Im Gespräch mit ...

Was Anna sagt: Anatarambana blog

Eine halbe Million Menschen haben ihren Blog besucht. Sie alle wollen lesen, was Anna über die Kinder- und Jugendbuchwelt denkt und was sie mit Humor, Scharfsinn und Vertrautheit über die Autoren, Illustratoren und Verleger der Kinder- und Jugendbücher sagt.

Sie wurde in Madrid geboren, aber sie reist von einem Land ins Nächste, um an Gesprächen teilzunehmen, Workshops zu geben und Publikationen zu konkretisieren. Sobald sie aus Argentinien, Brasilien und Chile zurückkommt, fährt sie auch schon wieder los. Sie reist nach Mexiko oder Kolumbien und stellt den neuen Beitrag für ihren Blog zwischen den Flügen oder in einer Hotellobby fertig.

Ana Garralón ist anatarambana.blogspot.com. Schriftstellerin, Kritikerin, Buchhändlerin - sie ist eine Autorität auf dem Gebiet des Sachbuches (gerade hat sie das Buch: Leer y saber. Los libros informativos para niños (Lesen und Wissen. Sachbücher für Kinder) veröffentlicht), aber sie ist auch eine gute Referenz, wenn man einen gut gestalteten Bilderbuch- Roman sucht, oder ein anderes ungewöhnliches Werk. Ihre Texte haben eine historische und soziale Dimension, die für dieses Gebiet ungewöhnlich ist (mit einem Stipendium der Internationalen Jugendbibliothek in München hat sie intensiv für ihr Buch Historia portátil de la literatura infantil (Die mobile Geschichte des Kinderbuches) geforscht). Mit ihrem kritischen und freien Ton, löst sie Diskussionen aus, provoziert Neugierde und gewinnt Anhänger.

Ihr Blog hat 1.800 direkte Abonnenten und mehr als 12.500 Anhänger auf Facebook. In den fünf Jahren der Existenz des Blogs, hat sie 151 Beiträge geschrieben, durchschnittlich 30 pro Jahr. Sie lebt aber nicht von ihrem Blog: sie gibt Konferenzen, virtuell und in Person (gerade hat sie ihre eigene online- Kinderliteraturschule gegründet); sie arbeitet mit Zeitschriften, wie der brasilianischen Emlia und der mexikanischen Letras Libres (Freie Buchstaben) zusammen; sie bereitet Anthologien vor, stellt Sammelbände zusammen und gibt Interviews wie dieses, das sich auf die Welt der spanischsprachigen Blogs bezieht. Ana hat dieses Interview netterweise von einer Mittelmeer- Insel aus mit uns geführt.

Wann und warum ist Anatarambana enstanden?

Der Blog wurde Ende Oktober 2010 ins Leben gerufen. Schon fünf Jahre! Aber schon seit dem Ende der 80ger Jahre habe ich regelmäßig für Zeitschriften wie die CLIJ, die Quimera und auch für einige Zeitungen geschrieben. In der Zeitschrift Erziehung und Bibliothek habe ich von 1989 bis 2005 die Seiten über Kinderbücher koordiniert. Ich habe also viele Jahre damit verbracht zu Lesen und darüber zu schreiben. Im Jahr 2005 habe ich eine kleine Pause in meine Arbeit mit Kinderbüchern eingelegt, weil ich mich ganz meinem anderen Beruf widmen wollte: dem Buchhandel. Im Jahr 2010, abseits der Papierzeitschriften, hatte ich das Bedürfnis mich mitzuteilen und entschloss mich spontan, einen Blog zu kreieren. Der Blog war ein ideales Medium, wie ich fand: unabhängig, persönlich, informell, ohne zeitlichen Druck...


Welche Inhalte willst du ansprechen?

Der Blog hat nur wenige Sektionen. Manchnal gibt es Buchkritiken, manchmal Artikel über Autoren (es gab zum Beispiel ein Portrait über Marina Colasanti, Francisco Hinojosa, Tomi Ungerer, Fernando Krahn, etc.) Ich versuche auch meine häufigen Reisen innerhalb Lateinamerikas zu Kongressen und Veranstaltungen zu reflektieren und mit den Lesern zu teilen. Ich mache dort auf herausragende Aktivitäten im Bereich der Leseförderung aufmerksam. Außerdem gibt es eine Reihe von Reflektionen über Themen die mich beunruhigen. Ich versuche diese Reflektionen auf eine Art und Weise zu formulieren, die den Dialog mit den Lesern fördert. Einer der meistgelesenen Beiträge ist Es werden dringend Kinderbuchautoren gesucht . In diesem Artikel warne ich vor dem Phänomen der Bilderbücher, in denen der literarische Beitrag vernachlässigt wird. Ein anderer gut besuchter Artikel ist Acht falsche Vorstellungen darüber, was es heißt für Kinder zu schreiben. Dieser Artikel entstand nach dem Lesen von mehreren schlechten Büchern und dem Reflektieren über deren Gemeinsamkeiten.

Der Blog ist ein unabhängiger, organischer Raum: er reflektiert was ich in unterschiedlichen Situationen denke und sehe.

