Natürlich künstlich – Soundflirts der Electro-Szene

Die Generation Laptop entdeckt das Instrument. Mit Bands wie Brand Brauer Frick geht die elektronische Musik in eine neue Runde der Klangerforschung. Virtuelles trifft auf Analoges und bildet neue Nischen urbaner Klangkultur.
Das Berghain hat schon allerhand erlebt. Wilde Partys und kräftig klopfende Beats, die berühmtesten DJs und Touristen aus aller Welt. Aber das hatte das Berghain dann doch noch nicht gesehen: ein kleines Orchester, Notenständer inklusive, das sich aber anhörte wie das, was wohl auch ein guter, altgedienter Techno-DJ auflegen würde. Denn im vergangenen Mai beehrten Brandt Brauer Frick mit ihrem Ensemble Berlins berühmtesten Club. Zehn Musiker, die Musik zupfen, blasen und streichen, die sonst in elektronischen Schaltkreisen entsteht. House und Techno aus dem Orchestergraben, und selbst das Wumms des Basses, das Rückgrat eines jeden guten Tracks, kam nicht aus dem Drum-Computer – sondern aus dem Trichter einer Tuba.Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick kommen aus Jazz und Klassik, letzterer hat Komposition studiert. Ihre Idee, elektronische Musik mit klassischem Instrumentarium nachzustellen, ist für die einen eine Sackgasse, für manche kaum mehr als ein Scherz, gehört für andere aber zu den spannendsten musikalischen Experimenten unserer Zeit. Das ist einerseits momentan ziemlich einmalig, zugleich aber ein Symptom für ein interessantes Phänomen. Denn so unterschiedlich die einzelnen Beispiele sein mögen, zu beobachten ist: Seit einiger Zeit bricht sich in der elektronischen Musik, die doch einst glaubte, auf gewöhnliche Instrumente gänzlich verzichten zu können, immer öfter eine Sehnsucht nach der akustischen Klangerzeugung Bahn.
The Brandt Brauer Frick Ensemble (live), Quelle Youtube/www.brandtbrauerfrick.de
Der veränderte Blick
So feiert der studierte Pianist Francesco Tristano immense Erfolge als Grenzgänger zwischen Club und Klassik. Der junge Luxemburger bespielt Philharmonie und Discothek gleichermaßen, interpretiert Bach und besucht Techno-Pionier Carl Craig in Detroit. Beim letzten Sónar-Festival in Barcelona, der wichtigsten Leistungsschau der elektronischen Musik in Europa, wurde in diesem Juni eine Aufführung von Werken von Steve Reich zum Höhepunkt: Wo sonst Turntables und Laptops dominieren, standen nun ein Flügel und Vibrafone im Mittelpunkt.
Doch wieder einmal ist es das als Zentrum der elektronischen Musik etablierte Berlin, das solche Ideen am konsequentesten zu Ende denkt. Nicht nur Brandt Brauer Frick stammen aus der deutschen Hauptstadt. Hier steht nicht nur das Berghain, in dem schon mal drei Tage lang unter dem Titel „Club Contemporary Classical“ nach Gemeinsamkeiten zwischen Dancefloor und Konzertsaal geforscht wird. Sondern hier befindet sich mit dem „Radialsystem V“ auch der Ort weltweit, in dem noch vorhandene Grenzen zwischen Genres und Kunstformen wohl am systematischen aufgelöst werden.
Der Berliner Produzent Hendrik Weber ist es, der unter seinem Pseudonym „Pantha du Prince“ die Sehnsucht nach dem organisch entstandenen Klang so weit treibt, dass er für sein letztes, von der Kritik gefeiertes Album Black Noise nur mehr Soundsamples verwendet hat, die er in den Schweizer Bergen aufgenommen hat. In Berlin lebt auch Ari Benjamin Meyers. Der New Yorker ist studierter Dirigent, Pianist und Komponist. Mit seinem Redux Orchestra, einer Kombination aus Rockband und Kammerorchester, fusioniert er das Klangbild der Klassik mit der Dynamik der Rockmusik und Strukturen aus der elektronischen Club-Musik. Das Laptoporchester Berlin wiederum geht den umgekehrten Weg: Es übersetzt Werke moderner Komponisten in die digitale Welt, so wird das Notebook wiederum zum klassischen Instrument.
Live und Sampling
Natürlich hat sich die elektronische Musik spätestens seit der Erfindung des Samplers aus der gesamten Musikgeschichte bedient, aber die ausdrückliche Faszination mit dem analogen Klangbild scheint doch immer größer zu werden. Ein wichtiger Grund dafür ist die stetig steigende Bedeutung des Live-Geschäfts. Seit Musik umfassend in digitalisierter Form verfügbar ist, befinden sich die Umsätze mit physischen Tonträgern im Sturzflug. Das betrifft mittlerweile nicht mehr nur das klassische Pop-, Rock- oder Jazz-Album. Seit immer mehr DJs die gute alte Maxi-Single im Schrank lassen und mit auf Laptops gespeicherten MP3s die Clubs zum Kochen bringen, leiden darunter auch Produzenten elektronischer Dance-Musik.
Ist aber mit Platten kaum noch Geld zu verdienen, kann ein Künstler oft nur mehr von seiner Musik leben, indem er sie auf der Bühne aufführt. Hier hatte die elektronische Musik schon immer Nachteile, nicht zuletzt optische: Ein paar Nerds, die alle paar Minuten auf die Taste eines Laptops drücken, sind selbst im digitalen Zeitalter ein entschieden weniger aufregender Anblick als Musiker, die schwitzend ihre Instrumente bearbeiten.
Diesen Nachteil haben die Elektro-Pioniere Kraftwerk einst versucht auszugleichen, indem sie sich mit geheimnisvoller Aura umgaben und auf der Bühne als Roboter inszenierten. Die heutige Generation geht eher den entgegengesetzten Weg: Der Berliner Produzent Sascha Ring beispielsweise, der unter dem Namen Apparat sich einen Ruf als Konstrukteur von fantasievollen Klanglandschaften erworben hat, rekrutierte eine Live-Band, die seine am Computer entworfenen Kompositionen auf der Bühne nicht nur nachstellt, sondern mit den Mitteln einer Indie-Rockband neu interpretiert. Dazu hat Ring sogar mit dem Singen begonnen.
Solche Entwicklungen sind in der global vernetzten DJ- und Produzentenszene natürlich nicht auf Berlin oder Deutschland beschränkt. Ganz ähnlich wie Apparat erfährt der dänische Produzent Anders Trentemøller: Seine Kompositionen sind komplex, schöpfen aus Klassik wie Clubkultur, und sind kaum denkbar ohne die schier endlosen Möglichkeiten, die ein Computer bietet. Aber wenn Trentemøller auf Tour geht, lässt er seine digitalen Sinfonien von Gitarre, Bass und Schlagzeug unterstützen. Denn auf die Kraft analoger Instrumente glaubt selbst ein gelernter DJ nicht mehr verzichten zu können.
arbeitet als freier Autor in Berlin und schreibt über Musik und Baseball für die taz, die Zeit und andere Medien.
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Oktober 2011
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Links zum Thema
- Deutsches Musikinformationszentrum des Deutschen Musikrates


- Die Band Brand Brauer Frick

- Website des Produzenten und Musikers Hendrik Weber

- Die Band Apparat

- Der Pianist Francesco Tristano

- Website des Dirigenten, Pianisten und Komponisten Ari Benjamin Meyers

- Der Berliner Club Berghain

- Berghain – zwischen Techno-Exzessen und staatlich subventionierter Clubkultur (goethe.de)




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