Im Gespräch mit ...

Literarische Werke in indigenen Sprachen: Literatur auf diidxazá
Interview mit Natalia Toledo

Idealerweise ist das erste Buch das ein Kind in seinen Händen hält, in seiner Muttersprache geschrieben. Genauso, wie Experten empfehlen, dass diese Bücher sich auf Themen beziehen, die aus dem Alltagsleben der jungen Leser stammen. Damit würde die Diskriminierung bekämpft und eine funktionale und beständige Beziehung zwischen der Literatur und dem realen Leben hergestellt werden. Im folgenden Gespräch mit der Dichterin und Literaturvermittlerin Natalia Toledo, haben wir die Möglichkeit, über die Produktion von literarischen Werken in indigenen Sprachen und über die Literaturpreise, den Zugang, sowie die Verbreitung und Lesung dieser Werke zu sprechen.

Natalia ist eine in Juchitán, Oaxaca geborene Dichterin. Sie hat für ihr Werk den Nezahualcóyotl Preis erhalten - eine der wenigen Anerkennungen für literarische Werke in indigenen Sprachen, die in Mexiko existieren. Seit einigen Jahren arbeitet sie an einer wichtigen Rettungs- und Distributionsaktion für die Sprachen diidxazá und zapoteco, sowie der Literatur in diesen Sprachen. Die zapotekische Sprache gehört zu einer der über 68 linguistischen Gruppierungen, die zur Zeit in Mexiko existieren.

Natalia, welche Beziehung hast du zur zapotekischen Sprache und wann hast du zu schreiben begonnen?

Zapoteco ist meine Muttersprache. Das ist die Sprache, die mir meine Großmütter, meine Mutter und die anderen Frauen bei uns zu Hause beigebracht haben. In meiner Kindheit war ich praktisch nur in der Obhut von Frauen und meinen Großvätern. Mit der Zeit habe ich dann in der Schule spanisch gelernt. Allerdings auf unpräzise und schwierige Weise, denn der Unterricht wurde auf spanisch gegeben, während der Rest meines Lebens auf zapotekisch stattfand. Mit 8 Jahren bin ich nach Mexiko City gezogen und ich glaube, dass dieser Bruch in meiner Kindheit dazu geführt hat, dass ich Dichterin geworden bin. Durch diese Begebenheit hatte ich die Zeit, mir selbst zuzuhören, alleine zu sein, Sehnsüchten nachzugehen und von Erinnerungen zu leben: ich erinnerte mich daran wie ich heranwuchs, wie ich spielte, aß, wie ich mich anzog. Das alles hat schließlich dazu geführt, dass ich anfing zu schreiben und zu erforschen, wer ich war. Ich hörte in mich hinein und vermisste die Dinge, die mich über Erinnerungen oder Träume zurück in meine Kindheit nach Juchitán versetzten.

Du hast den Nezahualcóyotl Preis gewonnen. Welche Bedeutung haben für dich die momentan existierenden Literaturpreise in Mexiko?

Es gibt unterschiedliche Meinungen zu den Preisen. Vor allem weil prinzipiell alle einheimischen Sprachen als mexikanische Sprachen berücksichtigt werden müssten, damit sie an allen Wettbewerben teilnehmen können. Aber gleichzeitig schreiben wir, also all diejenigen, die in einer indigenen Sprache schreiben, bilingual, egal ob Poesie oder Erzählungen. Wir präsentieren unsere Werke zweisprachig: auf unserer Muttersprache und auf spanisch. Wir sind demnach unsere eigenen Übersetzer. Man muss auch noch etwas anderes bedenken: Es ist schwierig ein Werk, das einem bestimmten Universum entspringt und eine spezielle Weise hat die Dinge zu benennen, mit einem anderen Werk zu vergleichen, das nur auf spanisch geschrieben wurden. Jede Sprache hat ihre eigene Form, da gibt es große Unterschiede, obwohl wir alle zeitgenössische Schriftsteller sind.


Zur Zeit ist es so, dass die Preise die Existenz anderer mexikanischer Sprachen nicht berücksichtigen. Ausnahmen bilden das Nezahualcóyotl und die Sprachen von Las Américas, die auf der internationalen Buchmesse in Guadalajara berücksichtigt werden. Es gibt zwar einige Bemühungen, aber eine echte Wiedergutmachung oder ein Programm zur Rettung und Wiederbelebung dieser Sprachen gibt es nicht. Es gibt nur wenige und sehr spezialisierte Leser der indigenen Sprachen. Aber hierbei handelt es sich um eine überschaubare Gruppe und nicht um das Volk und die Dörfer im Allgemeinen.

