Urban Intervention Award Berlin 2010 – „eine andere Form der Stadt vermitteln“

Zu einer Architektur, die den Lebensraum der Menschen nachhaltig positiv verändert, gehören gestalterische Qualität und ästhetische Kraft, Mut und Ideen für neue Sichtweisen, eine integrative Planung, die Vorschläge und Bedürfnisse der Nutzer mit einbezieht, und nicht zuletzt Investoren und Bauherren, die diese Konzepte mittragen.
Der neue Berliner Architekturpreis „Urban Intervention Award“ zeichnet solche kreativen urbanen Orte mit Vorbildcharakter aus, die „wie Kristallisationspunkte in die Stadt hineinwirken“. Im November 2010 wurde der von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ausgelobte Preis zum ersten Mal vergeben. Aus 60 eingereichten Beiträgen aus ganz Europa wählte die Jury in den beiden Kategorien gebaute Projekte (Built) und zeitlich begrenzte Interventionen (Temporary) je einen Preisträger und vier Nominierte.
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Urbane Laboratorien
Temporäre Projekte sind wie ein urbanes Laboratorium. Als soziale Intervention und mit radikal neuen Sichtweisen auf problematische Orte können sie Anstöße für einen Wandlungsprozess geben. Ein Beispiel dafür ist auch das Projekt Eichbaumoper des Berliner Büros raumlabor, das mit einer Nominierung in der Kategorie „Temporary“ gewürdigt wurde. Die Haltestelle Eichbaum an der U-Bahnlinie zwischen Essen und Mülheim an der Ruhr liegt direkt an der Autobahn A40 – ein klassischer Angstraum. raumlabor setzte auf eine große Vision und machte Eichbaum zur Oper: Die Station wurde zum Ort der Kommunikation, an dem die Architekten zusammen mit Komponisten, Librettisten, Dramaturgen und Anwohnern die dreiteilige Eichbaumoper entwickelten, die im Juni 2009 Premiere hatte.
In Zeiten des Klimawandels spielen nachhaltige, energieeffiziente Bauweisen eine entscheidende Rolle. Das komplett aus Recyclingmaterial erbaute Jellyfish-Theater der Architekten Folke Köbberling und Martin Kaltwasser, Bestandteil des Londoner Architekturfestivals 2010, erhielt ebenfalls eine Nominierung in der Sparte „Temporary“. Das (inzwischen abgerissene) „Jellyfish“ wurde zusammen mit Freiwilligen errichtet und war einen Sommer lang Schauplatz zeitgenössischer Theateraufführungen. Wie die Eichbaumoper ist auch das Jellyfish-Theater ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die Grenzen zwischen den Disziplinen Architektur, Kunst, Theater und sozialer Intervention immer durchlässiger werden.
Stadterneuerung
„Architektur sollte dazu beitragen, eine andere Form der Stadt zu vermitteln, in der sich Menschen wohlfühlen, ohne die Gründe dafür kennen zu müssen“, sagt der Architekt Martín Lejarraga. Die von ihm entworfene Bibliothek und der Park des Lesens in der südostspanischen Stadt Torre Pacheco wurden mit dem ersten Preis des Urban Intervention Award in der Kategorie „Built“ ausgezeichnet. Lejarragas Projekt, Auftakt für ein großes Stadterneuerungsvorhaben, stellt für das zersiedelte Gebiet einen neuen, integrativen Mittelpunkt dar. Ausgangspunkt der Bibliotheksanlage ist eine Topografie, die sich wie eine Landschaft in das Gesamtareal einfügt. Die verschiedenen Ebenen und Geschosse erschließen sich dem Besucher über eine zentral angeordnete Rampe, die gleichzeitig Bestandteil des Innenhofs ist – Landschaft und Architektur verschmelzen. Neben der Bibliothek und dem Park gehören auch eine Schule, eine Bushaltestelle und Sportanlagen zum Projekt.
Reprogrammierung eines problematischen Stadtraums
Nicht nur Neubauten, auch Um- und Neunutzungen zählen zum vielschichtigen Spektrum städtischen Bauens. Den niederländischen NL-Architects ist in der Gemeinde Zaanstad die Reprogrammierung eines problematischen Stadtraumes gelungen. Für ihr Projekt erhielten sie eine Nominierung in der Kategorie „Built“. Seit Anfang der 1970er-Jahre überquert die Autobahn A8 auf sieben Meter hohen Pfeilern den Fluss Zaan und zerschneidet die Stadt Zaanstad in der Nähe von Amsterdam. Ausgangspunkt der Umgestaltung waren die Vorschläge der Anwohner und ein neuer Blick auf den außergewöhnlichen Platz unter der Straße: Er wurde nicht mehr als Fehlplanung, sondern als Möglichkeit gesehen. Aus einer räumlichen Barriere wurde so eine vernetzende Struktur. Heute befinden sich unter der Straße eine „Rampenlandschaft“ genannte Skate-Anlage, ein Spielplatz, eine Breakdance-Bühne, Fußball- und Basketballfelder, Supermarkt, Blumen- und Fischladen und ein Minijachthafen. Die beiden Seiten der Stadt sind wieder miteinander verbunden, der Raum unterhalb der Straße ist ein lebendiger urbaner Ort.
Dauerhafte Wirkung
Wie eine temporäre Installation im Stadtraum dauerhafte Wirkung entfalten kann, zeigt das Projekt „Lesezeichen Salbke“ von Karo-Architekten, nominiert in der Kategorie „Built“.
Im Magdeburger Stadtteil Salbke, dessen Ortsmitte zu 80 Prozent leer steht, hatten die Architekten 2005 für ein Wochenende eine temporäre Freiluftbibliothek mit gespendeten Büchern eingerichtet. Die improvisierte Bürgerbibliothek bewährte sich derart, dass sie inzwischen zu einer dauerhaften Open Air-Einrichtung weiterentwickelt wurde. 2009 erhielt der ständig wachsende Bücherbestand eine dauerhafte Bleibe, das Bibliotheksgebäude besteht aus einer recycelten Kaufhausfassade aus Hamm in Westfalen.
Der Urban Intervention Award soll, so die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, künftig regelmäßig verliehen werden und „Motivation und Veranschaulichung“ für eine geplante dritte Internationale Bauausstellung in Berlin sein. Zu hoffen ist, dass in Zukunft mehr von der kreativen Energie und der experimentellen Kraft, für die junge Architekten in der Kategorie „Temporary“ ausgezeichnet wurden, auch in große, dauerhafte Bauvorhaben einfließen wird.
ist freie Journalistin in Berlin.
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Dezember 2010
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