Im Gespräch mit ...

„Ich will viel mehr verbreiten als nur die Literatur, nämlich ... Lebensfreude!“ Interview mit Mario Noel Rodríguez

Wenn Mario über Literatur spricht, kann ich sein Herz ganz deutlich singen hören. Unsere Zusammenkunft ermöglicht es mir, seine Lebensgeschichte und seine Lebenseinstellung etwas besser kennenzulernen. Jeder von uns verknüpft in seinem Leben Geschichten, jeder hat eine Geschichte, die ihn prägt. Durch das Zuhören, lernen wir kennen, und das Kennenlernen ermöglicht uns Verbindungen herzustellen.

Mario, welche Rolle haben Bücher in deiner Kindheit gespielt?

Sie haben gar keine Rolle gespielt. Was aber eine bedeutende Rolle in meinen ersten Begegnungen mit Lektüre gespielt hat, das waren Comicheftchen. Ich war ein leidenschaftlicher Leser von Comicheftchen. Mein Vater kaufte mir 3 Hefte für einen Colón und 5 Centavos. Hefte über Sussy, die Familie Feuerstein, El Santo “El enmascarado de plata"... Damals war ich 7 oder 8 Jahre alt.

Diese Hefte haben meine Leidenschaft für die Literatur fundamental beeinflusst. Es ist das Bild, welches dich fesselt, aber dann gibt es da noch die Textblasen, die dich leiten. Anspruchslos. Viele bedeutende Autoren sagen: „ich habe schon als Kind Salgari gelesen". Nein, ich hatte keinen intellektuellen Anspruch, ich las Comichefte, das war meine Hausliteratur.

Erst in der Grundschule hat meine Lehrerin mich zum Lesen geführt. Ich erinnere mich, dass es Pflichtlektüren gab, aber solche, die leidenschaftslos waren, die man nur las, um einen Test zu bestehen oder eine Aufgabe zu erledigen. Aber sie sah etwas in mir und fing an mir Bücher aus der Bibliothek ihres Mannes mitzubringen. Der Mann meiner Lehrerin war Historiker. Also brachte sie mir Bücher und als ich sie gelesen hatte und ihr zurückgab, sagte sie zu mir: „Ich schenke sie dir".

Großartig war das, denn damit verwandelte sie mich in den besessenen Leser, der ich in den folgenden Jahren werden sollte. 1973 war ich von fast 500 Abiturienten der einzige aus meinem Jahrgang, der Literatur studierte.

Wie bist du zu deinem ersten Buch gekommen?

Es war der große Miguel Ángel Espino, der mich dazu führte... Mit einem poetischen Roman: Trenes (Züge). Es ist eine Liebesgeschichte, die poetisch erzählt wird. Ich habe in der Literatur dieses wunderschöne Universum gefunden, das ich in der Realität nicht fand. Die Literatur war ein zauberhaftes Refugium, das zum Kind fand. Als ich es öffnete und zu lesen anfing, verstand ich, dass dies meine Welt war. Und alles nur dank meiner Lehrerin, die in diesem jungen Burschen etwas Besonderes sah. Sie hat ein Licht in mir gesehen und ich habe dieses Licht in der Literatur gefunden. Jenes wunderbare Buch, das mir meine Lehrerin schenkte, hat mich in diese schöne Welt geführt.

Woran machst du ein gutes Buch fest?

Es muss dich fesseln, denn viele von uns Schriftstellern sind sehr intellektuell. Wir haben eine akademische Ausbildung, sind weit gereist und schaffen es trotzdem nicht immer, unsere Geschichten zu erzählen. Wir erzählen sie, weil wir das Bedürfnis haben, und vergessen dabei an den Leser zu denken. Ich glaube aber, dass das wichtig ist, um den Kommunikationskreis zu schließen. Du musst dem Leser Wege zeigen. Manche Autoren sind schwierig. Aber es gibt auch Autoren wie Llosa, Carlos Fuentes, Cortázar und El Gabo, die dir den Weg öffnen, damit du in deren wunderbares Universum gelangst. Der Autor muss dich fesseln, muss es schaffen, dir Wege zu öffnen, die dich in dieses Universum aus Papier bringen.

Mario, seit wann arbeitest du aktiv im Bereich der Leseförderung? Und was hat dich dazu gebracht dich dafür zu engagieren?