Natürlich finde ich es toll, wenn meine Gedichte in andere Sprachen übersetzt werden, aber noch mehr würde mich freuen, wenn die Menschen, die die zapotekische Sprache sprechen, Bücher auch direkt auf zapotekisch lesen könnten, statt eine Übersetzung lesen zu müssen. Genau daran arbeite ich mit einem Team von Schriftstellern und Spezialisten: wir bringen Kindern ihre Muttersprache bei. Wenn sie diese Sprache dann lesen und schreiben können, stellen wir ihnen Bücher zur Verfügung. Diese Bücher entstehen durch die intensive Zusammenarbeit mit vielen Kollegen.

Welche Auswirkungen hat es denn tatsächlich, einen literarischen Preis zu erhalten? Führt das zur Verbreitung der Werke? Wie kommen die Leser an diese Bücher?

Der Preis besteht aus einer Geldsumme und aus der Publikation des Buches. Mein Buch wurde zum Beispiel von Culturas Populäres und CONACULTA verlegt und von EDUCAL vertrieben. Es gibt sogar eine Sammlung aller Titel, die den Nezahualcóyotl Preis gewonnen haben. Auf diese Weise zirkulieren die Bücher zumindest innerhalb und außerhalb deines Staates. Es gibt nur leider keine anschließende Anstrengung zur Verteilung dieser Werke. Das ist ein Problem, denn letztlich ist es der Autor, der seine Bücher dann stets selbst überall hinbringt und präsentiert. Sonst wären sie für die Leser nicht zu bekommen.

“El camino de la iguana” (Der Weg des Leguans), “El camino del tejón” (Der Weg des Dachses) und “El camino del jaguar” (Der Weg des Jaguars), so nennt sich eine Serie von Workshops über die zapotekische Kultur und Sprache im Isthmus von Tehuantepec. Was ist deine Arbeit bei diesen Lese- und Schreibworkshops?

Ich habe die Workshops in Zusammenarbeit mit dem Linguisten und Historiker Victor Cata ins Leben gerufen. Wir haben den Inhalt in zwei große Bereich aufgeteilt: Victor beginnt damit, den Kindern das Schreiben in der Muttersprache beizubringen und ich bringe ihnen das kreative Schreiben näher. Ich zeige ihnen Gedichte, Lieder, Reime, Rätsel und Redefiguren. Wir schauen uns die literarischen Genre im zapotekischen an und verwenden dazu Beispiele aus unserer existierenden literarischen Kultur. Dabei holen wir immer Vergleiche aus der Weltliteratur ein. Ich zeige den Kindern auch, was an anderen Orten geschrieben wurde. Wenn es beispielsweise um den Mythos der Schildkröte und deren Namensgebung geht, basteln wir ein möglichst exaktes Schildkrötenskelett nach. Dabei erkläre ich ihnen, wer die Surrealisten waren, die diese Übung erfunden haben. Ich bringe ihnen also ein Stück Geschichte näher, während wir gemeinsam am Schildkrötenkörper basteln. Im zapotekischen steht das für Wörter, Fragmente, Pulver oder Scherben. Auf diese Weise wird eine Brücke zu der Literatur von anderen Teilen der Welt hergestellt.

Diese Workshops gibt es seit fast 5 Jahren und sie laufen sehr gut, denn es gab vorher nichts vergleichbares. Wir haben zusammen mit den Kindern, Jugendlichen und Lehrern eine Dynamik in Gang gebracht, die gut funktioniert. Unsere Arbeitsweise wird durch die Erfahrungen verbessert, das heißt wir üben mit unserem Publikum. Diese Methode hat sich beim Publikum bewährt und wir haben das Vertrauen der Gemeinden gewinnen können.

