Europa

Zwischen Mitmach- und Hochkultur – das Ruhrgebiet ist europäische Kulturhauptstadt 2010

Logo „Ruhr 2010“Logo „Ruhr 2010“Wohnen im Problemviertel, Skat-Spielen auf der Autobahn, schwebende Ballons über alten Zechen, aber auch neue Museen und ein Hans-Werner-Henze-Werkzyklus – damit will Ruhr 2010 erfüllen, was die EU von einer europäischen Kulturhauptstadt erwartet.

Ein Jahr lang mietfrei wohnen am Borsigplatz, dem Problemviertel in der Dortmunder Nordstadt, – auch das ist ein Teil von Ruhr 2010. Konzeptkünstler Jochen Gerz hat sich das Projekt 2-3 Straßen ausgedacht. Es richtet sich an „Menschen, die dringend eine Wohnung oder auch dringend ein Gedicht suchen“, so Gerz. 1.400 Menschen aus der ganzen Welt bewarben sich, 78 von ihnen wurden ausgewählt. Unter ihnen sind Schriftsteller, Tänzer, Übersetzer, Wissenschaftler und Studenten. Wichtig war, dass sie neugierig sind auf Veränderungen, mit den Bewohnern in Kontakt kommen möchten und täglich über ihre Erfahrungen schreiben. Daraus soll am Ende des Jahres ein Buch entstehen. Diese sozialen Skulpturen befinden sich in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr in Problemvierteln, die man heute „Stadtviertel mit besonderem Erneuerungsbedarf“ nennt.

Wohnen im Ruhrgebiet (Projekt 2-3 Straßen); Foto: Sabitha SaulEinen Erneuerungsbedarf der ganz anderen Art gibt es im Ruhrgebiet bei einigen Museen. Das Folkwang-Museum in Essen wurde vom britischen Star-Architekten David Chipperfield neu gestaltet. Dafür hat Berthold Beitz von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung“ 55 Millionen Euro gespendet. Ebenfalls neu ist das Ruhrmuseum auf dem Gelände der Zeche Zollverein. Es eröffnete im Januar 2010 und wurde nach Angaben von Ruhr 2010 im ersten Monat von 50.000 Menschen besucht. Zum Teil waren die Museumsneubauten im Ruhrgebiet schon lange geplant, wie das Kunstquartier Hagen mit dem neuen Emil-Schumacher-Museum. Ende August 2009 eröffnet, wurde es zum „Prolog“ von Ruhr 2010. „Es gibt vieles, das nicht von ungefähr gerade jetzt passiert“, meint Ruhr-2010-Sprecher Marc Oliver Hänig. „Wir sind der Impuls“, sagt er selbstbewusst zu den Veränderungen, die durch das Kulturhauptstadt-Jahr einen wesentlichen Schub bekommen haben.

Drei Kulturhauptstädte: Ruhrgebiet, Istanbul und Pécs

Blick in die neue Dauerausstellung des Ruhrmuseums, Foto: Manfred VollmerEssen hat sich mit 52 weiteren Städten und Gemeinden des Ruhrgebiets zu Ruhr 2010 zusammengeschlossen. Es ist die dritte deutsche Kulturhauptstadt nach Weimar (1999) und West-Berlin (1988) in der 25-jährigen Geschichte dieser EU-Institution. Die Europäische Union legt per Rotationsverfahren das Land fest, in dem es eine Kulturhauptstadt geben soll. Dort findet ein nationales Auswahlverfahren statt, an dessen Ende zwei Vorschläge für Brüssel stehen – die EU soll ja auch noch etwas zu entscheiden haben. In Deutschland hatten sich 17 Städte beworben, Ende 2005 wurden der EU die Kandidaten Essen und Görlitz gemeldet. Im Frühjahr 2006 fiel dann die Entscheidung für Essen beziehungsweise Ruhr 2010.

Anfangs lautete der offizielle EU-Titel „Kulturstadt“, seit 1999 jedoch „Kulturhauptstadt“, was eigentlich impliziert, dass es nur eine geben kann. Aber mit der gewachsenen Europäischen Union nach dem Zusammenbruch des Ostblocks entstand die Notwendigkeit, die neuen Mitglieder schneller einzubinden. Zudem steht der Titel auch Nicht-Mitgliedern beziehungsweise Beitrittskandidaten offen. Darum gibt es 2010 auch noch die Kulturhauptstädte Pécs in Ungarn (Mitglied seit 2004) und Istanbul in der Türkei (Beitrittskandidat seit 1999). Für die deutsche Kulturhauptstadt beträgt der Gesamtetat nach Auskunft der Ruhr 2010 GmbH rund 65 Millionen Euro. Davon entfallen jeweils 12 Millionen auf das Bundesland Nordrhein-Westfalen und den Regionalverband Ruhr, 6 Millionen auf die Stadt Essen, 1,5 Millionen auf die Europäische Union und der Löwenanteil von rund 17 Millionen wurde von Sponsoren aufgebracht.

Kultur für alle

Schachtzeichen: Der Aufstieg des Testballons wird vorbereitet; Foto: Ingo OttDie EU fordert von den Kulturhauptstädten: „Die Bürger müssen in die Veranstaltung einbezogen werden.“ Dazu gehört für die Organisatoren von Ruhr 2010 unter anderem das Projekt Still-Leben Ruhrschnellweg auf der Autobahn 40. Ruhrschnellweg heißt die zentrale Verkehrsachse, die das Ruhrgebiet von West nach Ost durchquert. Ruhrschleichweg nennen sie die Autofahrer, wenn sie im Stau stehen. Am 18. Juli 2010 wird die A40 für Autos gesperrt und 20.000 Tische auf einer Länge von 60 Kilometern aufgebaut. Statt eines schlichten Picknicks soll an dieser Riesentafel Kultur im weitesten Sinne geboten werden: Das Spektrum der Teilnehmer reicht vom Skat-Club über die katholischen Pfadfinder bis zum Taubenzüchterverein. Wegen des großen Interesses werden die Plätze verlost.

„Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“, so lautet das Motto von Ruhr 2010. Wie stark der Strukturwandel der letzten Jahrzehnte das ehemalige Kohleland verändert hat, soll das Projekt Schachtzeichen zeigen. „Es gibt rund 900 Bergbauschächte, die teilweise kaum erschließbar sind“, sagt Ruhr-2010-Sprecher Hänig. An 350 von ihnen werden im Mai riesige, gelbe Heliumballons befestigt, die 80 Meter über der Erde schweben. Von sieben Hochpunkten aus, wie dem Gasometer in Oberhausen oder dem Bottroper Tetraeder, können Besucher dann die alten Industriestandorte in der heutigen Landschaft sehen.

Hans Werner Henze in der Jahrhunderthalle Bochum, Foto: RUHR.2010/ Ursula KaufmannAber auch hochkulturelle Kost im klassischen Sinne steht auf dem Programm, wie der groß angelegte Werkzyklus des Komponisten Hans-Werner Henze. Seine Veranstaltungen sind nach Auskunft der Ruhr 2010 GmbH „größtenteils ausverkauft.“ Doch diese einmaligen Erfolge reichen der Europäischen Union nicht aus. Sie fordert von ihren Kulturhauptstädten: „Das Programm muss nachhaltig Wirkung zeigen und zur langfristigen kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Stadt beitragen“. Wie nachhaltig die rund 300 Projekte und 2.500 Veranstaltungen von Ruhr 2010 sind, wird sich in einigen Jahren zeigen – unter anderem in Dortmund am Borsigplatz.

Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

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Februar 2010

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