Bildende Kunst

Piktogramme der Globalisierung – Andreas Siekmann

Werk Andreas Siekmanns; © Foto: Uwe RiedelAusstellungsansicht; © Foto: Uwe Riedel

In seinem Werk beschäftigt sich Andreas Siekmann mit den Veränderungen der Gesellschaft, wie sie sich durch Globalisierung und Verschiebungen ökonomischer Verantwortlichkeiten vollziehen. Eine bedeutende Rolle spielen dabei die Ökonomisierung und Privatisierung des öffentlichen Raumes. Hierfür hat Siekmann eine unverwechselbare Methode entwickelt, mit der er die Ergebnisse akribischer Recherchen in eine eigenwillige und einprägsame Bildsprache umsetzt.

In seiner Ausstellung Verhandlungen unter Zeitdruck im Museum Abteiberg in Mönchengladbach (30. September bis 18. November 2012) geht der 1961 in Hamm geborene Siekmann der wirtschaftlichen Umstrukturierung der ehemaligen DDR nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 nach.

Werk Andreas Siekmanns; © Foto: Uwe RiedelDamals koordinierte und besorgte die Treuhandanstalt über vier Jahre die Umwandlung von volkseigenen Betrieben in private Kapitalgesellschaften. Das Verfahren wurde, wie es heißt, als „Faustpfand einer ökonomischen Konsolidierung“ betrachtet und versprach einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung.

Seit 2006 hat Siekmann diesen Prozess systematisch erforscht und dokumentiert nun die komplexen Vorgänge mit ihren positiven Auswirkungen und insbesondere ihren negativen, sprich: kriminellen Machenschaften.

Den „Kölner Progressiven“ verpflichtet

Bei seiner Arbeit bedient sich Siekmann ästhetisch der antisubjektiven Bildsprache des Piktogramms, die dem politischen Konstruktivismus der „Kölner Progressiven“ um Franz Wilhelm Seiwert aus den Zwanzigerjahren verpflichtet ist. Diese reduzierte und schematisierte Methode garantiert, reale Zahlen und Werte zwar summarisch, aber immerhin in Relation untereinander dokumentarisch festzuhalten.

Ausstellungsansicht; © Foto: Uwe RiedelObgleich Siekmann gänzlich auf farbige Kontraste verzichtet und sämtliche Statistiken und Schaubilder einzig in einem Signalrot darstellt, erzielt er eine erstaunliche Wirkung. Erleichternd wirkt sich für den Betrachter hierbei aus, dass Siekmann wenigstens zu unterschiedlichen grafischen Techniken wie Siebdruck, Inkjetprint, Scherenschnitt, Stoffbemalung und Aquarell greift.

Auch die Größenverhältnisse der schematisierten Embleme wechseln; da steht etwa eine kleine Figur stellvertretend für zigtausend entlassene Arbeiter, während eine große Aktentasche, von Hand zu Hand gereicht, Verkäufe prozentual festhält.

Ausstellungsansicht; © Foto: Uwe Riedel

Gefangen im ökonomischen Kreislauf

Gewissermaßen als Konzentrat fasst eine 21 Blatt starke „Partitur“ die gesamten Vorgänge zusammen, und im Zentrum der Schau in Mönchengladbach steht eine ovale, mechanische Drehbühne: ein Theatrum Mundi, das mit beweglichen Figuren auf Laufbändern anschaulich den unentrinnbaren Kreislauf ökonomischer Machtstrukturen und Geldströme vorführt. Vor der Kulisse mit Fotos fensterloser Berliner Bauten, den Schauplätzen der Treuhand, dreht sich die Bühne als Symbol des ökonomischen Welttheaters.

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet die von Industriellen getragene Sammlung Rheingold diese umfangreiche Aufklärungsarbeit von Andreas Siekmann angekauft hat: Sammler also, die selbst Teil dieses Marktmechanismus sind. 2012, zum Jubiläum des zehnjährigen Bestehens, präsentieren gleich vier Museen des Rheinlands weitere Schwerpunkte dieser hochkarätigen Kollektion.

Ausstellungsansicht; © Foto: Uwe Riedel

Das Karussell der „Exklusive“

Siekmanns Drehbühne hat einen Vorläufer in einem Karussell des Künstlers, das 2002 auf dem Place Royal in Brüssel erstmalig zu sehen war. In dem lustig anmutenden Kunstwerk umstellt ein Reigen lebensgroßer Holzfiguren nationale Standbilder von Monarchen, so auch – 2007 anlässlich der Documenta 12 – in Kassel den Landgrafen von Hessen-Kassel, Friedrich II. In jeder Stadt war es ein Standbild des dortigen Regenten.

Ausstellungsansicht; © Foto: Uwe RiedelDas Karussell ist Teil von Siekmanns fortlaufendem Kunstprojekt Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten und meint die von Siekmann so genannte Exklusive als vierte Gewalt neben der Exekutive, Judikative und Legislative: die Gruppe der Benachteiligten der globalen marktorientierten Gesellschaft, namentlich die Gruppe der Flüchtlinge, der in Sperrgebieten Aus- oder Eingeschlossenen, der Geringverdiener und Ausgebeuteten bei Rohstoffexporten.

In diesem Rahmen war 2012 innerhalb der Ausstellung Vor dem Gesetz im Kölner Museum Ludwig ein großes Konvolut von aus dem Internet gezogenen farbigen Ausdrucken auf Papier zu sehen, angereichert mit einigen raumgreifenden Schablonen. Die von Nichtregierungsorganisationen ins Netz gestellten Bilder brandmarken schwere Fälle von illegalem Handel, Amtsmissbrauch oder Folter, werden aber ihrerseits pervertiert wiederum zur Abschreckung eingesetzt.

Ausstellungsansicht; © Foto: Uwe Riedel

Zerquetschte City-Werbung

Siekmanns aufwendige Projekte sind teilweise textlastig, doch ist ihr enthüllender, provokanter Inhalt auch allein durch die lebendigen, inhaltsreichen Illustrationen verständlich. Dies gilt insbesondere für seinen frühen Beitrag zur Freiluftausstellung Sonsbeek 93 im niederländischen Arnhem, dem Platz der permanenten Neugestaltung. Hier hat Siekmann sieben verschiedene potenzielle Nutzer eines öffentlichen Platzes und deren Interessen in amüsanten, farbigen Zeichnungen benannt und provozierend in Schaukästen vorgeführt. In den fantasiereichen Darstellungen stieß etwa der „Platz der Gartenarbeit“ auf den der „Verschwender“, der Kinderspielplatz auf den eines gemeinschaftlichen Festplatzes.

In seinem Beitrag zur Ausstellung „Skulptur Projekte Münster“ 2007 schließlich hat Siekmann die grassierende Methode aufs Korn genommen, Künstler mit einheitlich gestalteten plastischen Figuren als Wahrzeichen einer Stadt Citywerbung im Dienst städtischer oder privater Investoren betreiben zu lassen. Siekmann hat diese dreidimensionalen Scheußlichkeiten aus verschiedenen Städten mit Szenen ökonomischer Transformation bemalt und anschließend in einem Presscontainer zerquetschen lassen. Zur dicken, prallen Kugel geformt und samt Container im barocken Erbdrostehof ausgestellt, erregte diese visuell gestaltete Kritik an der zunehmenden Einflussnahme diverser Interessensvertreter großes Aufsehen.

Ausstellungsansicht; © Foto: Uwe Riedel

Renate Puvogel
arbeitet als Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin in Aachen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2012

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