen Autoren und Theater aber auch nach neuen Möglichkeiten der Darstellbarkeit eines Problems, das in globalen Geldströmen um die Welt wandert.

Geht man ein Jahrhundert zurück, um im Theater nach den Wurzeln jener krisenhaften Erscheinung zu suchen, die wir heute unter Begriffen wie „Eurokrise“ subsumieren, landet man schnell bei zwei Figuren: der Gutsbesitzerin Ranjewskaja, für die der Großgrundbesitz ihrer Familie nur noch ein Mittel zum Zweck der Genusssteigerung ist; und dem Kaufmann Lopachin, der die Konkursmasse der Ranjewskaja als Mittel zum Zweck der Spekulation nutzen möchte.

Ihn kann man sich als merkantilen Charakter vorstellen, sie ist eine hedonistische Gesellschaftsdame und findet ihre heutige Entsprechung in Vermögenden, die nicht mehr den Bezug von Geldwerten zu tatsächlich geleisteter Arbeit sehen. Der Kirschgarten, 1904 am Moskauer Künstlertheater uraufgeführt, ist im Moment deshalb häufig auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen, bindet das Stück doch die Misere spekulativ um die Welt geisternder Geldmengen an jene zurück, die sie in die Welt gesetzt haben: Menschen im sozialen Umfeld. Sucht man weiter nach Klassikern zum Thema, denkt man sofort an Shakespeares Der Kaufmann von Venedig.

Wesen Geld

„Der Geldkomplex“ von Jürgen Kuttner und Suse Wächter, Residenztheater München, Premiere am 18. November 2011 im Marstall; © Thomas DashuberSo weit, so klassisch. Die Theater suchen im Moment allerdings auch nach neuen Möglichkeiten der Reaktion auf die Finanzkrise und landen dabei nicht selten im performativen Bereich. In München war das so, als der Moderator und Regisseur Jürgen Kuttner und die Puppenspielerin Suse Wächter einen Briefroman der permanent insolventen Schriftstellerin und Schwabinger Bohème-Dame Franziska Gräfin zu Reventlow konsultierten.

In Der Geldkomplex aus dem Jahr 1916 geht es um eine Briefeschreiberin, die eine Freundin bittet, man solle sie bitte nicht für ernstlich gestört halten, aber das Geld sei für sie tatsächlich zu einem persönlichen Wesen geworden. Und weiter: Inzwischen befinde sie sich bei einem Nervenarzt der Freudianischen Schule in Behandlung, der diesen „schweren Geldkomplex“ in einer psychoanalytischen Behandlung wohl heilen werde.

Um dieses libidinöse Verhältnis des Menschen zum unfassbaren Wesen „Geld“ geht es Kuttner und Wächter in der szenischen Vergegenwärtigung des Briefromans. Dass sie mit ihrem Abend so nahe an die heutige Realität der endemischen Finanzkrisen rühren, hat im Kern mit ihrem Textfund aus einer Zeit zu tun, in der die Welt ähnlichen Erschütterungen ausgesetzt war wie das heute der Fall ist.

Schwarmintelligenz

Elfriede Jelinek „Die Kontrakte des Kaufmanns“, Koproduktion Schauspiel Köln und Thalia Theater Hamburg; Regie: Nicolas Stemann; Foto: David BaltzerMan denkt unwillkürlich an die Weltwirtschaftskrise der Weimarer Republik, die auch eine historische Folie für Elfriede Jelinek gewesen sein dürfte, als sie bereits im Jahr 2008 parallel zum Insolvenzverfahren der Investmentbank Lehman Brothers Die Kontrakte des Kaufmanns schrieb. Nicolas Stemann brachte ihren mehr als hundert Seiten umfassenden Text 2009 in einer Koproduktion des Kölner Schauspiels und Hamburger Thalia Theaters zur Uraufführung. Zum Stück der Stunde wurden Die Kontrakte des Kaufmanns, weil Elfriede Jelinek ganz charmant die Schwarmintelligenz des Geldes thematisiert hatte und es sogar wie einen menschlichen Charakter sprechen ließ.

Es könnten unter anderem solche Kunstgriffe gewesen sein, die Chris Kondek und Christiane Kühl inspirierten, als sie Money – it came from outer space Ende 2010 am Berliner Theater Hebbel am Ufer auf die Bühne brachten. Kondek und Kühl verwenden keinen vorgegebenen Text, sondern montieren einen japanischen Science-Fiction-Thriller unter anderem mit Statements von Wissenschaftlern. Dabei geht es immer um das Eigenleben der Finanzmärkte und dieses Gefühl, unsere Welt werde von einer außerirdischen Macht erobert, die nichts Gutes im Schild führt.

Goldrausch

„Money – It came from outer space“ von Chris Kondek und Christiane Kühl; © Thomas AurinKondek und Kühl stehen wie Kuttner und Wächter selbst auf der Bühne. Man hatte es einmal mehr mit einem performativen Abend zu tun und wartete auf das Theaterstück zum Thema, das Philipp Löhle dann Anfang 2011 lieferte. supernova (wie Gold entsteht) kam am Mannheimer Nationaltheater zur Uraufführung und spielt mit dem Szenarium eines Goldrausches im Nordschwarzwald.

Die vermeintliche Goldader ist allerdings eine von einem Dauerpraktikanten in die Welt gesetzte Chimäre. Am Ende landet man dort, wo schon Tschechow sich bewegte: Der Ausgangspunkt global marodierender Geldströme ist in menschlichen Zusammenhängen und der Gier nach einem bequemen Leben unter Verwendung ungedeckter Schecks zu suchen.

Jürgen Berger
ist freier Theater- und Literaturkritiker für die „Süddeutsche Zeitung“, „taz“ und „Theater heute“. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.

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März 2012

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