Wir sprechen in den Workshops auch über die Besonderheiten der Sprache und die vielen Metaphern, denn wir haben eine Menge Möglichkeiten, die Dinge zu beschreiben; wir schauen uns auch an, wie wir uns über die Sprache selbst definieren. So lernen sie, dass wir das Recht haben, mit unserer Sprache und Kultur zu leben und können so argumentieren, warum wir unsere Sprache weiter sprechen wollen. An einem Tag laden wir einen Dichter oder Erzähler ein, um in den direkten Dialog mit ihm zu treten. An einem anderen Tag laden wir Rap-Musiker ein. Über den Rhythmus und durch den Inhalt der Texte, die sich an sozialen Themen orientieren, findet hierbei eine schnelle Identifikation über die Sprache statt. Wir zeigen auch mal einen Film und analysieren diesen, je nach Zusammensetzung des Publikums. Und an einem Tag schreibt jeder seine eigene Biografie. Dieses Projekt hat schon Nachahmung im Tal, in der Sierra Norte und der Sierra Sur gefunden. Die Workshops dauern 15 Tage lang, 3 Stunden am Tag. Bis heute haben etwa 1.400 Kinder teilgenommen. Wir veranstalten mindestens 12 Workshops jedes Jahr.

Wie sieht es denn in den Gemeinden, in denen du tätig warst, mit Bibliotheken und Büchern aus? Welche Bücher stehen den Kindern dort zur Verfügung?

In Juchitán haben die Kinder Zugang zu den Büchern im Haus der Kultur oder in der Gabriel López Chiñas Bibliothek, oder zumindest in ihren Schulbibliotheken. Bei meiner Arbeit mit den Kindern geht es vor allem um das Thema der mündlichen Überlieferungen. Es darf nicht vergessen werden, dass unser Volk über viel Wissen verfügt, das nicht aus Büchern stammt. Es kommt aus dem Gedächtnis, den Erinnerungen der älteren Generationen, die ihren Kindern ihr Wissen durch erzählen weitergeben. Diese Kinder sind auf diese Weise gebildet. Sie kennen ihre eigene Geschichte und die ihrer Gemeinde und ihrer Region. Sie kennen Lieder. Es gibt noch andere Arten der Erziehung. Nicht nur durch Bücher. Es gibt auch Gemeinden, die nicht über Bücher verfügen, aber einen Internetzugang haben und so an ein Minimum von Informationen gelangen. Außerdem gibt es die wunderbaren Bibliotheken auf Füßen, nämlich die Großeltern. Ich sage den Kindern immer wieder: wenn eure Großeltern leben, dann bittet sie darum, euch Dinge zu erzählen, fragt sie aus, denn sie wissen so vieles, sie können so viele Geschichten erzählen.

Wir haben auch daran gearbeitet, didaktisches Material zu entwerfen. In Juchitán ist das Lernmaterial kostenfrei. Bei der Bearbeitung unterstützt uns der Calamus Verlag und die Verteilung erfolgt direkt bei den Workshops. Die Übersetzungen machen wir selbst. Zum ersten Mal wurde eine Auflage der Esopo Märchen vom Calamus Verlag gemacht. Wir wollen diese Auflage in den Schulen verteilen.

Zur Zeit gibt es in Mexiko den Nezahualcóyotl Literaturpreis für mexikanische Sprachen, der seit 2002 vergeben wird und anfangs nur Náhuatl als Sprache zuließ. Eine weitere Auszeichnung ist der Preis für die Indigenen Literaturen Amerikas, der 2013 ins Leben gerufen wurde und auf der internationalen Buchmesse von Guadalajara vergeben wird. Außerdem gibt es noch den CaSa Preis für Literarische Werke in Zapotekischer Sprache. Hier sind die Kategorien Dichtung, Erzählung, Lieder und Kinderbücher miteinbegriffen. Dieser Preis ist eine Initiative des Zentrums für Kunst San Agustin (CaSa) in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen.

2015 wurde der CaSa Preis bereits zum 5. Mal vergeben und laut der Direktorin sind über  100 Bewerbungen eingegangen. Frau Lourdes Báez Meza bestätigt, das die Qualität der Werke, die an dem Wettbewerb teilnehmen, mit jedem Jahr auf bemerkenswerte Weise steigt. Es beteiligen sich prinzipiell junge Autoren. Die Bewerbung ist zweisprachig verfügbar und die Jury besteht aus Menschen, die alle Sprachen der teilnehmenden Werke beherrschen. Es sind Schriftsteller, Linguisten und Spezialisten. 2016 Wettbewerb wird eine neue Kategorie für Werke von Zapotekischen Migranten hinzugefügt, die überall auf der Welt leben. Die Veröffentlichung dieser Werke, ihre Entstehung und Verwendung ist ein wichtiger Impuls für die Wertschätzung und Rettung der Sprache. Hier geht es um die Bemühung, Material zusammenzustellen, das in der Muttersprache gelesen werden kann.

Das Interview führte Karina Gutiérrez

September 2015