Welches sind die Vorteile eines unabhängigen Blogs? Welchen Schwierigkeiten begegnest du?

Der offensichtlichste Vorteil ist die Freiheit, sich die eigene Zeit und den Raum frei einteilen und den Fokus selbst bestimmen zu können. Ich finde es gut, dass ich persönlich schreiben kann, ohne zu verbergen wer ich bin und von wo aus ich schreibe. Ich glaube das ist nicht überall möglich. Außerdem finde ich es wunderbar, die Möglichkeit zu haben, den Lesern in ihren Kommentaren zu begegnen. Das ist etwas, dass bei den Papierzeitschriften sehr schwierig war.

Die Schwierigkeit liegt manchmal darin, dass ich reisen muss und gleichzeitig einen Beitrag schreiben will und mir die Zeit nicht reicht. Der Blog ist keine finanzielle Einkommensquelle obwohl er eine hervorragende Visitenkarte darstellt. Für die Vorbereitung eines Beitrages brauche ich ungefähr acht Stunden, also einen kompletten Arbeitstag. Manchmal stapeln sich die Bücher, die ich lesen will neben der ausstehenden Korrespondenz, meinen anderen Verpflichtungen und den vielen Ideen, die darauf warten zu Ende gedacht zu werden, wenn ich die Zeit dafür finde. Obwohl dieser Absatz ziemlich lang geworden ist, sind es klar die Vorteile die überwiegen.

Was würdest du einem Leseförderer, einem Bibliothekar oder einem Kinder - und Jugendbuchspezialisten empfehlen, der einen Blog starten will?

Auf der einen Seite muss man etwas teilen wollen: Lektüre, Erfahrungen oder etwas anderes, das mit Kinder- und Jugendbüchern zu tun hat und originell ist. Auf der anderen Seite muss man versuchen, regelmäßig zu schreiben. Ich folge Blogs, die auch mal monatelang keine Beiträge haben, aber ich denke dass man, wenn man es erstmal geschafft hat, eine Leserschaft für sich zu gewinnen, diesen Dialog aufrechterhalten sollte. Ich versuche mindestens zwei Beiträge pro Monat zu schreiben. Das ist zwar nicht viel, aber ich habe bemerkt, dass einige Artikel etwas mehr Zeit brauchen um zu zirkulieren. Deshalb macht es mir nichts aus, wenn zwei Wochen vergehen, bis ich einen neuen Artikel veröffentliche.

Was hältst du vom Blog- Panorama in Lateinamerika?

In meinem Feedly habe ich etwas mehr als siebzig Blogs über Kinder- und Jugendbücher, denen ich folge. Manche sind sehr aktiv und andere weniger. Mir persönlich gefallen Blogs, die auf Dinge eingehen, die nicht offensichtlich sind. Solche, die nur Modebücher oder bekannte Autoren besprechen, ohne etwas Neues hinzuzufügen, interessieren mich nicht. Aber auch solche, die keine interessanten Fragen stellen, um uns zum Nachdenken zu bewegen, gefallen mir nicht. Von den Lateinamerikanischen Blogs gefallen mir hauptsächlich die, die mich den Dingen und Büchern aus diesen Ländern näher bringen. Mein Interesse ist natürlich sehr eigennützig und rührt daher, dass ich gerne informiert darüber sein will, was in diesen Ländern geschieht.

Welche anderen Blogs inspirieren dich (egal von welchem Teil der Welt)?

Mir gefallen: Donde viven los libros (Wo die Bücher wohnen), aus Argentinien; La Pequeña ciudad de P. (Die kleine Stadt von P.), mit sehr interessanten Themen über Editionen. Ich verpasse nie einen Beitrag von Biblioabrazo oder Lo leemos así (So lesen wir es). Garabatos (Kritzeleien) und ringorrangos (Krimskrams) begeistern mich auch und natürlich Linternas y Bosques (Laternen und Wälder). Ich folge nur wenigen aus dem Ausland: Le figure dei Libri und el blog de Topipittori.

Was hältst du von der Kinder- und Jugendbuchkritik? Warum gibt es so wenig davon?

Ich glaube es gibt heute schon mehr als früher, aber sie ist sehr diffus und man braucht Zeit, sie zu finden. Einige der Papierzeitschriften sind vom Markt verschwunden und die Fachkritik ist in den letzten Jahren zahlenmäßig stark angestiegen. Ich habe den Eindruck, dass die Blogs eine Lücke füllen, aber ich fände es großartig, wenn es einen geeigneten Raum dafür gäbe, in dem regelmäßig Erfahrungen aus Lateinamerika geteilt würden. Es fehlt außerdem eine Plattform, wo Artikel und Kritiken, die im Netz verstreut sind, zusammengetragen werden (ich denke hier an digitalisierte Zeitschriften, deren wunderbare Inhalte irgendwo in den Spinnweben des Netzes vor sich hin schlummern.)

Adolfo Córdova
Journalist, Schriftsteller und Leseförderer, geboren in Veracruz und aufgewachsen in Mexiko-Stadt.
Januar 2016
Links zum Thema