Wie kommt der Tänzer auf die Bühne?

Es ist ein langer Weg bis zur Kante – doch dieser Schritt, hinaus in den öffentlichen Blick, ist ein ganz wesentlicher im Leben von Tänzern. Obwohl ja schon die Entscheidung, eine professionelle Ausbildung zu machen, wie ein großes Luftholen ist. Zum Tanzstudium überhaupt zugelassen zu werden, die Jahre durchzuhalten, den Abschluss zu machen, braucht eine Menge Fähigkeiten und Einsatz. Und dann?
In Deutschland bieten elf staatliche Institutionen ein Tanzstudium an: künstlerische Hochschulen, zwei Berufsfachschulen und eine Akademie. Ihre Abschlüsse hießen bisher „Zertifikat“ oder „Diplom“. In den kommenden Jahren stellen sie alle auf Bachelor- und Master-System um. Solche Künstlerausbildungen sind elitär: für sehr wenige, sehr ausgewählte Begabte. Bei den meist jährlichen Aufnahmeprüfungen werden zwischen zehn und zwanzig Bewerber angenommen. Aus der ganzen Welt.
Das Studium
Sie werden dann, anders als Musiker und Schauspieler, nur in Gruppen unterrichtet und sollen doch individuelle Künstlerpersönlichkeiten werden. Was lernen sie, welche Techniken, Stile, historische und theoretische Hintergründe des Faches und wie viel von jedem? Klassisches Ballett ist überall dabei, auch Moderner Tanz und sogenannte zeitgenössische Techniken, Trainings- und Körperbewusstheits-Methoden, die Fächer Komposition und Improvisation. Details und Schwerpunktsetzungen unterscheiden sich in den Hoch- und Fachschulen – wie auch die Lehrer. Das hatte bisher mit der Frage zu tun: Für welche Art von Tänzerengagement bildet man aus? Für welche Art von Kompagnie, welches Repertoire? Schulen wie die in Hamburg, München, Stuttgart und Dresden pflegen engen Kontakt zur Ballettkompagnie am dortigen Stadt- oder Staatstheater, diejenigen in Mannheim und Essen zu den Ensembles in Karlsruhe und Wuppertal, sodass es scheint, wie zu Fürstenzeiten werde der Nachwuchs im Gärtlein gleich neben dem Theater herangezüchtet. Doch das stimmt nur zum geringeren Teil. Die Arbeitsmöglichkeiten für Tänzer, der „Markt“ ist längst global (die Konkurrenz auch). Das wissen und nutzen die jungen Leute.
Der Übergang
Haben sie fertig studiert, gelten sie oft immer noch als unfertig. Wie bei anderen Studienberufen wünscht sich der Arbeitgeber, der neue Mitarbeiter möge Berufserfahrung mitbringen. Das System, recht behutsam in eine Kompagnie hineinzuwachsen, sozusagen von den hinteren Schwänen aus, gibt es bei den etwa 60, meist schrumpfenden Stadttheater-Ensembles immer seltener und außerhalb der wenigen größeren, hierarchischen Ballettbetriebe ohnehin kaum. Kleinere, geldknappe Ensembles können sich Behutsamkeit nicht leisten. Dort wo man doch als Eleve oder Praktikant eine Einstiegsmöglichkeit bekommt, oder, etwas besser, mit einem „Anfängervertrag“, wird man sehr mager bezahlt. Zum Teil helfen Sponsoren oder Vereine beim Lebensunterhalt aus. Immerhin ist die Chance groß, nach einem solchen Einstiegs-Jahr eine Stelle zu bekommen. Beim Erarbeiten eines Stückes dabei zu sein und Abend für Abend auf der Bühne zu stehen, ist als Erfahrung immens wichtig. Das fordert eine Eigenverantwortung von den Tänzern, die ihnen der geregelte Betrieb der (Hoch-) Schule nur ansatzweise beibringt.
Professionelles Arbeiten wird geübt. Choreografen, auch die Dozenten am Hause, studieren – meist kürzere – Stücke mit den Studenten ein und präsentieren sie in Matineen, Schulabenden, Galas und auf „echten“ Bühnen außerhalb der Hochschulen. Wie häufig solche Projekte stattfinden und mit wem, in welchem Stil; ob die Tänzer bei der Stückentwicklung beteiligt werden oder etwas Mitgebrachtes einstudieren, ist ganz verschieden. Der Kontakt zu Gastchoreografen trägt oft weitere Früchte: Die Jungtänzer lernen choreografische Handschriften und Persönlichkeiten kennen, was ihnen bei künftigen Berufsentscheidungen hilft: Wo will ich hin? Wo nicht? Die Choreografen selbst sind nah dran am Nachwuchs und ermuntern Einzelne zum Praktikum oder Vortanzen bei ihren eigenen Kompagnien – an festen Häusern oder im Off-Bereich. Die wichtige Bühnenerfahrung sammeln auch fortgeschrittene Studenten, die in Stücken der oben erwähnten, direkt kooperierenden Profiensembles mittanzen. Kompagnien eigens für Absolventen und Jungtänzer haben etwa die Mannheimer, Essener und Dresdner Hochschule, sie stehen jedoch auch Bewerbern von außerhalb offen.
Die Bewerbung
Auch davor steht, wie überall vorm Eintritt in eine Kompagnie das Vortanzen, die Audition. Unter manchmal Hunderten von Bewerbern bei der Auswahlprozedur zu reüssieren, ist schwer und hat nie nur mit technischem Können zu tun, das natürlich vorausgesetzt und auch getestet wird. Sondern mit dem gegenseitigen Interesse. Kunst, Arbeitsweise, Persönlichkeit, Bewegungstyp, die Gruppenzusammensetzung, das alles spielt eine Rolle. Abgelehnt zu werden, meist ohne Begründung, ist enttäuschend. Man versucht es immer wieder; mitunter klappt es ein Jahr später beim Lieblingschoreografen. Oder woanders.
Ist man erstmal „drin“ als Profi, ist es relativ normal, nach einer Weile den Arbeitgeber zu wechseln. Oder mancher macht ganz anders weiter im Berufsfeld Tanz. Einige Studiumsabsolventen entscheiden sich auch sofort gegen den Job in etablierten Häusern. Sie tanzen in unabhängigen, „freien“ Gruppen oder auf Kreuzfahrtschiffen oder arbeiten selbst als Choreografen oder als Pädagogen, Therapeuten, Dramaturgen, Organisatoren, Fachjournalisten. In weiteren Aus- oder Fortbildungen und in der Praxis lässt sich viel dazulernen. Kenntnisse erweitern und kombinieren zu müssen, einen Schritt vor den anderen zu setzen, das unterscheidet Tänzer nicht von anderen Zeitgenossen. Doch damit die Tanzkunst selbst nicht aufhört, braucht es wieder Kinder, die begeistert und jahrelang trainieren, um später vielleicht Tanz zu studieren. Und dann …
war zunächst im Bereich Kulturförderung und internationaler Kulturaustausch tätig und arbeitet seit 2005 als freie Journalistin.
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2008