Schon immer, denn wir haben uns schon in der Universität darum bemüht, dass unsere Kommilitonen lesen. Es ist höchstseltsam, aber viele meiner Kommilitonen haben zwar ein Literaturstudium gewählt, aber nicht gerne gelesen. Viele haben Literatur studiert, um der Mathematik aus dem Weg zu gehen, aber so funktioniert es nun mal nicht. Ich jedoch habe hierin mein Steckenpferd entdeckt. Es ist meine Leidenschaft. Mein Vater wollte, dass ich zum Militär gehe. Ich hätte mich im ersten Jahr umgebracht. Als ich ihm sagte, ich würde Literatur studieren, antwortete er mir: „Und was soll das sein?". Ich sah ihn fest an und sagte: „Papa, ich weiß nicht wie es erklären soll, aber ich will Poet werden."

Das ist eine große Herausforderung gewesen, denn mein Vater ging nur ein Jahr lang zur Schule und meine Mutter sagte zu mir: „Nein. Sonst werde ich so verrückt wie du", als ich ihr sagte sie müsse lernen zu lesen und zu schreiben. Ich habe ihnen später alle meine Preise gewidmet. Ihnen, die nie lesen lernten. Du kannst dir die Herausforderung vorstellen. Ich war der erste in meinem Haus, der Bücher benutzte, sie schrieb und Preise dafür gewann. Bei meinen Kindern ist das anders. Sie sind mit einem Poeten als Vater aufgewachsen. Aber meiner Eltern nicht. Sie sagten: „Mein Sohn ist verrückt."

Für mich war die Literatur eine Art Nahrung, wie Wasser für ein Pflänzchen. Die Literatur war die Nahrung, die mich für den Rest meines Lebens nähren würde.

Was war in deinem familiären Kontext antreibend?

Meine Lehrerin war die Schuldige. Wenn ich ihr heute begegne, umarmt und küsst sie mich. Sie ist jetzt eine alte Dame. Sie sagt immer: „Verzeih, mein Sohn, dass ich dich auf diesen Weg geführt habe." Und meine Antwort ist immer: „Frau Lehrerin, Sie haben mich auf den schönsten Weg der Welt geführt, den der Literatur."

Kein anderer Beruf hätte in mir so viel Frieden gestiftet wie die Literatur. Diejenige, die für mein Glück verantwortlich ist, ist meine wunderbare Lehrerin.

Wie heißt deine Lehrerin?

Lilián Colato de Aguilar Avilés. Sie wird wohl 90 Jahre alt sein. Ihr Mann, der Historiker, heißt Gilberto Aguilar Avilés. Meine Grundschule hieß Instituto Nacional Francisc Menéndez. Meine Lehrerin sah damals vieles in mir. Und ich war sehr dankbar dafür, dass sie dies sah. Wenn man mich nach meinen Ursprüngen fragt, erwähne ich sie immer.



Was genau tust du zurzeit im Bereich der Leseförderung?

Hauptsächlich bringe ich Autoren in öffentlichen Bibliotheken und in Kulturhäuser. Außerdem sensibilisiere ich Lehrer für die Thematik. Wir sprechen mit den Lehrern, denn einen Blinden lässt man nicht von einem anderen Blinden führen.

Wenn es zur Normalität gehört, dass wir Salarrué, García Lorca und Vargas Llosa lesen, dann werden die Dinge sich ändern. Am Anfang ist das Lesen anstrengend, aber wenn man einem Kind ein langweiliges Buch gibt, so wie es meinen jüngeren Geschwistern ergangen ist, die mit hässlichen Büchern aufwuchsen, ohne Bilder und mit hässlicher Schrift, dann endet es darin, dass man die Literatur und die Ästhetik hasst.

Man muss den Kindern die Welt zugänglich machen und sich um sie kümmern, ihnen Bücher mit Bildern geben. Man muss sie dazu bringen, die Literatur zu lieben. Salarrué hat das schon vor 60 Jahren gesagt. Der Erwachsene trägt ein schlafendes Kind in sich und das Kind träumt von einem Kind in der Zukunft. Salarrué hat wunderschöne Dinge gesagt und wenn wir sie unseren Kindern nicht vorlesen, entdecken wir diese Schönheit nicht. Wenn man in ein Buch einsteigt, will man gar nicht mehr heraus.

Was bewegt dich dazu, in der Leseförderung tätig zu sein? Warum glaubst du, dass die Leseförderung wichtig ist?

Mehr als nur die Literatur, will ich die Lebenslust fördern. Die Welt der Bücher hat aus mir einen positiveren Menschen gemacht. Das, was die Literatur provoziert, ist ein Jo-Jo Effekt. Denn wenn ich in einen Bus einsteige, bringe ich als erstes die schlafende Frau zum Sprechen. Ich versuche die Menschen glücklich zu machen. Und nicht nur mit Büchern, die von Glück sprechen, sondern auch mit dunklen, dramatischen Büchern, die das Leben bereichern. Die Literatur ist wichtig, denn sie ist ein Friedensstifter. Es ist reizvoll zu schreiben und sich von jenen zu nähren die dies ebenso tun.

