Big Bands und Jazz-Orchester in Deutschland

Erst wurde getanzt, dann experimentiert. Big Bands und Jazz-Orchester in Deutschland haben eine wechselhafte Entwicklung durchlebt, sind aber vitaler denn je.
Jazz in seinen Anfängen war Unterhaltungsmusik und wurde auch als solche wahrgenommen. Während in Amerika Bandleader wie Duke Ellington und Fletcher Henderson sich in den 1920er-Jahren schrittweise vom frühen Ensemblesound der New-Orleans und Chicago-Schule lösten, waren es in Deutschland bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor allem Showorchester, die ihre Spuren im kulturellen Bewusstsein hinterließen.
Das Jahr 1945 markierte dann den Zusammenbruch repressiver Strukturen, aber auch einen Aufbruch in eine neue Ära der Big Bands. Während die Popularität der Tanzorchester ähnlich wie in Amerika nicht mehr das Vorkriegsniveau erreichte, führte das von den Alliierten eingeführte föderale System der Bundesrepublik zur Einrichtung regionaler Rundfunkanstalten und mit ihnen zur Gründung von Rundfunkorchestern. Da jeder Sender in den Besatzungszonen eigene Ensembles förderte, entstand die paradoxe Situation, dass sich in keinem anderen westeuropäischen Land der Nachkriegsjahre ähnlich viele professionelle Jazz-Orchester bildeten.
Die Radio-Big-Bands
Aus den Prototypen der Radio-Big-Bands entwickelten sich über die Jahre vier Ensembles, die bis heute aktiv das musikalische Leben mitgestalten: die Jazzorchester des Norddeutschen Rundfunks (NDR), Westdeutschen Rundfunks (WDR), Südwestrundfunks (SWR) und Hessischen Rundfunks (hr). Für die Szene sind sie in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung. Zum einen bieten sie einem Nukleus von versierten Musikern einen festen Arbeitsplatz und damit den finanziellen Hintergrund, um darüber hinaus auch weniger lukrative Projekte ins Leben zu rufen. Sie haben außerdem repräsentativen Charakter für die Sendeanstalten und bieten mit zahlreichen Aufnahmen und Projekten ein beliebtes Arbeitsfeld für nationale und internationale Gäste.
Ein paar Beispiele. Die Arbeit der NDR Big Band zeichnet sich durch besondere Kontinuität aus. Bis 1980 von Franz Thon, daraufhin von Dieter Glawischnig und seit 2008 von Jörg Achim Keller geleitet, konnten Aufnahmen mit Johnny Griffin und Chet Baker, Nils Landgren, Gary Burton oder auch Heinz Sauer verwirklicht werden. Zu den jüngsten Projekten gehören die The Martin Luther Suite – A Jazz Reformation (Music by Lucas Marcus Schmid, 2008), die Hommage an John Lennon In My Own Write (2010) mit Gast-Arrangeur Colin Towns oder auch 21 Spices (2011) mit Musik des indischen Tabla-Meisters Trilok Gurtu. Ähnlich künstlerisch umtriebig präsentiert sich die WDR Big Band. Nach Kurt Edelhagen wurde sie von Werner Müller, Jerry van Rooyen und Bill Dobbins geleitet und steht derzeit unter der Ägide von Michael Abene. Neben wichtigen Alben wie mit den Stockhausen-Brüdern, Paquito D’Rivera, Lalo Schifrin oder auch BAP-Chef Wolfgang Niedecken gewann die WDR Big Band sogar einen Grammy für die 2003 entstandene Aufnahme Some Skunk Funk mit den Brecker Brothers.
Die aus Erwin Lehns Südfunk-Tanzorchester hervorgegangene SDR Big Band wurde nach der Senderfusion Südwest 1992 zu SWR Big Band und hält unter wechselnder Leitung die Waage zwischen Jazz- und Unterhaltungsprojekten. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts wurde sie viermal für den Grammy nominiert und verwirklichte von der Kritik hoch gelobte Projekte wie die Aufnahme Bossarenova (2009) oder die Afrika-Hommage Shosholoza (2010). Die hr Big Band war zunächst als Tanzorchester des Hessischen Rundfunks unter Willy Berking der Unterhaltung verpflichtet, entwickelte sich aber seit den 1970er-Jahren mit Hilfe der Leiter Heinz Schönberger, Kurt Bong, Jörg Achim Keller und Örjan Fahlström (seit 2008) zum angesehenen Jazzorchester, das mit Projekten wie der Ellington-Hommage Money Jungle (2009) oder dem Brasilien Album It's Only Love (2010) mit Stargast Tania Maria von sich reden machte.
