Design und Mode

Moritz Waldemeyer – an der Schnittstelle zwischen Design, Mode, Kunst und Technik

Moritz Waldemeyer; Copyright: Moritz Waldemeyer

Lüster Lolita für Ron Arad, Swarovski Crystal Palace 2004; Copyright:  Swarovski Crystal Palace


Erst Lüster, dann Möbel, jetzt Lichtskulpturen und Bühnenoutfits: Dank seines Erfindergeistes ist Moritz Waldemeyer eine Schlüsselfigur in der Designwelt. Er arbeitet mit Elektronik, LEDs und Licht und ist nahezu konkurrenzlos in seiner Disziplin.

In einer Industriehalle am Rande der Mailänder Innenstadt hängen vierzehn gewaltige Kristalllüster von den Decken. Sie erinnern an Teppiche, Stühle, Kokons oder Wolken. Nur einer sticht heraus: Seine Gestalt gleicht der eines klassischen Kronleuchters – und gerade vor ihm verweilen die Besucher. Sie zücken ihre Mobiltelefone und schreiben Textnachrichten via SMS. Nicht an Freunde oder Bekannte, sondern an den Lüster selbst. Denn dieser verfügt über eine eigene Mobilnummer. Die an ihn gesendeten Nachrichten werden über 1.050 Computer-gesteuerte Leuchtdioden (LEDs) visualisiert, die in seine kristallene Oberfläche integriert sind.

Die Idee zu diesem Kristalllüster mit dem Namen „Lolita“ hatte der in London lebende israelische Designer Ron Arad; umgesetzt wurde sie von dem Deutschen Moritz Waldemeyer. Gemeinsam realisierten sie ein Projekt, das während der Mailänder Möbelmesse 2004 zur Hauptattraktion der Ausstellung „Swarovski Crystal Palace“ avancierte – dem damals 30 Jahre alten Mechatroniker Waldemeyer verhalf sie zum Durchbruch.

„Die Mechatronik ist eine Kombination aus der Mechanik und der Elektronik“, erklärt er. „Es ist zwar ein relativ neues Fach, aber fast alles, was wir heute nutzen, ist automatisiert – von der Waschmaschine bis zu den elektronischen Fenstern eines Autos.“
Küche Z Island mit Zaha Hadid für DuPont Corian, 2006; Copyright:  DuPont Corian

Lüster Voyage für Yves Béhar, Swarovski Crystal Palace 2005; Copyright: Swarovski Crystal Palace

Installation Light becomes Form, Mercedes Benz, 2010; Copyright: Moritz Waldemeyer

Pong Table, 2006; Copyright: Rabih Hage Gallery

Erfolgreiche Kollaborationen
Moritz Waldemeyer zog mit 21 Jahren von Halle nach London, um Betriebswirtschaft zu studieren. Während eines Praktikums erkennt er sein Interesse an der Robotertechnik und wechselt zur Mechatronik. Nach seinem Master 2001 am Kings College arbeitet er zunächst in der Forschungsabteilung des Elektronikkonzerns Philips, bevor er sich 2004 selbständig macht.

Er entwickelt weitere Kristalllüster für die Kollektion „Swarovski Crystal Palace“ – unter anderem „Miss Haze“, ebenfalls für Ron Arad, und „Voyage“ für den in San Francisco ansässigen Designer Yves Béhar. Dieser Lüster hat die Größe eines Kleinwagens und hängt heute im New Yorker John F. Kennedy-Flughafen. Er umfasst 52.000 Kristalle sowie 2.000 LEDs, die durch einen Bewegungssensor die Regungen der Reisenden wiedergeben.
Tischtennis ohne Schläger und Ball
Auch andere Unternehmen werden auf Moritz Waldemeyer aufmerksam. 2006 beauftragt ihn der Chemiegigant DuPont, gemeinsam mit der Architektin Zaha Hadid einen interaktiven Küchenblock aus Corian zu gestalten. Der Verbundwerkstoff – ein acrylgebundenes, massives Oberflächenmaterial – fasziniert Waldemeyer. Er experimentiert weiter mit dem Material und entwirft erstmals eigene Möbel. Seine Version eines futuristischen Spiegels zum Beispiel besteht aus einer mit einer Miniaturkamera und LEDs ausgestatteten Corian-Platte, die eine gepixelte Reflektion ihres Gegenübers projiziert. Der Tisch „Pong“ ist eine Interpretation des klassischen Tischtennistisches: Dank 2.500 LEDs und des in die Oberfläche integrierten Videospiels „Pong“ kann darauf ohne Schläger und Ball gespielt werden.

s/s 2007 Airborne für Hussein Chalayan; Copyright: Moritz Waldemeyer

s/s 2007 Airborne für Hussein Chalayan; Copyright: Moritz Waldemeyer

Im selben Jahr bestückt Waldemeyer im Auftrag des in London lebenden zypriotischen Modeschöpfers Hussein Chalayan die Kollektion „One hundred and eleven“. Er integriert einen Roboter mit Motoren in fünf Kleider. Der Roboter versetzt die Kleider in Bewegung, zieht ihre Oberflächen zur Seite und lässt sie kürzer wirken. Es folgen zwei weitere Projekte mit Chalayan. Zunächst die Kollektion „Airborne“, Kleidungsstücke, auf deren Oberfläche über 15.000 LED-Lämpchen Videos gezeigt werden können. Später dann „Readings“: Kleider, von denen 200 rot leuchtende Laserstrahlen ausgehen, die ihre Trägerin in Feuerwerke verwandeln.
Kreativer Freiraum durch neue Technologien
„Mich reizt die Kombination verschiedener kreativer Felder – Technologie mit Fotografie, Mode, Architektur und Kunst. Dadurch können Innovationen innerhalb von Disziplinen entstehen, die beginnen, sich in ihrer puren, klassischen Form zu wiederholen“, sagt Waldemeyer. „Seit Jahrhunderten arbeitet die Mode mit nur zwei Komponenten: dem Stoff und der menschlichen Anatomie. Plötzlich kommt eine dritte dazu: die Elektronik.“

Ein Erfolg bringt den nächsten mit sich. Waldemeyer wird von Musikern wie Bono, Kylie Minogue oder Black Eyed Peas kontaktiert, die bei ihm funkelnde Bühnenoutfits in Auftrag geben.
Laser-Jacke für Bono; Copyright: U2

Fahrrad Joyrider, 2008; Copyright: Moritz Waldemeyer

s/s 2008 Readings für Hussein Chalayan; Copyright: Moritz Waldemeyer

Automobilkonzerne wie Audi oder Mercedes Benz beauftragen ihn, dreidimensionale Lichtskulpturen zu schaffen, die ihre LED-Scheinwerfertechnologien in Szene setzen.

„Für mich ist das Licht das Material, mit dem ich arbeite. Ein Maler arbeitet mit Farbe und einer Leinwand, und ich arbeite mit Elektronik, LEDs und Licht“, sagt er. „Ich bin in einer Künstlerfamilie aufgewachsen, das heißt, die Kunst ist mir oder war mir nicht fremd. Ich habe nur eine Weile gebraucht, zu verstehen, dass ich das auch gerne machen möchte.“



Katharina Horstmann
ist Designkuratorin sowie Journalistin und Autorin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel?
Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Links zum Thema

Facebook

für Information über unsere kulturellen Aktivitäten!

Weitere europäische Kulturinstitute

in Mexiko-Stadt finden Sie hier!

Künste in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Wegweiser zum deutschen Film

Anschriften, Festivals,
Kinematheken, Literaturhinweise