Was ist für dich gute Leseförderung?

Eine gute Planung, sowie eine klare Zielsetzung und Wegweiser. Es ist wichtig zu wissen, wohin wir gehen.

Arbeitest du mit anderen Menschen, Institutionen und Initiativen aus der Leseförderung zusammen? Und wenn ja, warum?

Aber natürlich. Ich arbeite mit verschiedenen Partnern, zum Beispiel mit: Intervida, ISNA (Salvadorianisches Institut für ganzheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen), ISSS (Salvadorianisches Institut der Sozialversicherung), Nueva Acropolis, MINED und mit öffentlichen Schulen, um nur einige zu nennen.

Die Vernetzung ist wichtig, sonst gehst du unter. Es kann viele Initiativen geben, aber solange es keine Zusammenarbeit gibt, wird es keine bedeutende Wirkung geben. Das passiert einigen Förderern. Sie haben eine hohe Bereitschaft aber wenig Kommunikationsstärke. Deshalb erreichen sie ihre Ziele nicht. Alleine kann man keinen Frieden stiften.

Anm.: Mario hat in verschiedenen interinstitutionellen Initiativen mitgewirkt, um die Lektüre in El Salvador zu fördern. Unter anderem in der Sensibilisierungskampagne "Die Jugend bewegt die Welt" von CESAL El Salvador in der Micro Region El Bálsamo und Soyapango, im Rahmen des Jugendhilfe- Projektes, das von der AECID (2014) finanziert wurde.

Was müsste passieren, damit die Leseförderung für die Menschen in El Salvador attraktiver wird und die Leute sich mehr dafür begeistern können?

Zwei Dinge. Ersten: Es müsste eine nationale Bewegung geben. Man müsste direkt und permanent kommunizieren. Dieses Land ist voller Gewalt, weil es nicht liest. Ganz direkt gesagt. In den Universitäten, Firmen, Institutionen des Staates und den Freiberuflichen Verbänden. Zweitens: Bücher wieder attraktiver machen. Kinder sollen ihre Informationen nicht nur aus japanischen Comics erlangen.

Wir müssen uns Gedanken über die Leser machen, an unsere Kinder denken. Wir müssen aufhören, nur an uns zu denken und die anderen erziehen und bilden. Wir müssen über die Funktion einer Gesellschaft nachdenken und darüber, wie sie sich selbst nährt. Wir müssen unseren Kindern andere Möglichkeiten bieten.

Gibt es im Bereich der Leseförderung Projekte die dir persönlich besonders gut gefallen oder dich inspirieren? Welche wären das?

Antonio Rodríguez, ein kubanischer Autor ist gekommen um ein Schreibseminar zu geben. Das hat mich sehr bereichert und beeindruckt. Er schreibt Romane und macht Illustrationen. Er ist überzeugt davon, dass das Lesen ihn gefördert hat, in Kuba. Er hat uns ein tolles Seminar geboten, das mich für den Rest meines Lebens geprägt hat. Er bat uns, eine Geschichte unserer Wahl auszusuchen und darüber zu schreiben und eine Zeichnung dazu anzufertigen. Danach mussten wir uns als die Figur verkleiden, die wir gezeichnet hatten und eine Modenschau machen. Wir trugen alle Hüte. Blätter und Äste von Bäumen klebten an uns und wir waren überglücklich! Das war im Jahr 1993. Ich war begeistert. Es inspirierte uns sehr und wir waren danach nicht mehr dieselben. Er fing mit Kinderbüchern an und schrieb letztlich große Romane wie "Chiquita", ausgezeichnet mit dem Alfaguara Preis (2008).

Möchtest du noch etwas hinzufügen?

Ich würde den Autoren gerne sagen, dass wir die literarische Produktion betreiben. Wir sollten an die Kinder denken. Die meisten von uns denken an den erwachsenen Leser und nur selten an die Kinder. Aber es ist wichtig, dass wir das tun. Von klein an, sollten wir sie nähren und stärken.

Folgende Aktionen werden von Marco durch die Coordinación de Letras in El Salvador durchgeführt: Im Nationalen Theater finden kreative Workshops und literarische Bildungsseminare wie das Programm "Der Autor des Monats" statt; "Es werden Verse geschrieben: kreatives Schreiben in öffentlichen Räumen"; "Cineratura" (Bücher werden zu Kinos gebracht); literarische Wettbewerbe, wo junge Menschen für die Blumenspiele vorbereitet werden; "Kindheitsgeschichte": Schreibworkshops in Frauengefängnissen... Die Liste geht weiter, es gibt noch viel zu tun und viel zu träumen.

Verónica Herrera
Casa Dandelión, El Salvador.
Juli 2015