Experimente und Pädagogik
Seit den 1960er-Jahren gestaltete sich die freie Orchesterszene in vielfältiger Weise. Die Free-Ära fand ihre Big-Band-Protagonisten in dem Pianist Alexander von Schlippenbach, der im Anschluss an das New Jazz Meeting in Baden-Baden 1965 das bis heute bestehende Globe Unity Orchestra gründete. In diese Phase der Neuorientierung gehören auch die an rockmusikalischen Modellen orientierten Bands. Das von dem Pianisten Wolfgang Dauner 1975 gegründete United Jazz & Rock Ensemble verstand sich als international besetzte Spielwiese starker Stilcharaktere und Peter Herbolzheimers Rhythm Combination & Brass trug diesen Geist der Grenzüberschreitung auch in das deutschen Fernsehen, zunächst mit der ZDF-Serie The Jazz Concert Gala (1976), dann aber auch als Orchester für verschiedene Showformate wie die Serie Bio’s Bahnhof.
Mit Peter Herbolzheimer schließt sich der Kreis zur Pädagogik. Denn aus der Erkenntnis heraus, dass Big Bands die beste Schule für angehende Profis darstellen, gründete er 1987 im Rahmen des Deutschen Musikrates das Bundesjugendjazzorchester, das er daraufhin bis 2006 leitete. Es wurde das zentrale Förderorgan für den deutschen Jazznachwuchs, brachte unter anderem Talente wie Till Brönner, Hennig Sieverts oder Peter Weniger auf den Weg und wurde zum Modell zahlreicher Landesjugendjazzorchester, die das Prinzip der Förderung durch Praxis auf regionaler Ebene ergänzen.
Junge Ensembles
Während des vergangenen Jahrzehnts sorgten die Ausweitung der Jazzpädagogik und der internationale Trend zur Traditionspflege dafür, dass die Akzeptanz von Big Bands stetig zunahm. Heute gibt es viele Orchester mit jungen Musikern an Gymnasien, Musikschulen und Hochschulen. Workshops von Burghausen bis Berlin und ganze Veranstaltungsreihen wie etwa die Big Band Night jeden Montag im renommierten Münchner Jazzclub Unterfahrt widmen sich nachhaltig dem orchestralen Jazz in seinen Spielformen.
Junge Bandleader nützen diesen Trend für Klangexperimente wie Nicolai Thärichen mit seiner Mini-Big-Band Thärichens Tentett (Farewell Songs, 2009) oder der WDR-Jazzpreisträger Stefan Schultze mit seinem Large Ensemble (Run, 2011). Bereits seit 1994 ist das in Nürnberg gegründete Sunday Night Orchestra aktiv und beschäftigt sich auch mit der Musik einheimischer Komponisten wie etwa des Pianisten Peter Fulda (Moaning Songs, 2011). Jedes Jahr im Sommer wird für das gleichnamige Festival das Jazz Baltica Ensemble zusammengestellt, das Programme mit internationalen Gästen, aber auch mit deutschen Musikern wie dem Bassisten Martin Wind erarbeitet hat (Theresia, 2011).
Galt die Big Band noch in den 1990er-Jahren als antiquierte Form der Jazzhistorie, so ist sie heute wieder ein wichtiger und produktiver Bestandteil des musikalischen Lebens bis hin zu populären Erfolgsprojekten um Sänger wie den Swing-Crooner Roger Cicero oder den Nostalgie-Fan Max Raabe.
Musikjournalist und Buchautor, schreibt regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online, zahlreiche Fachmagazine und arbeitet für den Bayerischen Rundfunk.
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April 2011
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Links zum Thema
- Jazz in Deutschland bis 1945 (goethe.de)


- Jazz im Rundfunk (goethe.de)


- Jazz lernen (goethe.de)


- BuJazzO, Das Jugendjazzorchester der Bundesrepublik Deutschland


- Landes Jugend Jazz Orchester Hessen

- Landesjugendjazzorchester Bayern

- Jugendjazzorchester Baden-Württemberg

- JugendJazzOrchester Nordrhein-Westfalen

- LandesJugendJazzOrchester Schleswig-Holstein

- LandesJugendJazzOrchester Brandenburg

- Bigbands



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