Schlingensiefs Erbe

Christoph Schlingensief (24.10.1960–21.08.2010) hinterlässt ein umfangreiches Werk, von dem noch viel zu sehen und zu hören sein wird.
Als im November 2010 die Berliner Volksbühne zu einem erstaunlich unpathetischen Gedenken 3000 lud, konnte man sich noch einmal einen Abend lang vor Augen und Ohren führen, welch umfangreiches und vielgestaltiges Werk Christoph Schlingensief in den letzten dreißig Jahren geschaffen hat. Rund um eine mit Mitbringseln gefüllte Abendmahlstafel dokumentierten Fotowände seine zahlreichen Theaterprojekte und Aktionen, über Bildschirme zuckte das filmische Werk, von den frühen Experimentalkurzfilmen über die parodistischen TV-Formate bis zu den eher installativen Großprojekten wie African Twin Towers. Künstlerkollegen und Mitarbeiter tauschten Erinnerungen aus oder lasen Unveröffentlichtes, etwa aus frühen Schulaufsätzen des Verstorbenen. Wagners Liebestod brandete noch einmal auf, und auch dem Tier- und Pornofilmer Schlingensief wurde im Treppenhaus ein Denkmal gesetzt.
Von Venedig bis Ougadougou
Dennoch: Schlingensief selbst fehlte, als Mensch und als Teil seiner Kunstwerke, und die Lücke, die er hinterlassen hat, schmerzte an diesem Abend besonders. Ein schwacher Trost ist, dass der bis zum Schluss auf seiner Autonomie beharrende Künstler seine eigene Beerdigung noch zu Lebzeiten mit Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir inszeniert hatte. Außerdem hinterlässt er ein imposantes, die verschiedensten Genres bespielendes Erbe. Seine Frau und zugleich engste Mitarbeiterin der letzten Jahre, die Kostümbildnerin Aino Laberenz, verwaltet es – mit Hilfe von Weggefährten und Beratern, darunter der Intendant des Berliner Theaters Hebbel am Ufer Matthias Lilienthal, der den Trashfilmer Schlingensief Anfang der 1990er-Jahre an die Volksbühne holte, der Berliner Künstleranwalt Peter Raue und viele andere. Auch das „Büro Schlingensief“ arbeitet weiter und betreut seine Seiten im Internet.
Schlingensief, den eine Lungenkrebserkrankung seit Anfang 2008 zwang, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen, hatte Teile seines Nachlasses bereits organisiert und zur Archivierung etwa der Berliner Akademie der Künste anvertraut. Bis kurz vor seinem Tod am 21. August 2010 steckte er voller Energie und versuchte, begonnene Projekte weiterzutreiben. Einige davon sollen in den kommenden Jahren noch realisiert werden: Allen voran das Operndorf in Afrika, Schlingensiefs letztes Herzensprojekt, aber auch die Gestaltung des deutschen Pavillons 2011 auf der Biennale in Venedig und autobiografische Schriften, die im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen sollen. Für den Biennale-Pavillon, erzählt Aino Laberenz, habe Schlingensief noch „voller grandioser Ideen“ gesteckt, und etwa ein „afrikanisches Wellnesscenter“ konzipiert, in dem man schwimmen kann, „bis man schwarz wird“. Da Schlingensief in seinen Projekten bis zum Schluss vieles offen gelassen und verändert habe, sollen diese Pläne jedoch nicht verwirklicht, sondern im Rahmen einer umfassenden Retrospektive zu seinen Arbeiten in Film, Theater und Bildender Kunst dokumentiert werden.
Wüter gegen den eigenen Tod
„Es ist mir wichtig, dass Christophs Gedanken lange leben und nicht in zwei Jahren verheizt werden“, sagt die junge Witwe. Manche Projekte brauchen auch einfach Zeit, etwa die über die große Entfernung schwer abstimmbaren Entwicklungen in Burkina Faso, wo das sogenannte „Operndorf Afrika“ entsteht. Noch im Juli 2010 hatte Schlingensief einen Baustopp verhängt, weil die Arbeiter vor Ort nicht ausreichend versichert waren. Ab Januar 2011 sollen die Schulgebäude in der Nähe von Ougadougou weitergebaut, im Oktober 2011 der erste Jahrgang eingeschult werden. Aino Laberenz rechnet damit, dass sich die Entwicklung des Dorfes, zu dem neben der Schule auch ein Krankenhaus und ein Theater gehören sollen, über viele Jahre erstrecken wird: „Christoph wollte schließlich, dass die Menschen diesen Ort zu ihrem eigenen Projekt machen.“ Die neue Website www.operndorf-afrika.com ist im Dezember 2010 online gegangen und informiert umfangreich über den Stand und die Pläne des Operndorfes.
Das Opernprojekt Metanoia, dessen Premiere am 3. Oktober 2010 in der neuen Staatsopernspielstätte Schillertheater Schlingensief nicht mehr erlebt hat, wird am 2. und 5. Juli 2011 noch einmal aufgeführt. Auch auf dem Theater werden noch zwei der Produktionen zu sehen sein, die der unermüdliche Schlingensief kurz vor seinem Tod herausgebracht hat: Seine letzte Inszenierung Via Intolleranza II (Uraufführung im Mai 2010, Kunstenfestivaldesarts, Brüssel) mit Künstlern aus Europa und Ouagadougou, dem örtlichen Umfeld des Operndorfes, die sich kritisch mit dem eigenen Engagement in Afrika auseinandersetzt, geht international auf Tournee. Und das Wiener Burgtheater plante für den 22. Januar 2011 eine Wiederaufnahme der Ready-Made-Oper Mea Culpa, dem Satyrstück, das 2009 auf das Oratorium Eine Kirche der Angst folgte. In beiden Inszenierungen hatte der Regisseur bewegende Auftritte als Wüter gegen den eigenen Tod. Auch wenn Video- und Tonmitschnitte aus den vorangegangenen Vorstellungen eingespielt werden, wird man spüren, wie sehr Christoph Schlingensief fehlt.
ist Journalistin und freie Redakteurin der Fachzeitschrift „Theater heute“.
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Dezember 2010
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