Bibliotheken, Schulen und Institutionen

Lesen lieben lernen – Alphabetisierungsarbeit in Bibliotheken

Lernende Bibliotheksbesucherin; © Stadtbücherei FrankfurtLernende Bibliotheksbesucherin; © Stadtbücherei FrankfurtJeder siebte Erwachsene in Deutschland kann nicht richtig lesen und schreiben. Mit speziellen Angeboten unterstützen Bibliotheken funktionale Analphabeten dabei, die Freude am Lesen und Schreiben für sich zu entdecken.

Anfangs wirkt die kleine Menschengruppe in der Stadtteilbibliothek Köln-Chorweiler noch etwas verloren zwischen all den Büchern, Zeitschriften und CDs. Doch deren stellvertretender Leiter Daniel Simon weiß, wie sich das Eis brechen lässt. In einer kleinen Bilderrallye macht er die Besucher mit den verschiedenen Angeboten vertraut, für die man nicht unbedingt gut lesen und schreiben können muss: Vom Kochbuch Kochen in Bildern über das Bildwörterbuch oder dem einfachen Roman mit begleitender Audio-CD.

Bibliotheksführung durch die Stadtteilbibliothek Chorweiler; © Stadtteilbibliothek ChorweilerBücher wandern von Hand zu Hand, eine CD wird vorgespielt, Daniel Simon erklärt die Regalüberschriften zur Orientierung. Dann stellt er das eigentliche Alpha-Lernstudio vor, in dem die Besucher an Computern mit Lernprogrammen spielerisch das Lesen, Schreiben und Rechnen üben können.

Viele Analphabeten in Deutschland

Alphabetisierungskurs mit Kochbüchern; © Stadtbücherei FrankfurtSolche Hilfe in Bibliotheken tut dringend Not. Denn: Obwohl es in Deutschland ein ausgebautes Schulsystem und eine Schulpflicht gibt, können rund 7,5 Millionen Männer und Frauen zwischen 18 und 64 Jahren keine zusammenhängenden Texte lesen oder schreiben. 4,4 Millionen von ihnen haben Deutsch als Erstsprache gelernt. Das sind die Ergebnisse der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten repräsentativen Studie Level One, an der über 8.000 Personen teilnahmen.

Immer mehr öffentliche Bibliotheken in Deutschland reagieren wie die Stadtbibliothek Köln auf diese Situation, indem sie spezielle Angebote für funktionale Analphabeten schaffen. „Die Sprach- und Leseförderung ist eine unserer Kernaufgaben“, erklärt die Leiterin der Kölner Stadtteilbibliotheken Cordula Nötzelmann. „Wir möchten auch denen eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, die noch nicht lesen und schreiben können – von den sogenannten Bücherbabys über junge Erwachsene bis hin zu Senioren.“

Hemmschwellen überwinden

Einführung mit dem Zauberwürfel; © Stadtbücherei FrankfurtDoch nicht immer ist es für die Bibliotheken leicht, Kontakt zu der Zielgruppe zu bekommen. „Als Betroffener hat man die Wahrnehmung: Alle anderen können vermeintlich lesen und schreiben, nur ich selbst bin zu dumm. Aus Angst und Scham meidet man jede Schriftsprache,“ erklärt Tim-Thilo Fellmer, der selbst erst als Erwachsener das Lesen und Schreiben gelernt hat und sich heute als Schriftsteller und Verleger für eine Enttabuisierung des Themas einsetzt.

Für Außenstehende ist häufig kaum vorstellbar, welche Belastungen funktionale Analphabeten mit Schriftsprache verbinden: Ob sie Formulare in der Behörde ausfüllen müssen, sich im öffentlichen Nahverkehr orientieren möchten oder die Packungsbeilage eines Medikaments lesen wollen – bei der Bewältigung ihres Alltags stoßen sie immer wieder auf ihre Schwäche. Bibliotheken als Orte, an denen man die Lust am Lesen erleben kann, gehörten für Tim-Thilo Fellmer wie für die meisten Betroffenen lange „zu einer anderen Welt, in der ich nicht zuhause war.“

Angebote der Bibliotheken

Das Alpha-Mobil vor der Stadtteilbibliothek Chorweiler; © Stadtteilbibliothek ChorweilerUm dem entgegenzusteuern, versuchen die Bibliotheken, ihre Angebote zunehmend an die Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen – etwa, indem sie kostenlose Bibliotheksausweise an Betroffene verteilen. Zudem werden die hauptamtlichen Mitarbeiter häufig durch geschulte ehrenamtliche Helfer unterstützt, um eine 1:1-Betreuung anbieten zu können. Der Rentner Bruno Wischerath beispielsweise trifft sich im „Chorweiler Alphastudio“ zwei Mal pro Woche für eineinhalb Stunden mit einer 58-jährigen Frau aus Eritrea, die er für ihren Lerneifer bewundert: „Es ist nicht immer leicht, bestimmte deutsche Begriffe zu erklären. Aber ich werde gut unterstützt und es macht großen Spaß, mit der Frau zusammenzuarbeiten!“

Wie in der Kölner Stadtteilbibliothek Chorweiler haben funktionale Analphabeten beispielsweise auch in der Stadtbibliothek Frankfurt am Main die Möglichkeit, spezielle Lernprogramme in sogenannten Alpha-Lernstudios zu nutzen. Während die Bibliotheksführungen für Gruppen aus Alphabetisierungskursen – beispielsweise der Volkshochschule – in Köln-Chorweiler aus Diskretionsgründen außerhalb der normalen Öffnungszeiten stattfinden, werden sie in Frankfurt während des normalen Publikumsverkehrs durchgeführt.

Stadtbibliothek Frankfurt am Main; © Stadtbücherei Frankfurt„Wir wollen die Menschen auf diese Weise nicht nur an das Sortiment heranführen, sondern auch in den Alltag einer Bibliothek integrieren“, erklärt Karsten Schneider, der in der Stadtbibliothek Frankfurt die Zusammenarbeit von Volkshochschule und Stadtbibliothek koordiniert hat.

Außerdem bieten die Bibliotheken eine Möglichkeit, für das Thema Alphabetisierung zu sensibilisieren. So las etwa Tim-Thilo Fellmer bei einem Aktionstag in Köln-Chorweiler aus seinen Büchern vor. Und in der Frankfurter Bibliothek gab es einen Poetry-Slam, an dem sich Teilnehmer der Alphabetisierungskurse beteiligten.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2011

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