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Bücher auf dem Markt: El balcón auf dem zentralen Großmarkt

Der Großmarkt der Stadt Oaxaca im Süden von Mexiko ist der größte Markt der Stadt. Hier werden die Produkte der Nachbardörfer vermarktet und tausende Familien und Geschäftsbesitzer kommen täglich zu diesem Markt, um ihre Nahrungsmittel, Kleider, Schuhe, Werkzeuge, etc. zu kaufen. Unzählige Gänge und ein riesiger Marktplatz, der noch aus der Zeit der Ureinwohner stammt, bilden ein Areal, das von den örtlichen Behörden wegen der Zahl der Überfälle als sehr unsicher eingestuft wird. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort, an dem sich täglich Menschen aus ganz Oaxaca aufhalten und andere aus Zentralamerika einfinden, die auf der Durchreise in Richtung USA sind.

Das Kulturzentrum "Der Balkon", angeführt von Saúl López Velarde und inspiriert von dem Theaterstück Der Balkon von Jean Genet, hat auf dem Markt seinen idealen Platz gefunden. Der Markt ist der Mikrokosmos, von dem aus Saúl, der Soziologie und Dramaturgie studierte, seit 4 Jahren kulturelle Projekte realisiert. Seine ursprüngliche Idee war es, Machtverhältnisse und ihre Darstellung im Marktgeschehen, mit Hilfe von künstlerischen Interventionen offenzulegen. Im Laufe der Zeit jedoch, hat sich der Prozess in verschiedene Richtungen weiterentwickelt:

„Wir fingen mit ein paar Performances an, haben aber auch Workshops und Kurse angeboten. Nach und nach stellten wir fest, dass sich alles um diejenigen drehte, die die Zeit hatten, an diesen Workshops teilzunenehmen, nämlich Kinder..."



Daraufhin hat sich das Hauptthema des Projekts immer mehr auf die Aneignung von öffentlichen Räumen konzentriert. In diesem Fall war es der Marktplatz und der Bedarf an kulturellen Aktivitäten, die von den zuständigen Institutionen organisiert werden müssten, bzw. das Fehlen genaus dieser Aktivitäten. Saúl erklärt dazu: „Wir müssen dort arbeiten, wo sich die Menschen aufhalten... und hier halten sich viele Menschen auf, vor allem Menschen die arbeiten. Hier gibt es eine sehr spezielle Aufteilung zwischen dem was öffentlich und was privat ist: alle kommen hierher, alle sind am Arbeiten, aber hier werden auch ihre Kinder großgezogen, hier haben sie ihre Spielgefährten, hier verlieben sie sich, hier heiraten sie, hier sind die Familien... und wir haben verstanden, dass das Wichtigste war, hier Verbindungen zu schaffen."

Die Mitglieder des Kulturzentrums haben daraufhin festgestellt, dass weitere Projekte mit Kindern wünschenswert sind und zeitweise wurden Plätze für Ausstellungen zur Verfügung gestellt, aber auch Lesungen, Spiele und andere Aktivitäten organisiert.

Das Buchteufelchen, Ethnografie, Fotografie und mehr

„El diablito de los libros“ das Buchteufelchen ist eine Minibibliothek auf einer Schubkarre, wie sie auf Märkten benutzt werden. Es ist ein Werkzeug, das man hier unter dem Namen "Teufel" kennt. Der Teufel wurde mit Regalbrettern ausgelegt und mit einer exzellenten Auswahl an Kinderbüchern ausgestattet, die von CONACULTA und der BS von Oaxaca (eine Kinderbibliothek) gespendet wurden. Das "Buchteufelchen" bewegt sich aktiv über den Marktplatz und zurzeit auch im angrenzenden Wohngebiet Arboleda, das aus unübersichtlichen Ansiedlungen besteht und als äußerst unsicher gilt. In Mexiko tragen solche Wohngebiete den Spitznamen paracaidistas (Fallschirmspringer).

„Der Teufel wird immer von Leseaktivitäten begleitet. Es werden Bücher verliehen und Theater gespielt. Das Theaterspielen ist eine ausgezeichnete Übung zum Leseverständnis, denn wenn man Theater spielen will, muss man den Text verstehen. Wir bieten jetzt auch Breakdance und künstlerische Kurse im Anschluss an die Lektüre an."


Es gibt auch andere Leseinitiativen auf dem Markt: seit 2001 leitet Magdalena Acevedo den Lesesaal des CONACULTA Programmes. Dieser Saal stellt Bücher speziell für Händler zur Verfügung. Magdalena erklärt, dass das Ziel ist, den Menschen, die auf dem Markt arbeiten, Bücher zugänglich zu machen, da diese Menschen gewöhnlich viele Stunden auf ihren Arbeitsposten verbringen und kaum die Möglichkeit haben zu lesen.

Es gibt zahlreiche positive Reaktionen auf das Angebot. Das Bündnis mit dem Projekt "Der Balkon" hat es ermöglicht, die Teilnahme von Künstlern in die Aktivitäten im Lesesaal miteinzubeziehen. Das jährlich stattfindende Kulturfestival "Abastos de letras" (Buchstabenmarkt) beinhaltet Runde Tische, Musik, Teater, Ausstellungen, Kino, Buchpräsentationen und Lesungen von Erzählungen und Gedichten. Es wurde vom Poeten Jesús Rito García im Jahr 2011 initiiert.

"El Balcón" (Der Balcón) der sich selbst als parasitäres Konstrukt bezeichnet, versteht sich als Kulturmaschine, die andere Maschinen in Gang setzt. Im Mai 2015 hat das Kulturzentrum eine Gedenktafel für die 1400 Präsentationen aufgestellt, die auf dem Markt stattgefunden haben. Die Verwaltung des Zentrums stellte außerdem einen Raum für die Festlichkeiten zur Verfügung. Und das Jahresende gipfelte mit der Präsentation eines Projektes, an dem seit 2013 mit den Schülern der Grundschule "Profesor Vicente González Díaz" gearbeitet wurde: Das Briefmarkenalbum.

Es handelt sich um ein Album mit Sammelbriefmarken, deren Bilder von Kindern selbst aufgenommen wurden. Die Kinder haben die verschiedenen Beschäftigungen und Aktivitäten, die auf dem Markt stattfinden, porträtiert. Die Kameras, die die Kinder für dieses Projekt erhielten, wurden vom Museum für Moderne Kunst in Oaxaca gespendet. Bei diesem einmaligen Akt der Anerkennung und Identifikation, wurden 21 Tausend Bilder festgehalten: "Mein Raum, Mein Stand, Mein Ort".


Die Bündnisse dieses Kulturzentrums umfassen die Staatssekretärin für Kultur, die Nationale Stiftung für Kultur und Kunst, die Stiftung Harp Helú, sowie auch die lokalen Instanzen und vor allem die Mieter des Großmarktes. Auf einer Webseite, die ebenso atemberaubend ist, wie das Leben auf dem Markt selbst, veröffentlicht Der Balkon seine Workshops, Radio, Theater und alle anderen künstlerischen Projekte, die in den letzten 4 Jahren realisiert wurden.
Karina Gutiérrez
Goethe-Institut
Januar 2016
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