Aus der Szene - aktuell

Digitale Lektüre und Onlinequellen

All das, was sich aus Büchern heraus entwickelt, erfährt wachsende Resonanz.

Die Geschichte der Literatur ist auch die Geschichte vom Inhalt und von der Form. Die Form, also der Träger des Inhaltes, beeinflusst und verändert seinen Inhalt. Die erste Form war die Höhlenmalerei und die menschliche Stimme, die mündlichen Überlieferungen. Dann kam die Schriftrolle, dann das Buch und jetzt sind es die mobilen Computer, die Tablets und andere mobile Geräte. Wie verändert der Träger seinen Inhalt? (Welchen Einfluss hat er auf ihn?) Welche Lektüren verlieren an Bedeutung oder gehen gar ganz verloren? Wie verändert sich unser Leseverhalten?

Die Spezialistin Laura Borras sagt, dass das Lesen am Bildschirm keine neue Leseform ist, weil wir sie bereits kennen. Sie gleicht dem Lesen einer Schriftrolle, die sich aufrollt. Man gleitet im Text immer weiter runter, indem man auf der Seite runterscrollt. Sie heißen zwar Web- "Seiten", gleichen aber eher einer unendlichen Schriftrolle. Mit dem Unterscheid, dass die heutigen "Schriftrollen" Bilder, Videos, Links zu anderen Seiten, Spiele, etc. beinhalten.

Dies beschreibt nur die Lektüre am Computer, beim Lesen einer Webseite beispielsweise. Das digitale Reich bietet aber auch die Möglichkeit, ein Comic-Video anzusehen, eine App von Alice im Wunderland oder Rotkäppchen herunterzuladen, ein Videospiel zu Hänsel und Gretel zu spielen, die Empfehlung eines Booktubers über eines von John Greens Werken zu lesen oder Die Schatzinsel als E-Book oder digitales Buch zu lesen.

Angesichts des Enthusiasmus, den die neuen Leseformen hervorrufen, entsteht auch die Notwendigkeit, das Material durchzusehen und zu studieren. Nicht selten treffen wir auf ein beeindruckendes digitales Feuerwerk mit Animationen, Geräuschen und sogar intelligenten Sprachfunktionen mit Stimmerkennung. Allerdings muss man sich hier fragen: Ist das alles notwendig? Welche Funktion hat es? Werden Fragen dadurch aufgeworfen? Ist es verständlich? Wird der Inhalt hierdurch unterstützt? Wird zum Spielen angeregt?

Die Spezialistin Celia Turrión sagt dazu: „Ich denke, dass wir die flexiblen und durchlässigen Grenzen der Literatur analysieren und diskutieren müssen, damit sie ihren unschätzbaren Zweck jetzt und auch in der Zukunft erfüllen kann."

Wir wollen an dieser Stelle die ohnehin erschöpfte Diskussion darüber, ob es das Buch als materiellen Gegenstand auch in Zukunft geben wird, nicht vertiefen. Es gibt sehr gute Argumente für sein Bestehen und ebensolche für sein Verschwinden. Schlussendlich gibt es eine Übereinstimmung darüber, dass beide Träger, der Physische als auch der Digitale, Potential haben. Die Art und Weise des Zusammenwirkens dieser beiden Träger wird sich in Abhängigkeit vom Nutzerverhalten der Leser weiterentwickeln.

Auch wenn sich die digitale Literatur bereits seit den 90ger Jahren entwickelte, so findet doch dank der Fortschritte im Bereich der mobilen Technologien, vor allem jetzt, im neuen Jahrhundert, ein Boom auf dem digitalen Markt statt.

Turrión sagt dazu: „Der Impuls zur Kreation von Inhalten dieser Art, wird heute außerdem stark von kommerziellen Strategien getrieben. Die neuen Geräte wollen mit Inhalten gefüllt werden, was dazu führt, dass ein großer Teil der Geschichten, die für diese Träger entwickelt werden, neben dem erzieherischen und spielerischen, auch einem kommerziellen Zweck dienen. Die Ideen der Autoren und anderen Produzenten über das, was auf diesem Gebiet an die Kinder angepasst werden muss, ist ein sehr interessantes Forschungsfeld."

Turrión sagt auch, dass die Figur des "digitalen Lesers" neu entstanden ist und sich von interaktiven Vorschlägen nährt. „Der halboffene Charakter der meisten digitalen Werke, gleicht das Verhalten der Leser, dem der Nutzer von Videospielen an, obgleich es substanzielle Unterschiede gibt. Dadurch, dass die Lektüre interaktive Züge annimmt, entstehen neue Herausforderungen für Leser und Vermittler, denn wie kann der Autor seine Geschichte noch kontrollieren, wenn sie beim Lesen nicht fertig ist?

Es scheint offensichtlich, dass die aktuelle digitale Produktion sich aus der mündlichen, schriftlichen, visuellen und audiovisuellen Literatur für Kinder heraus neu sortiert, neu erfindet und neu schreibt.

Hier ein kurzer Überblick über einige dieser Formen.

