Film

Kino aus Europa – leben von der Vielfalt

© colourboxDer europäische Film entsteht in einer Vielfalt von Kulturen. Aber gibt es den europäischen Film?

© colourboxDie Frage, ob unter Filmschaffenden in Europa so etwas wie eine europäische Identität existiere, beantwortet Pascal Edelmann, Pressesprecher der Europäischen Filmakademie, die jährlich den Europäischen Filmpreis vergibt, zunächst mit einem Schmunzeln. Dann erklärt er: „Während wir hier noch diskutieren, ob es eine europäische Identität gibt und was das denn eigentlich sein soll, sieht man Europa international lustigerweise anders als in Europa selbst. Wer sich auf internationalem Parkett bewegt, wird als Spanier, Franzose oder Engländer gesehen, aber gleichzeitig auch als Europäer.“

Auch wenn die Filmszene, die seit langem international miteinander vernetzt ist, die Haltung teilt, dass man in Europa nicht nur in einer Nation, sondern in einem größeren Kontext zusammenlebt, gibt es den europäischen Film nicht.

„Man kann keine Filme mit dem Tenor produzieren, dass sie möglichst viele Leute in verschiedenen Ländern ansprechen sollen“, so Pascal Edelmann. Je mehr man das versuche, desto weniger sage der Film aus. Es nütze auch nichts, einen Film mit möglichst vielen Darstellern aus ganz Europa zu besetzen und damit einen so genannten „Euro-Pudding“ zu produzieren, wie es beispielsweise in den Achtziger- und Neunzigerjahren geschehen ist.

„Gute europäische Filme versuchen nicht, besonders europäisch zu sein, sondern auf überzeugende Weise eine Erfahrung wiederzugeben“, sagt Edelmann. Ein gutes Beispiel dafür sei beispielsweise Cédric Klapischs Komödie L´auberge espaniol, Barcelona für ein Jahr (Frankreich/ Spanien 2002), der von Studenten aus ganz Europa erzählt, die zufällig für ein Jahr in einer Wohngemeinschaft in Barcelona zusammenkommen. „Das traf die Erfahrungswerte vieler junger Leute, die zum Beispiel an Austauschprogrammen der EU teilgenommen haben.“

Unterschiedliche Entwicklung

Der europäische Film ist keine Marke wie der Hollywoodfilm, und er kann es auch gar nicht sein. Europa umfasst 48 souveräne Staaten mit unterschiedlichen Kulturen, Historie und Sprachen. Die Europäische Union besteht zurzeit aus 27 Staaten mit zusammen 23 Amtssprachen. Den Film in Europa eint keine gemeinsame Ästhetik und keine gemeinsame Entwicklung. Auch wenn die EU Filmförderprogramme wie Eurimages oder das MEDIA-Programm auflegte, die das Filmschaffen in Europa unterstützen, sind die Förderungsstrukturen und Produktionsbedingungen national sehr verschieden.

Intensive Berührungspunkte der Filmschaffenden gab es in den Sechzigerjahren, der Zeit des politischen Aufbruchs, der sich im italienischen „Neorealismo“, der französischen „Nouvelle Vague“, dem britischen „New Cinema“ und im Westen des geteilten Deutschlands als „Neuer Deutscher Film“ niederschlug. Auch im damals noch abgetrennten Osten Europas, wie in Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei oder in der DDR geriet der Film in Bewegung. Doch Beiträge durchdrangen selten den „Eisernen Vorhang“, um auf Festivals der westlichen Welt gezeigt zu werden. Ein Austausch unter den Filmschaffenden aus Ost und West war nur selten möglich.

Themen überschneiden sich

DVD-Cover von „Gegen die Wand“; © Wüste FilmSeit 1989 hat sich das Gesicht Europas grundlegend verändert. Heute verläuft der Austausch in der Filmszene grenzenlos, aber eine gemeinsame Bewegung ist nicht zu spüren. Thematisch gibt es zuweilen Gemeinsamkeiten durch Problemlagen, die sich national überschneiden und filmisch aufgegriffen werden, wie zum Beispiel Migration (Fatih Akin, Gegen die Wand, D 2004) oder Arbeitslosigkeit (Peter Cattaneo, The Full Monty, Ganz oder Gar nicht, GB 1997).

Auch das Dritte Reich ist immer wieder ein Thema wie in Louis Malles Au revoir les enfants, Auf Wiedersehen, Kinder (F/D 1987) oder in Sophie Scholl – die letzten Tage von Marc Rothemund (D 2004). Diese Filme stießen international auf großes Interesse wie auch andere, die von nationalen Konflikten erzählen. Darunter In the Name of the Father, Im Namen des Vaters von Jim Sheridan (GB, 1993), Bloody Sunday von Paul Greengrass (GB, 2002), Good Bye, Lenin! von Wolfgang Becker (D, 2003) oder Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck (D, 2006).

Problemfeld: Vertrieb

Der europäische Film, der in der Welt bis heute als Autorenfilm gilt, speist sich aus der Vielfalt der Kulturen. Doch wenn er auch kaum gemeinsame Merkmale aufweist, hat er ein gemeinsames Problem. Abgesehen von internationalen Erfolgen wie beispielsweise Billy Elliot – I will dance von Stephen Daldry (GB 2003), Sharon Mguires Bridget Jones (GB 2001), Roger Mitchells Notting Hill (GB 1999) oder Tom Tykwers Lola rennt (D 1998) findet er selbst europaweit noch zu wenig Beachtung.

„Viele Filme sind in den Herstellerländern erfolgreich, aber außerhalb nicht zu sehen“, bedauert Pascal Edelmann. Das große Problem: Sie finden keinen Verleih. So entzieht sich vieles, was auf dem Kontinent entsteht, der Wahrnehmung anderer.

Logo der Europäischen Filmakademie; © EFADie von Ingmar Bergman gegründete und heute von Wim Wenders geführte Europäische Filmakademie sieht es von jeher als ihre Aufgabe, den Austausch zwischen den Filmschaffenden in Europa zu fördern. Sie ist bemüht, dieses Manko zumindest ein bisschen auszugleichen. In jedem Jahr werden den rund 1.800 Mitgliedern, zu denen so arrivierte Persönlichkeiten wie Pedro Almodóvar, Stephen Frears oder Lars von Trier gehören, als Auswahl für den Europäischen Filmpreis 40 bis 50 Filme aus europäischen Ländern auf DVD zur Verfügung gestellt. „Möglicherweise“, so hofft Pascal Edelmann, „findet so auch der kleine Film aus Bosnien mehr Beachtung und erregt vielleicht sogar die Aufmerksamkeit eines Verleihs.“

Die Verbreitung europäischer Filme innerhalb der EU soll auch ein Filmpreis unterstützen, der seit 2007 vom Europäischen Parlament vergeben wird. Mit der Vergabe des LUX ist die Untertitelung des Siegerfilms in alle 23 Amtssprachen der EU verbunden.

Den ersten LUX erhielt im Jahr 2007 Fatih Akins Film Auf der anderen Seite. Das Goethe-Institut hat die entsprechende DVD in 30 Sprachen untertitelt.
Sabine Pahlke-Grygier
ist freie Journalistin und Autorin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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