E-Books/ digitale oder elektronische Bücher/ Apps

Es gibt digitalisierte Bücher in denen der Inhalt 1:1 in digitaler Form reproduziert wurde. Er kann nun auf mobilen Geräten gelesen werden, wie zum Beispiel dem Kindle, welches speziell zum Lesen entworfen wurde. Manche bieten zusätzliche Animationen und Interaktive Funktionen an. Viele davon sind als App für Tablets oder andere mobile Geräte erhältlich.

Touché ist ein elektronisches Buch, das verschiedene Preise gewonnen hat. Hier finden Sie das Buch Touché um kostenfrei herunterzuladen.





Zwei Versionen von Alice im Wunderland. Die fabelhafte, animierte App- Version für das IPad: Alice for the ipad
Oder nur Text: Alicia en el País de las Maravillas

Rotkäppchen App wurde auf der Messe in Bologna ausgezeichnet und ist nicht nur durch ihre digitale Form so wertvoll, sondern auch wegen des historischen Fundes der Vers-Version von Gabriela Mistral ein kleines Juwel: CaperucitaApp 



Das schwarze Buch der Farben
: El libro negro de los colores

Eine schöne Zusammenstellung von hervorragenden App-Büchern mit einer kurzen Rezension, in der Stärken und Charakteristiken dargestellt werden, findet man unter: gretel

- Multimediale Erzählungen

Bücher, die am Bildschirm gelesen werden und deren Erzählung mit Spielen, Videos und Musik kombiniert werden kann.

Inanimate Alice. Ein Klassiker. Eine der ersten digitalen Erzählungen dieser Art und sie bringt uns auch heute noch zum Staunen. Um sie zu lesen, muss man auf der Seite nach unten scrollen und den Cursor auf "Kapitel 1" setzen. Es erscheinen verschiedene Flaggen für die Sprachauswahl. Die ersten drei Kapitel sind auf Deutsch und Spanisch verfügbar: Alice inanimate

- Animationsbücher und Animationen

Im unendlichen Universum der Adaptionen, lädt diese Form, die sich zwischen der digitalen Animation, der mündlichen Erzählung und dem Kurzfilm bewegt, dazu ein, zuzuhören und hinzuschauen: es sind die Animationsbücher.

Hier eine Serie von Animationsbüchern: Linternas y bosques
 
Das Isometrische Rotkäppchen. Eine Neufassung von Rotkäppchen mit Infografiken:Caperucita Roja Isométrica







- Spiele und Videospiele


Hänsel und Gretel
. Zuerst gibt es ein Video, in dem man sehen kann, wie das Spiel funktioniert: Hansel & Gretel Gameplay. Dieses Spiel ist nur auf Englisch verfügbar und es gibt eine kostenfreie Probeversion.

Der Goldene Kompass: The Golden Compass

- Blogs und Gemeinschaften


Auf der anderen Seite gibt es die Blogs, die Teil dieser vielfältigen Lektüre sind. In den Blogs wird die Lektüre eines Werkes über die Kritiken oder durch ein Interview mit dem Autor, weitergeführt. Auf diesem Weg erfährt man mehr über das Werk.

Fundación Cuatrogatos (cuatrogatos.org), die Chilenische Zeitschrift Había Una vez "Es war einmal" (revistahabiaunavez.cl), der persönliche Blog der Spezialistin Ana Garralón (anatarambana.blogspot.mx) und der Blog von Adolfo Córdova, Autor dieses Textes (linternasybosques.com).

Hier zwei ganz besondere, soziale Netzwerke, die für Kinder bestimmt sind und Tulabooks und LEOteca heißen.

- Fanfiktion


Außerdem gibt es das Phänomen der sogenannten Fanfiktion, welches aus digitalen Gemeinschaften besteht, die sich einen Roman, eine Erzählung, einen Film, ein Comic und deren Figuren aneignen. Sie entwickeln alternative Geschichten, schreiben neue Verläufe, stellen neue Beziehungen her und viele ihrer Teilnehmer, nehmen sogar eine der Identitäten der Figuren an.

Hier ein Blog, der speziell der Figur Legolas aus Der Herr der Ringe gewidmet ist: Legolas Fanfiction

Und hier noch einer zu Harry Potter und anderen Figuren, nicht nur aus der Saga der Magier: PotterFics

- Buchtrailer und Booktuber

Die Buchtrailer stellen eine Weiterentwicklung des Buches dar. Sie werden immer populärer, weshalb immer mehr Verlage ihre eigenen Buchtrailer veröffentlichen. Es handelt sich um ein vom Kino kopiertes Format. 

SM Ediciones. Loba de Verónica Murguía: Loba - Booktrailer  

Der Verlag Pequeño Editor macht einige der besten Trailer: Pequeño Editor - Booktrailers  

Die Booktuber sind ein Phänomen, welches die Aufmerksamkeit der Literaturvermittler, Verleger und Spezialisten der LIJ erregt. Es handelt sich um junge Menschen, die sehr gerne lesen und ihre Bücher in Videos empfehlen. Sie laden diese Videos auf YouTube in der Kategorie Booktube hoch. So Manches wird man von ihnen lernen können, denn sie schaffen es, dass ein Video mehr als 200 Tausend Mal angesehen wird.
Adolfo Córdova
Journalist, Schriftsteller und Leseförderer,
geboren in Veracruz und aufgewachsen in Mexiko-Stadt
Dezember 2015
Links zum Thema

Lesen weltweit

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